Sudan traditionell: In den Ausläufern der Stadt Kassala begeistern Granitfelsen. Foto: Michael Werner

Die Republik Sudan will sich für Touristen öffnen. Wer dorthin reist, findet kaum andere Urlauber aber dafür Wunder über und unter Wasser. Einfach wird das Projekt Offene Türen trotzdem nicht, denn das Image des nordostafrikanischen Landes ist nicht gut.

Khartum - Sonnenaufgang in Port Sudan: Der Fahrer hat zwei riesige stinkende Dieselfässer in den Minibus gezwängt, in dem ein Dutzend Reisende und noch mehr Koffer und Taschen Platz finden sollen. Ein Ding der Unmöglichkeit, selbst im kreativen Afrika. Also Fässer raus, Menschen und Material rein. Die Fässer, heißt es, werden der Gruppe auf der Ladefläche eines Pick-up-Trucks folgen.

Aber der Pick-up-Truck kommt nicht. Verspätung: Murren, Schimpfen, Mördergesten. Schließlich wird der verzweifelt wirkende Fahrer von seinem dubios wirkenden Vorgesetzten zur Abfahrt gezwungen. Ohne Dieselfässer.

Wenn man acht Stunden später in der staubigen Kleinstadt Kassala ankommt, in deren felsigen Ausläufern sich eine der weltweit am schönsten gelegenen Moscheen befindet, dann erschließt sich der Grund der Fahrerverzweiflung: Vor den Tankstellen bilden sich Hunderte Meter lange Warteschlangen. Es gibt zehn Tage lang in weiten Teilen des Sudans kaum Treibstoff, wegen Wartungsarbeiten an der einzigen Raffinerie des Landes, heißt es. Die mit schwerem Gepäck reisenden Deutschen haben dem Fahrer das Geschäft seines Lebens vermasselt. Und ein paar Tage später fällt es einem anderen Fahrer schwer, auf dem Schwarzmarkt Diesel für die Wüstenfahrt von Karima (sensationelle Pyramiden!) nach Meroe (noch sensationellere Pyramiden!!) zu organisieren. Darum wieder verspätete Abfahrt, deshalb Ankunft gerade noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang an einem der magischsten Orte Afrikas.

Fische in unwahrscheinlichen Farbkombinationen

Die Pyramiden von Meroe, diese unglaublich erhabene Ansammlung kul­turellen Reichtums im Wüstensand, präsentieren sich im orangefarbenen Abendlicht genauso touristenfrei wie das kristallklare Wasser rund um den Leuchtturm auf einer Betonplattform im Roten Meer unweit von Port Sudan: In den Riffen des Meeresschutzgebietes Sanganeb schwimmen Fische, die man nie zuvor gesehen hat, in unwahrscheinlichen Farbkombinationen zwischen intakten Korallen und schimmernden Muscheln.

Dieses Unterwasserparadies liegt nur zwei Bootsstunden entfernt von reich bestückten Märkten, wo Essen verschenkt wird, wenn dem Standbetreiber das Wechselgeld ausgegangen ist. Außerdem hält dieses Traumland bereit: erhabene Moscheen, in deren Nachbarschaft arme Frauen in bunten Gewändern Datteln und Kaffee mit sehr viel Kardamom und Ingwer verschenken. Dazu: Billard unter freiem Himmel an der Uferpromenade in Port Sudan – offenbar regnet es hier nie, und niemand scheint sich vor Billard­kugel-Dieben zu fürchten. Außerdem eine tolle Erfahrung: Inlandsflüge mit Badr Airlines, die zwar in der EU auf der Schwarzen Liste steht, aber dafür springt niemand hektisch auf, wenn nach der Landung der Anschnall-Ende-Gong erschallt. Hier wartet man entspannt sitzend, bis sich die Tür zur Gangway öffnet.

Doch damit nicht genug an Sensationen: In der Hauptstadt Khartum liegen pulsierende Musikcafés auf Flößen am Nilufer, in denen schöne Menschen ihre Abende ohne Alkohol genießen. Rauchende Männergruppen, aufwendig gestylte Frauengruppen, jung verliebte Pärchen, würdig zusammengewachsene Ehepaare und fröhliche Familien lauschen dort gemeinsam hochemotionaler Musik mit Sehnsuchtslyrik und Geige; dies geschieht ebenfalls touristenfrei. Vieles in diesem Land ähnelt der land­läufigen Vorstellung vom Garten Eden. Doch es gibt da ein Problem.

Loyal zum Präsidenten

Das Problem hat einen Namen: Omar al-Baschir, der Präsident, der kaum irgendwohin reisen kann wegen des internationalen Haftbefehls vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Das Gericht wirft dem Präsidenten vor: Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen im Darfur-Konflikt. „Er ist ein übler Diktator“, sagt auf der Terrasse des Coral Hotels in Port Sudan ein Geschäftsmann, der Zigaretten verschenkt, „er hat alles zerstört!“ Dann erklärt der Unternehmer, der Gummi arabicum für Briefmarken, Künstlerfarben und Lebensmittel weltweit exportiert, wie er mit Bankkonten in Dubai die Sanktionen gegen den Sudan umgeht.

