Take That auf Deutschlandtour Foto: dpa

Kitsch und Konfetti, Seepferdchen und Bonbon-Anzüge, Flammenwerfer und kreischende Frauen: Take That gastierten am Sonntagabend in der Stuttgarter Schleyerhalle vor 7000 Fans. Auch zu dritt machen sie das, was sie am besten können: singen, tanzen, unterhalten.

Stuttgart - Popstars haben ja gern mal einen Hang zur Übertreibung, und Konzerte sind längst nicht mehr nur Musikdarbietungen. Da wird geturnt, getanzt, um- und ausgezogen - und ja, gesungen wird auch.

Take That wissen, was sie ihren Fans schuldig sind. Viele sind gekommen, die früher schon da waren. In den neunziger Jahren, als Boygroups ihre Hochzeit hatten. Heute sind sie alle älter geworden - die auf und vor der Bühne. Noch ein Glas Prosecco, „Prösterchen“, „schön, dass wir mal wieder aus sind“, hört man die Frauen sagen - und los geht das Sonntagabend-Ereignis zur besten Zeit, zu der man sonst vor dem „Tatort“ auf der Couch einschläft.

Heute aber: Keine Chance, mal eben kurz wegzuschlummern. Das, was sich da auf der Bühne der Stuttgarter Schleyerhalle abspielt, ist ein großes Spektakel: bonbonfarben, laut, durchgeknallt - von allem etwas zu viel und völlig übertrieben. Viel Glitzerkonfetti und Pyrotechnik, schwebende Quallen und trommelnde Seepferdchen - irgendwo dazwischen, drei tanzende Herren, die auch wunderbare Pophits in petto haben. Es passt irgendwie, dass das Cannstatter Volksfest nur wenige Meter entfernt ausgerechnet am selben Abend mit einem Feuerwerk zu Ende geht.

„Guten Abend Stuttgart“ und „schaffe, schaffe Häusle baue“

Die Stars in der Manege sind hier Gary Barlow, Howard Donald und Mark Owen. Sie kommen nach einem ellenlangen Intro mit viel Applaus auf die Bühne, tragen himbeerrote, kobaltblaue und pfefferminzfarbene Zweireiher. Mark begrüßt das Publikum auf Deutsch, sagt „Guten Abend Stuttgart“ und „schaffe, schaffe Häusle baue“. Man hat sich vorbereitet auf den letzten Abend der Deutschlandtour.

Mark, Gary und Howard sind die übrigen drei, also nicht mehr richtig Take That. Robbie Williams vermisst man ja schon seit 1995 schmerzlich. Dieser hatte dann aber eine Solokarriere hingelegt, die die anderen vor Neid erblassen ließ, und kam kurzfristig wieder zum Mutterschiff zurück. Dann gab es 2005 die Wiedervereinigung der Verbliebenen mit Jason Orange, der 2014 wieder ausgestiegen ist.

So viel zur 25-jährigen Bandgeschichte, die viele Höhen und Tiefen zu bieten hat. Mit der Zuschreibung des Begriffs Boygroup tut man den Drei natürlich unrecht, sie sind längst keine Boys mehr, sondern gestandene Herren, die in der Stuttgarter Schleyerhalle vor rund 7000 Fans singen.

Take That waren einmal der Prototyp einer Boygroup, die Über-Boyband, heute Mittvierziger-Männer, die eine Show für die ganze Familie bieten müssen. Das gelingt ihnen, der sechsköpfigen Band und den neun Tänzern ganz gut, auch wenn die Show einen roten Faden vermissen lässt. Die Venue ist nicht ausverkauft. Ein Teil der Mehrzweckhalle wird hinter einem Vorhang versteckt. Die anderen Konzerte ihrer Deutschlandtour waren zum Großteil ausverkauft.

Wechselnde Kostüme und Konfettiregen

Die Bühne ist ein elliptischer Laufsteg, in der Mitte davon dürfen glückliche Fans stehen, die auch mal die Hände geschüttelt bekommen und ganz nah dran sind an den Herren in wechselnden Kostümen, drin im Konfettiregen. Das, was Take That da machen, ist ein Spektakel. Eine Art Musical vielleicht. Da fühlt man sich bisweilen an den pastellfarbenen Musicalfilm „Die Regenschirme von Cherbourg“ erinnert, um dann im nächsten Moment in eine Fantasy-Unterwasserwelt mit schwebenden Quallen, tanzenden Seeanemonen und trommelnden Seepferdchen abzutauchen.

Mark, Howard und Gary tragen güldene Glitzerboas. Es gibt - wie immer in diesen knapp zwei Stunden - von allem viel. Es ist keine Nostalgieshow, auch wenn die alten Hits wie etwa „Pray“ und natürlich „Back For Good“ besser ankommen als die jüngeren Lieder. Von der Musik wird man bisweilen fast schon etwas abgelenkt, wenn sie beispielsweise in weißen Mänteln auf Podesten stehen, einem „Matrix“ und Kraftwerk in den Sinn kommen, singen sie „Affirmation“. Später dann verlieren sich die Bühnenbildner in Asienkitsch.

Es gibt aber viele schöne Momente. Wenn etwa Owen Barlow fragt, in wie vielen Ländern „Back For Good“ auf Platz eins war. Und Barlow antwortet: „So genau weiß ich das nicht, aber 47?“ Smartphones leuchten, die Augen der Fans glänzen. Niemand hält es auf den Sitzen im Rund.

Beim Klassiker „Could It Be Magic“ tanzen sie die alten Choreografien - ganz klar, um zu zeigen: „Hey, schaut mal, wir können das noch“. Einmal wischt sich Barlow übertrieben den Schweiß von der Stirn. Es ist einer der vielen kleinen Momente in dem großen Getümmel, den man mögen muss. Denn irgendwie ist bei all den exaltierten Posen auch etwas Ironie dabei.

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