Der Schriftzug des sozialen Netzwerks Facebook spiegelt sich in einem Auge: Inzwischen sind mehr als ein Drittel aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen Opfer von Cybermobbing. Foto: dpa

Die Realität ist brutal. Täglich prasselt verbaler Schmutz auf die Opfer im Internet nieder. Mehr als ein Drittel aller Jugendlichen sind von Cybermobbing betroffen. Doch was steckt dahinter? Wie sieht der Alltag aus? Eine Spurensuche im Stuttgarter Norden.

Stuttgart - Der Streit beginnt meistens auf dem Schulhof. Böse Blicke, scharfe Worte. Danach geht es im Internet weiter. Petra, 13, aus Stuttgart bekam folgende Nachricht von Pia auf ihrer Pinnwand bei Facebook: „Hey du fette Schlampe, wenn ich deine Kilo-Brobleme hätte, hätte ich ein XXXL-BROBLEM.“

Klassisches Cybermobbing.

Es ist das Schlagwort für Diffamierung, Belästigung, Bedrängung und Nötigung im Netz. Petra fühlte sich als „Opfa“. Sie hatte Angst, zur Schule zu gehen, fürchtete, „fertig gemacht“ zu werden, und durchlebte die Hölle. Verzweiflung, Wut, Hass.

Es kann jeden treffen. Alles kann zur Angriffsfläche werden: die neue Frisur, die neue Jacke, das Körpergewicht. Kleinigkeiten können reichen, dass sich eine Gruppe gegen ein Opfer verbündet oder ein Einzelner es angreift. Fatal wird es, wenn das Mobbing eine ungebremste Eigendynamik bekommt.

Was aber treibt Mobber an? Wahrscheinlich das, was er oder sie von den Erwachsenen gelernt haben. Der Kick der Machtausübung und dafür womöglich Anerkennung zu finden. Experten wissen: Mobber wollen Publikum. Nicht selten sind es auch Imponiergehabe, Niedertracht, Konkurrenzgedanken oder aber einfach Rache. Oft werden Mobbingopfer zu Tätern.

Sie wehren sich gegen die Grausamkeiten des Alltags.

Selten werden auch Täter zu Opfern. So wie bei einem spektakulären Fall in Holland – dem sogenannten Facebook-Mord von Arnheim. Das Opfer, die 15-jährige Winnie, soll auf Facebook Gerüchte über ihre beste Freundin Polly verbreitet haben. Polly (16) beschloss daraufhin, sich zu rächen. Winnie müsse dafür bezahlen, sie müsse sterben, sagte sie ihrem damaligen Freund Wesley. Beide beauftragten schließlich den 14-jährigen Jinhua mit dem Mord an dem Mädchen. Für 50 Euro stach er Winnie nieder. Später hieß es: Das soziale Netzwerk spielte bei diesem Mord eine zentrale Rolle. Facebook habe wie ein Brandbeschleuniger gewirkt.

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Ist so etwas auch in Stuttgart möglich? Theoretisch ja. Praktisch kaum. Davon sind jedenfalls die beiden Streetworkerinnen der Caritas, Jeannette Zwirblis (29) und Korina Smrcek (36) überzeugt. Kaum jemand sollte es besser wissen. Denn beide verzahnen seit zwei Jahren mobile Jugendarbeit auf der Straße und in den Schulen des Stuttgarter Nordens mit ihrer Präsenz in sozialen Netzwerken. „So können wir an der immer wichtiger werdenden Lebenswelt der Jugendlichen teilnehmen und dranbleiben“, sagt Korina Smrcek.

In diese Parallelwelt einzutauchen ersetze allerdings nicht die klassische Sozialarbeit. „Beziehungsarbeit und Beratung funktionieren nicht übers Netz“, ergänzt Zwirblis, die an der Rosensteinschule die Verbindung zwischen Lehrern und Schülern bildet. Dort erforscht sie Stimmungen, spürt schnell , wenn sich Streit anbahnt. Sie nutzt dabei auch Facebook als Frühwarnsystem und versucht, Konflikte oder Cybermobbing im Keim zu ersticken. Doch wer glaubt, die beiden Sozialarbeiterinnen hätten es täglich mit spektakulären Fällen zu tun, der irrt. „Solche Hammer- oder Kracherfälle wie der in Holland spiegeln nicht unseren Alltag wider“, sagt Zwirblis.