Mohamed Abuzaid Mustafa, der Tourismusminister in al-Baschirs Regierung – ein verbindlicher Typ, der gerne lacht und viel besser Englisch spricht als sein Übersetzer –, frohlockt hingegen im tiefgekühlten Kongresszentrum der Industrie- und Handelskammer in der Hauptstadt Khartum: „Dank Präsident al-Baschir gibt es jetzt bald unkomplizierte Visa.“ Und in Kassala ziert das Bildnis des Präsidenten überdimensional ein Plakat vor der Granitlandschaft bei der Moschee. „Al-Baschir ist nicht das Problem“, sagt der Tourismusminister, wenn man ihn fragt. Westliche Propaganda, angeführt von den USA, erschwere die Umsetzung des touristischen Masterplans des Sudans, der auf Öffnung fußen soll.

Dabei ist im Zuge der Öffnung des bis vor Kurzem abgeschotteten Landes nach außen auch im Inneren Großes im Entstehen – sogar innerhalb der Untergangssymbolik in der einst florierenden, in den 50er Jahren verlassenen und bald darauf verfallenen Hafenstadt Suakin: Falken fliegen dort zwischen den Ruinen herum, und in der Neustadt schenkt einem der Besitzer der Cafeteria zwei Fladenbrote für 2 Pfund (0,03 Euro), weil er kein Rückgeld auf 50 Pfund hat. Nebenan posieren Buben für Fotos auf Kühltruhen der EU und rufen „I love you, Turkey!“, weil Erdogan in Erinnerung an osmanische Zeiten hier kräftig in den Wiederaufbau investiert: An den Einfallstraßen der Hauptstadt Khartum wird noch in Erinnerung an seinen letzten Staatsbesuch auf Bannern die Freundschaft zwischen der Türkei und dem Sudan, zwischen den Präsidenten Erdogan und al-Baschir beschworen, die Allianz der Verfemten.

Der Goldrausch und dcr Gouverneur

Die Sudanesen jedenfalls hegen große Pläne: Hie wie da sollen Luxusresorts gebaut werden, zum Beispiel in der Nähe des Maritimschutz-Gebietes Dungonab. Aber zur Zeit läuft es noch so, dass man auch mal nachmittags von Port Sudan zwei Stunden bis Dungonab durch die Wüste fährt, eigentlich zum Glass-Bottom-Boat-Fahren, aber weil es bei der Ankunft schon dunkel ist, inspiziert man stattdessen fünf Minuten lang ein handgemachtes Boot am Steg, dessen gläserner Boden auch Nichtschwimmern Fisch- und Korallenbeobachtungen ermöglichen soll. Die Dorfbewohner präsentieren das Boot stolz wie einen Schatz. Dann fährt man unverrichteter Dinge zurück nach Port Sudan und trifft dort den Gouverneur des Bundesstaates Red Sea State, Ali Ahmed Hamid.

Der Gouverneur berichtet vom neuen Goldrausch in der Wüste. Wenn man Lust habe, könne man ruhig mal rausfahren und graben: „Wenn ihr Gold findet, schenke ich es euch.“

Wenn man ihn auf die schwierigen Bedingungen seiner Öffnungs-Offensive anspricht, die Sanktionen, den per Haftbefehl gesuchten Präsidenten, den sofortigen Verlust des Privilegs der einfachen Esta-Einreise in die USA beim Besuch des Sudan, dann sagt Ali Ahmed Hamid, dass sich die Regierung in Verhandlungen mit den USA und mit Europa befinde: „Mit euch haben wir bessere Beziehungen.“ Ansonsten setze er in Zusammenarbeit mit seinem Präsidenten auf Visaerleichterungen und Öffnung, damit sich die Europäer selbst ein Bild machen können. Und wie zur vorsorglichen Abwehr bekundet er: „Bei uns gehen die Christen sonntags in die Kirche, niemand hindert sie daran.“

Der Islam zeigt im Sudan tatsächlich sein tolerantes Gesicht: Auf dem Musikfloß in Khartum kann sich der einzige Europäer im Café die Zeilen der Liebeslieder einzeln von seiner Begleiterin im Hijab aus dem Arabischen übersetzen lassen. Niemand stört sich daran: „Seit ich dich kenne, klopft mein Herz!“ So geht es uns mit diesem sensationellen Land.

Hinkommen, Unterkommen, Rumkommen

Anreise

Emirates mit flydubai (www.emirates.com) fliegt ab Frankfurt über Dubai nach Port Sudan, Saudia mit Stop in Dschidda (www.saudia.com). Diese beiden Airlines sowie u. a. Qatar Airways (www.quatarairways.com), Egypt Air (www.egyptair.com) und Ethiopian Airlines (www.ethiopianairlines.com) bedienen Khartum mit einem Stop. Für den Sudan ist ein Visum erforderlich. Es kostet 60 Euro und nimmt laut der Website der Botschaft in Berlin eine Bearbeitungszeit von mindestens zwei Wochen in Anspruch. Vor Fernreisen empfiehlt sich grundsätzlich das Studium der Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes. (www.auswaertiges-amt.de)

Unterkunft

In Port Sudan bieten das Coral Hotel (www.hmhhotelgroup.com) und das Basiri Plaza Hotel (basiriplaza.com)DZ/F für rund 100 Euro an. In Khartum kosten DZ/F im Acropole Hotel (www.acropolekhartoum.com) sowie im Myki Residency Hotel (www.mykiresidency.com) ca. 85 Euro. Unter anderem die Reiseveranstalter Ikarus Reisen (www.ikarus-reisen.de) und Chili Reisen (chili-reisen.de) bieten Rundreisen an.

Allgemeine touristische Informationen

www.visitsudan.de (online ab 15. Juni)

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