Jungstar Felix Auger-Aliassime debütiert dieses Jahr auf dem Weissenhof – und könnte interessante Gegner bekommen. Klicken Sie sich durch unserer Bildergalerie. Foto: Getty

Aus Kanada, dem Land der Eishockeyspieler, stammen einige der aufregendsten Tennis-Jungstars wie Felix Auger-Aliassime (18) und Denis Shapovalov (20). Beide spielen im Juni auf dem Stuttgarter Weissenhof. Der Tennisboom in Kanada ist kein Zufall – er ist akribisch vorbereitet worden.

Stuttgart - Der 13. Februar 2011 war für Kanada ein Tag von sporthistorischer Bedeutung. Beim Tennisturnier in San José besiegte Milos Raonic im Finale den Titelverteidiger Fernando Verdasco (Spanien) und wurde zum ersten Kanadier seit 16 Jahren, der einen ATP-Titel gewann. Greg Rusedski war 1995 der vorerst letzte gewesen, ehe er seine Karriere in den Farben Großbritanniens fortsetzte.

Heute staunt niemand mehr, wenn Sportler aus dem Land der Eishockeyspieler Tennisturniere gewinnen – stattdessen lautet die große Frage: Wann wird erstmals ein Kanadier Grand-Slam-Sieger? Die Experten sind sich einig: Lange dürfte es nicht mehr dauern.

Aus keinem anderen Land sind zuletzt so viele aufregende Jungstars in die Weltspitze vorgedrungen wie aus Kanada. Bei den Frauen gewann im März Bianca Andreescu (18) mit einer Wildcard sensationell das Turnier in Indian Wells. Bei den Männern wurde kurz darauf der Siegeszug des Qualifikanten Felix Auger-Aliassime (18) beim Mastersturnier in Miami erst im Halbfinale gestoppt. Beide sind die einzigen Teenager in den Top 30. Andreescu ist bereits auf Position 23 geklettert, Auger-Aliassime hat sich seit Jahresbeginn von Rang 108 auf 30 verbessert. Hinzu kommt in Denis Shapovalov (Nummer 20) der bestplatzierte 20-Jährige hinter dem Griechen Stefanos Tsitsipas (Nummer zehn).

Leitwolf Milos Raonic führt das junge Tennis-Rudel an

Als Leitwolf führt noch immer Milos Raonic, der inzwischen 28 Jahre alte Impulsgeber des Booms, das Tennisrudel aus Nordamerika an. Acht Titel hat der Aufschlaghüne mittlerweile gesammelt, in Wimbledon stand er 2016 ebenso im Finale wie i m vergangenen Jahr auf dem Stuttgarter Weißenhof. Bei der nächsten Auflage des Mercedes-Cups (8. bis 16. Juni) wird Kanadas Top-Trio erstmals vollzählig auf dem Killesberg aufschlagen.

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Es ist ein Tennis-Wunder, das nicht vom Himmel gefallen ist, sondern auf weitsichtiger (Sport-)Politik gründet. Einerseits wurde 2007 der National Tennis Centre (NTC) in Montreal eröffnet, in dem der Nachwuchs unter hoch professionellen Bedingungen und mit großem finanziellen Aufwand gefördert wird. Vier NTC-Absolventen haben seither Junioren-Grand-Slams gewonnen, zuletzt Felix Auger-Aliassime, der bei den US Open 2016 triumphierte und im Jahr zuvor zudem an der Seite seines Kumpels Shapovalov den Junior-Daviscup geholt hatte.

Kanada – ein Musterbeispiel gelungener Integrationspolitik

Andererseits ist Kanada unter dem liberalen Premier Justin Trudeau zu seinen Wurzeln zurückgekehrt und wieder zu einem Musterbeispiel gelungener Einwanderungspolitik geworden. Multikulti steht weit oben auf der Agenda Trudeaus, dessen Immigrationsminister Achmed Hussen als Jugendlicher aus Somalia nach Kanada kam. In den vergangenen Jahren wurden die Einwanderungsformalitäten stark vereinfacht, die Bearbeitungsdauer verkürzt, der Familiennachzug erleichtert. Bis 2020 soll die Zahl der Einwanderer pro Jahr auf 340 000 erhöht werden – so viele wie seit 100 Jahren nicht. Schon jetzt ist fast jeder Vierte der 37 Millionen Einwohner Kanadas im Ausland zur Welt gekommen – darunter viele Sportstars.

Milos Raonic kam in Montenegro zur Welt und flüchtete mit seinen Eltern, beide Ingenieure, als Dreijähriger vor dem Jugoslawien-Krieg nach Kanada. Denis Shapovalov wurde in Tel Aviv geboren, nachdem seine Eltern nach dem Kollaps der Sowjetunion nach Israel emigriert waren. Noch vor dem ersten Geburtstag des Sohnes siedelten sie nach Toronto über. Dort kam Bianca Andreescu zur Welt, die mit sieben in die rumänische Heimat ihrer Eltern zog und mit elf wieder nach Kanada zurückkehrte. „Ich sehe mich selbst als Grand-Slam-Siegerin, vielleicht sogar mehr. Ich möchte eine Inspiration für so viele Leute wie möglich sein“, sagte die 18-Jährige schon vor ihrem Coup in Indian Wells, wo sie im Endspiel Wimbledon-Siegerin Angelique Kerber bezwang.

Felix Auger-Aliassime bricht fast sämtliche Altersrekorde

In Togo schließlich wuchs mit zwölf Geschwistern der Vater von Felix Auger-Aliassime auf, ehe er 1996, im Alter von 25, nach Kanada auswanderte und als Tennislehrer zu arbeiten begann. Sein Sohn Felix gilt schon seit Jahren als Wunderkind und bricht fast sämtliche Altersrekorde. Mit 14 war er der jüngste Spieler der Geschichte, der ein Match bei einem Challenger-Turnier gewann. Mit 16 holte er seinen ersten Titel, mit 17 gehörte er als jüngster Spieler seit Rafael Nadal zu den Top 200 der Welt. In Rio de Janeiro stand der Senkrechtstarter im Februar erstmals im Finale eines ATP-500-Turnier – als Jüngster in der Historie, versteht sich.

In Monte Carlo hat der deutsche Jungstar Alexander Zverev (22) zuletzt zwar Auger-Aliassime besiegt – doch ahnt der Weltranglistendritte auch mit Blick auf Shapovalov: „Kanada hat derzeit zwei heranwachsende Grand-Slam-Champions.“

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