Mit Bewegungsdrang: Matt Berninger in der Porsche-Arena Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die amerikanische Alternativerockband The National hat in der Porsche-Arena in großer Besetzung ein großes Klangpanorama aufgeblättert.

Stuttgart - Immer und immer wieder bewegen sie sich auf immer gleiche Weise auf immer dem gleichen ins Gras getrampelten Pfad im Kreis, die beiden Zwillingspärchen in Ragnar Kjartanssons „Death is elsewhere“. Bis vor Kurzem war diese 360-Grad-Videoprojektion bei der im doppelten Wortsinn großen Werkschau des isländischen Künstlers im Stuttgarter Kunstmuseum zu sehen. Eine sich von platten Wiesen über sanfte Hügel bis zur bergigen Welt auftürmende Landschaft im sich mitdrehenden Hintergrund, zwei mild auf ihren akustischen Instrumenten schrammelnde Gitarristen und ihre leichtfüßig lustwandelnden Begleiterinnen: eigentlich passiert nichts in dieser Installation – und doch passiert dort so vieles, was die Sinne befeuert und die Imagination beflügelt.

Zwillinge unter sich

Eins der beiden Zwillingspärchen in Kjartanssons Arbeit sind Bryce und Aaron Dessner, die beiden Gitarristen der New Yorker Indieband The National. Zwei Monate nach der Finissage sind, wie’s der Zufall so will, die beiden Brüder nun abermals in Stuttgart zu sehen. Wieder im großen Rahmen, diesmal in der Porsche-Arena, wo sie am Donnerstagabend in einer so verblüffend wie desillusionierend mit dreitausend Zuschauern nur zur Hälfte gefüllten Halle aufgetreten sind. Man hätte sie angesichts ihres sauber erspielten Renommees und spätestens nach ihrem im Mai erschienenen, überall höchst wohlwollend aufgenommen, sogar mit sehr guten Chartplatzierungen belohnten Album „I am easy to find“ etwas „größer“ und zugkräftiger vermutet.

Die Dabeigewesenen dürften ihre Anwesenheit allerdings keinesfalls bereut haben, denn wie jüngst im Kunstmuseum passiert auf den ersten Blick nichts außergewöhnliches, und doch ergibt sich ein äußerst vielschichtiger Abend. Gemeinsam mit den Gebrüdern Dessner befindet sich nämlich nicht nur ein weiteres Zwillingspaar auf der Bühne, die Bandmitglieder Bryan und Scott Devendorf an Schlagzeug und Bass, sondern quasi als Pendant zu den beiden Damen aus Kjartanssons Installation auch das Sängerinnenpaar Hannah Georgas und Kate Stables, die Backgroundsängerinnen zu titulieren eine ungehörige Tiefstapelei wäre. Und damit es neben der kanadischen Songwriterin (die auch das Vorprogramm bestritten hat) und ihrer britischen Kollegin (bekannt für ihr Wirken als This is the Kit) auch gut gefüllt auf der Bühne zugeht, gesellen sich noch ein zweiter Drummer sowie zwei Bläser dazu.

Sowie natürlich der The-National-Sänger Matt Berninger, der als Kontrapunkt zu seinen außerordentlich stoisch agierenden Mitmusikern eine Quirligkeit mitbringt, die sogar das sprichwörtliche Bad in der Menge in ganz neue Dimensionen hebt. Jenseits dessen verfügt er aber auch über einen wirkmächtigen Bariton, der seinesgleichen sucht. Fabelhaft, wie er seine Stimme modulieren kann, vom kehlig gepressten Barmen über die tiefe Inbrunst bis zum sonoren Schönklang. Und beeindruckend ebenso, wie die Band dazu agiert: melancholisch-düster, rotzig heraustrompetend, ausdifferenziert in Melodik, Harmonik und Metrik, vom ziseliert-reduzierten „I need my Girl“ zur Halbzeit des Konzerts bis zum bollernden „Day I Die“, vom perkussiven „Rylan“ vom aktuellen Album zum Auftakt des Abends bis hin zum letzten Song des regulären Sets, dem schwelgerischen „Fake Empire“ vom Debütalbum „Boxer“.

Reichhaltige Instrumentierung

Durch die Bank tolle Musik, keine Frage, der Ensembleklang hinterlässt an einem künstlerisch herausstechenden Abends kaum einen Zweifel. Allenfalls könnte man sich fragen, ob er nicht eine Spur zu überinstrumentiert klingt, ob etwa zumindest der zweite Schlagzeuger verzichtbar gewesen wäre oder ob man ein paar Ziegelsteine von der Wall of Sound hätte abnehmen können; aber andererseits wirkt er in den extrem druckvollen Momenten dennoch stimmig, insbesondere als Kontrast in jenem dynamischen Wechselspiel mit den reduziert-sanften Phasen, welches die Band wirklich meisterhaft beherrscht. Der Sound und das Ambiente in der Halle allgemein hingegen? Nun ja, klar, dass der Klang gewiss kaum mit dem Gastspiel von The National auf der letzten Tour vor zwei Jahren in der Hamburger Elbphilharmonie und auch nicht mit einer Clubatmosphäre wie in der Röhre – wo The National bei ihrem letzten Stuttgarter Konzert vor zwölf Jahren auftraten – mithalten kann. Und man wünscht der Band ja auch von Herzen ein möglichst großes Publikum. Ungeeignet bleibt die Mehrzweckhalle namens Porsche-Arena für derlei Konzerte dennoch.

„Vanderlyle Crybaby Geeks“ spielen sie schließlich, wie bei der Band seit einiger Zeit üblich, als letztes Stück der Zugabe und des langen Abends. Die Mikrofone sind abgeschaltet, nur zwei Akustikgitarren intonieren die Melodie, zwischen der Band und dem Publikum entspinnt sich ein Unplugged-Singalong von ungewöhnlicher Intimität, wie man sie nur selten bei Konzerten erlebt. Mit diesem wunderbaren Finale entlässt die Band ihr Publikum in die Nacht, allerdings auch abermals mit dem Gefühl, dass Stuttgarts Kulturleben wirklich dringend ein neues Konzerthaus braucht. Allerdings keins, wie es so manchen Bürgerinitiativen-Initiatoren vorschwebt, sondern eines, das mit einem wohlklingenden und ansprechenden Ambiente der gehaltvollen Popmusik und rund dreitausend Zuschauern Platz bietet.

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