Dennoch ist die Realität hart. Täglich prasselt verbaler Schmutz auf die Opfer ­nieder. Inzwischen sind mehr als ein Drittel ­aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland Opfer von Cybermobbing, wie eine Umfrage der Uni Münster zeigt. Mehr noch: 21 Prozent der Befragten konnten sich vorstellen, auch als Täter im Internet aufzutreten. Manche hätten auch kein Problem damit, den anderen im Netz zum Suizid aufzufordern.

Hemmschwellen fallen

Mit solchen Fällen hatten es die beiden Caritas-Mitarbeiterinnen noch nie zu tun. Obwohl ihr Einsatzgebiet, der Stuttgarter Norden, als sozialer Brennpunkt gilt. Entweder ist es Glück, oder es liegt daran, dass die beiden vorbeugend wirken. „Schon wenn sich einer extrem melancholisch im Netz gibt, haken wir nach“, sagt Smrcek. Vielleicht haben sie so schon manche unbedachte Tat verhindert.

Denn nicht alles, was sich wie ein Drama anhört, muss auch so enden. Inzwischen haben die Sozialpädagogen genug Erfahrung, um die Nuancen der Facebook-Kommentare einschätzen zu können. Sie haben gelernt, dass das geschriebene Wort anders wirkt als das gesprochene. Die Zwischentöne fehlen, Ironie wird nicht erkannt oder falsch interpretiert. Auch die Hemmschwellen fallen. „Wenn ein Mädchen postet: ,Hilfe! Ich bin magersüchtig. Ich habe zwei Tage nichts ­gegessen‘, mögen unerfahrene Erwachsene erschrecken“, sagt Smrcek. Ein Profi weiß ­jedoch genau: „Hier will jemand schockieren, er will, dass man ihm zuhört.“

Tatsächlich sind die meisten Cybermobbing-Opfer und -Täter im Alter zwischen 11 und 16 Jahren. Stichwort Pubertät. Es ist die Zeit, in der Jugendliche besonders empfindsam sind. Sie handeln mitunter extrem und erleben vieles extrem. Vor allem Kränkungen und Verletzungen. „So kommt es vor, dass unglaublich viel im Netz abgelassen wird, was sich drastisch anhört“, berichtet Zwirblis. Aber erst beim genauen Hinsehen stellt sich heraus: Hier wird heißer gekocht, als es später gegessen wird. „Jugendliche durchleben in dieser Zeit eine Phase des Dramas in ihrer eigenen Welt“, sagt Korina Smrcek.

Cybermobbing kein Kavaliersdelikt

Doch wenn sich die Trennlinien zwischen der virtuellen und der realen Welt auflösen, wird es problematisch. Allerdings fehlen hierzu verlässliche Zahlen. Wie oft es in Stuttgart zu Beleidigungen, übler Nachrede, Verleumdung oder Stalking im Netz kommt, weiß keiner. Weder das Landeskriminalamt noch die Staatsanwaltschaft führt eine ­Cybermobbing-Statistik.

„Das lässt sich dennoch nicht wegdiskutieren“, sagt Korina Smrcek. Deshalb schärft sie den Jugendlichen immer ein: ­„Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt. Es muss Gesetze und Regeln geben, die uns wie Leitplanken schützen.“ Hardliner rufen aus diesem Grund in schweren Fällen von ­Cybermobbing nach härteren Strafen. Auch für Jugendliche, für die in Extremfällen das Erwachsenenstrafrecht gelten soll.

Neue Regeln also? Oder gar ein spezielles Cybermobbing-Gesetz? Korina Smrcek und ihre Kollegin sind skeptisch. Auch sie glauben: Diese Schlacht wird nicht im Gerichtssaal geschlagen. Eher auf der Straße, in der Schule oder im Elternhaus. Der Kampf gegen Cybermobbing beginnt ganz unten. an der Basis. „Ich plädiere daher für die Einführung des Schulfachs Medienerziehung“, sagt Jeannette Zwirblis. Alleine ihr Wirken an der Rosensteinschule oder das der Kollegin an der Hohensteinschule nimmt sie als Beweis: „Wenn man den Jugendlichen die Gefahren und Folgen ihres Handelns klarmacht, können sie die Sache erst richtig wahr- und ernst nehmen.“

Vielleicht hätte Pia ihre Klassenkollegin Petra nicht als „fette Schlampe mit XXXL-BROBLEM“ beleidigt.

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