Yousof Neisi (links) kocht mit Jugendlichen des Waldhauses. Anfangs waren vor allem seine Farsi- und Arabischkenntnisse gefragt. Jetzt arbeitet er auch mit deutschen jungen Leuten. Foto:  

In sozialen Einrichtungen fehlen die Fachkräfte. Das Waldhaus qualifiziert in einem neuen Projekt gemeinsam mit dem Paritätischen Landesverband und der Fernhochschule Riedlingen fachfremde Mitarbeiter für die soziale Arbeit.

Hildrizhausen/Sindelfingen - Filmregie hat Yousof Neisi in seiner Heimat Iran studiert und als Dolmetscher an einer arabischen Botschaft in Teheran gearbeitet. Vor vier Jahren flüchtete er mit seiner Familie aus politischen Gründen nach Deutschland. Lange war sein rechtlicher Status unklar, die Angst, zurückgeschickt zu werden, bestimmte sein Leben. Halt fand Neisi in dieser Zeit in der Jugendhilfeeinrichtung Waldhaus, die in der Flüchtlingskrise nach Betreuern für unbegleitete Minderjährigen suchte. Yousof Neisi, der Farsi und Arabisch spricht – wie die jungen Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien – begann als sogenannter Bufdi, als Mitarbeiter im Freiwilligendienst. Nicht nur wegen seiner Sprachkenntnisse wurde er bald zum wichtigen Ansprechpartner für seine Kollegen.

„Yousof ist bei uns der einzige, der die deutsche Grammatik richtig erklären kann“, sagt der Chef des 38-Jährigen, Uwe Seitz. „Und er passt gut in unsere Waldhaus-Kultur. Er arbeitet selbstständig, sieht, wo es brennt und packt an.“ Im Augenblick zum Beispiel als Beleuchtungstechniker auf dem Areal des Waldhauses, wo die Illumination für die dreitägigen Veranstaltung „Das Waldhaus leuchtet“ aufgebaut wird.

Fernstudium mit Präsenztagen

Gerne möchte die Jugendhilfeeinrichtung ihren Mitarbeiter Neisi behalten. Doch das Problem: die Ausnahmegenehmigung des Landesjugendamts, das in der Flüchtlingskrise auch eine begrenzte Anzahl fachfremder Kräfte für die Betreuung der Jugendlichen zuließ, läuft aus. Nun müsste das Waldhaus Yousof Neisi eigentlich entlassen. „Doch er hat uns in der Krise geholfen, nun wollen wir auch ihm helfen“, sagt Hans Artschwager, der Chef der Einrichtung. Zudem wäre es politisch nicht klug, in Zeiten des Fachkräftemangels bewährte Mitarbeiter ziehen zu lassen.

Artschwager initiierte für den Paritätischen Landesverband, in dem das Waldhaus Mitglied ist, ein spezielles Fortbildungsprogramm. Fachfremde Mitarbeiter der Jugendhilfe sollen sich berufsbegleitend die notwendige Qualifikation holen. Dabei kooperiert er mit der Fernhochschule in Riedlingen, die zum 1. September den Studiengang Soziale Arbeit einrichtete. Dreieinhalb Jahre dauert er und führt zum Bachelor. Überwiegend im Selbststudium erarbeiten sich die Teilnehmer den Stoff. Hinzu kommen Online-Veranstaltungen sowie einige Präsenztage, die größtenteils in Stuttgart stattfinden. 35 Studierende seien momentan eingeschrieben, sagt Martin Knoke, Professor an der Hochschule. Sechs davon kommen aus dem Waldhaus.

Auch mit 51 Jahren kann man noch studieren

Zu ihnen gehört auch Carmen Hauser, mit 51 Jahren eine der ältesten Studenten. Angst, das Lernpensum nicht zu schaffen, hat sie nicht, Respekt vor dem Lernstoff schon. Auch Hauser sprang in der Flüchtlingskrise in die Bresche, als Betreuer für unbegleitete Minderjährige gesucht wurden. Ihr Alter sei gerade in der Arbeit mit den Jungs ein Vorteil, stellt Uwe Seitz fest. „Das ist besser, als wenn wir 22-jährige Berufseinsteigerinnen in die Gruppe setzen.“

Ja, sie habe schon ein wenig „die Mama-Funktion“, meint Hauser. Die Arbeit in der Wohngruppe sei vollkommen anders als ihr voriger Job als Ergotherapeutin. „Da war alles sehr festgelegt. In der Wohngruppe gibt es zwar auch eine Struktur, aber ich kann vieles selbst bestimmen und gestalten. Das gefällt mir.“ Um genügend Zeit zum Lernen für das Studium zu haben, hat sie nun ihre Arbeitszeit auf 50 Prozent reduziert. Yousof Neisi, der als Familienvater zwei Kinder zu ernähren hat, arbeitet 80 Prozent. Schwierigkeiten bereitet ihm noch die anspruchsvolle Fachsprache. Doch Hans Artschwager und die Kollegen haben ihm Unterstützung zugesagt.

Waldhaus als Pionier

Das Konzept des Paritätischen Landesverbands sieht eigentlich vor, die Quereinsteiger verschiedener sozialer Träger mit einem Begleitprogramm beim Studium zu unterstützen – mit Lerngruppen und zusätzlichen Seminaren. Noch sei allerdings das Waldhaus die einzige Einrichtung mit studierenden Mitarbeitern, sagt Raphael Kronwald, Referent beim Verband. Doch er ist sicher, dass andere Träger folgen werden. „Das ist eine Chance für Sozialeinrichtungen, neue Fachkräfte zu gewinnen.“

So sieht es auch Hans Artschwager. Deshalb lässt sich das Waldhaus die Ausbildung seiner Mitarbeiter einiges kosten: 13 000 Euro betragen die Studiengebühren – pro Person. Artschwager ist überzeugt, dass sich diese Investition auszahlt. „Wir arbeiten mit den Leuten seit Jahren zusammen. Sie sind gut in die Teams integriert.“ Das Studium sei eine Chance, ,,Menschen langfristig für die soziale Arbeit zu begeistern.“

Diese Quereinsteiger könnten auch Vorbild für ihre Schützlinge sein, meint der Pädagoge. So wie Yousof Neisi: „Wenn ich den Flüchtlingen erzähle, dass ich erst vier Jahre in Deutschland bin und schon ein Lehrer, sind sie sehr überrascht. Sie sehen an mir, dass sie in Deutschland etwa erreichen können, wenn sie sich anstrengen.“

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