Sebastian Turner am Mittwoch im Ratskeller: Nachdem er im ersten Wahlgang auf Rang zwei gelandet ist, läutet der OB-Kandidat einen härteren Wahlkampf ein. Foto: Leif Piechowski

Schonwaschgang im Wahlkampf? Das war einmal. Die Duellanten Fritz Kuhn und Sebastian Turner erhöhen die Schleuderzahl. Turner wirft dem Grünen Täuschung vor. Der tue harmlos, wolle aber die Autofahrer schikanieren.

Stuttgart - Sebastian Turner und sein Wahlkampf haben viele Gesichter. Eines zeigte er am 28. März 2012. Da überreichte der angehende OB-Kandidat der CDU seinem grünen Mitbewerber Fritz Kuhn im Bahnhofsturm ein paar Schienbeinschoner. Das sollte als Angebot eines Fairnessabkommens rüberkommen. Am Mittwoch hat der Werbeprofi unter den OB-Kandidaten mit seinen Helfern ein ganz anderes Signal gegeben: dass man Kuhn und die Grünen im Wahlkampf-Finale nicht schonen will. Der Wahlkampf und der erste Wahlgang hinterließen Spuren bei ihm, trotzdem oder gerade deswegen schalten Turner und sein Wahlkampfleiter um auf verschärfte Attacke.

Im Ratskeller zeigen sie den Medienvertretern auf, wie sie im zweiten Wahlgang der Stuttgarter OB-Wahl den Einzug ins OB-Büro zwei Stockwerke über dem Ratskeller zu schaffen gedenken: mit Hilfe der Autofahrer und mehr bürgerlichen Wählern, mit etwas größerer Nähe zur CDU und mit noch deutlicherem Bekenntnis zu Stuttgart 21. Ihre Hauptbotschaft ist die „klare Ablehnung von Autofahrer-Schikanen“. Bei der City-Maut wollen sie Kuhn stellen. Auf den Tischen liegen Blätter mit Kuhn-Zitaten aus den Jahren 2007 bis Oktober 2012. Sie sollen belegen, wie Kuhn sich für die City-Maut verkämpfte. „Im OB-Wahlkampf schmiss er diese Konzepte weg“, sagt Turner, nach der Wahl „wird er wieder einer der vehementesten Befürworter der City-Maut sein“. Entweder stehe Kuhn dazu, sagt Kaufmann, oder er oute sich als Wahlkampf-Wendehals.

Mit der Drohung einer City-Maut von mehr als sechs Euro pro Autofahrt nach Stuttgart will Kaufmann einen Teil der Wähler mobilisieren, die Turner braucht, um sein bisheriges Resultat (34,5 Prozent) auszubauen und Kuhn (36,5 Prozent) zu überholen. Kuhn und die Grünen wollten die Autofahrer aus ideologischen Gründen behindern und bevormunden, sagt Turner, ihr Recht auf Freizügigkeit beschneiden. Er dagegen empfiehlt den regionweiten Ausbau der Intergrierten Verkehrsleitzentrale.

„Manche werden nicht mehr abstimmen, andere dazukommen“

Das gefällt auch drei Fraktionschefs im Rathaus. „Autos raus“ sei der rote Faden der ideologischen grünen Stadtpolitik, sagt Alexander Kotz (CDU). Er habe „extreme Angst“ davor, wenn kein OB mehr da wäre, der im Zweifelsfall einschreite. Ein Korrektiv zur rot-rot-grünen Mehrheit im Gemeinderat sei nötig, pflichtet Jürgen Zeeb (FW) bei. Und: „Turner ist für uns das Ideal eines Stuttgarter Oberbürgermeisters zum Anfassen.“ Die Stadt brauche mehr Wirtschaftskompetenz mit Turner, nicht weniger mit Kuhn, sagt Bernd Klingler (FDP).

Neue bürgerliche Stimmen will Turner, der sich als wirtschaftskundigen Schaffer und Kuhn als experimentierfreudigen Theoretiker darstellt, nicht zuletzt in den Neckarorten holen. Dort, wo die SPD-Kandidatin Bettina Wilhelm relativ gut abgeschnitten hatte, ehe sie sich aus der OB-Wahl verabschiedete. Dort will Turner noch etwas präsenter sein als im restlichen Stadtgebiet. Überall möchte er aufzeigen, dass Wilhelms Forderungen nach mehr sozialem Wohnungsbau und einem Ausbau der Kita-Versorgung bei ihm gut aufgehoben sind. Aber auch Bürger, die bisher nicht wählten, möchte er mobilisieren. Er glaubt: „Manche werden nicht mehr abstimmen, andere dazukommen. Insgesamt wird es am 21. Oktober mehr bürgerliche Wähler geben.“

„Wir werden S 21 durchsetzen und für einen sicheren Bau sorgen – notfalls auch gegen die Bahn“

Turner justiert auch noch einmal seine Position pro Stuttgart 21 nach. „Wir werden S 21 durchsetzen und für einen sicheren Bau sorgen – notfalls auch gegen die Bahn“, sagt er. Nach seiner Auffassung müsste sie proaktiv dafür sorgen, dass die Turmfalken sich nicht auch noch im Gelände zwischen Bahnhof und Wagenburgtunnel niederlassen können, nachdem sie den Abriss der alten Bundesbahndirektion verzögert haben. Dafür brauche man „keinen Risikomanager, wie Technikvorstand Volker Kefer meinte, sondern einen Rasenmäher“, sagt Turner. Wenn es neben einem grünen Ministerpräsidenten auch einen grünen OB gäbe, werde nicht S 21 sterben, korrigiert Turner den CDU-Landesvorsitzenden Thomas Strobl.

Das Bahnhofsprojekt werde aber von Siechtum erfasst und der Steuerzahler werde sterben, weil das Projekt sehr viel länger dauere. Ob er einen zusätzlichen Aufwand der Stadt etwa für einen besseren Filderbahnhof befürworten würde, hänge von der Höhe der Mehrkosten und den Gründen dafür ab – und von partnerschaftlichen Gesprächen der Beteiligten. Der Gemeinderatsbeschluss, wonach im Falle eines Mehraufwands ein Bürgerentscheid ermöglicht wird, gelte aber nicht nur für den Amtsinhaber, sondern auch für den künftigen OB.

Turner und seine Helfer blicken gebannt auf den Freitag, wenn Kanzlerin Angela Merkel um 15 Uhr auf den Marktplatz kommt. Das zeige, sagt Turner, dass er von der Bundesregierung unterstützt werde. Dass es dem Kalkül schaden könnte, sich als parteiloser Bewerber zu präsentieren, verneint er. Kommende Woche gebe es weitere Überraschungen durch Turner-Unterstützer „auch aus anderen Parteien“.

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