Voller Körpereinsatz auch für das Ludwigsburger Team (in rot): Zweimal eine halbe Stunde dauert ein Derby.Ein fahrendes Bekenntnis: Rollschuhfahren macht Freude. Foto: factum/Bach

Frauen und Männer die versuchen, sich auf Rollschuhen zu überrunden: Das ist Rollerderby. Der Sport erfährt ein Comeback. Auch, weil jeder mitmachen kann – sobald er etwa gelernt hat, auf Rollschuhen mal über andere zu springen.

Ludwigsburg - Rollschuhe altmodisch und langweilig? Nicht, wenn man die Mitglieder des Rollerderby Clubs Ludwigsburg fragt. Auf zweimal vier Rollen fahren die Frauen des Barockcity Rollerderby A-Teams, wie sie sich nennen, eine Art Rennen gegen andere Mannschaften. Und machen damit auch das Rollschuhfahren wieder salonfähig.

Erfunden hat den Sport der Amerikaner Leo Selzer. Von den 1930er-Jahren an sei das Rollerderby ein beliebter Sport in den USA gewesen, während des Zweiten Weltkriegs dann hauptsächlich ein Frauensport, sagt Tanja Sonnenwald, die Abteilungsleiterin des Rollerderbys in der Sportvereinigung 07 Ludwigsburg. Bis in die 1970er Jahre sei der Sport in Amerika beliebt gewesen, dann sei das Interesse abgeflaut, sagt die Sportlerin. Erst nach der Jahrhundertwende sei der Sport langsam wieder in Amerika angekommen.

2006 wurde in Stuttgart das erste deutsche Team gegründet, 2007 entstand der Rollerderby Verein in Ludwigsburg, der inzwischen in der zweiten deutschen Bundesliga spielt. „Anfangs sind wir zu Spielen nach London und Helsinki gefahren, das waren mit die nächstgelegenen Teams“, sagt Sonnenwald. Nun gebe es aber auch im Südwesten einige Teams, unter anderem in Karlsruhe und Mannheim.

Das Ziel: die anderen Spieler überrunden

Die Regeln des Spiels: Zwei Halbzeiten von je 30 Minuten dauert ein Derby, das Zusammentreffen der zwei gegnerischen Mannschaften. Diese Halbzeiten sind in zweiminütige sogenannte Jams unterteilt. Während der Jams treten fünf Frauen aus jedem Team gegeneinander an und fahren im sogenannten Pack auf der ovalen Bahn im Kreis. Vier der Rollschuhfahrerinnen sind Blocker, eine ist Jammer. Letztere hat die Aufgabe, das Pack auf der halbovalen, 23 bis 33 Meter langen Bahn zu überrunden, für jede Überrundung gibt es einen Punkt. Die Blocker sind dafür verantwortlich, dass der gegnerische Jammer nicht durchkommt. „Der Sport ist leicht verwandt mit Rugby“, sagt Sonnenwald. „Wir spielen sehr taktisch, denn wir müssen uns jedes Mal entscheiden, wie wir vorgehen: Fahren wir dicht an dicht und verhindern, dass der gegnerische Jammer durchkommt, oder fahren wir etwas weiter auseinander und verschaffen unserem Jammer Platz, damit sie durchkommt.“

Um mitmachen zu können, müsse man schon sehr agil auf Rollschuhen sein, sagt Tanja Sonnenwald. „Das lernt man aber sehr schnell.“ Aber nicht nur laufen muss man auf den vier Rollen können: „Manchmal müssen wir während dem Derby auch über jemanden drüberspringen.“ Auch das sollte man lernen. „Bevor jemand beim Derby mitspielen darf, muss er oder sie erst einmal unser Seepferdchen bestehen, den Minimal Skills Test. „Das lernt man aber alles in unserem Newby Kurs, dem Training für Anfänger, wo man auch das Regelwerk lernt. Dabei gibt es auch einen schriftlichen Test, den man bestehen muss.“

Mit dem Ellenbogen hauen sei verboten, ebenso Bodychecks, wie man sie vom Eishockey kennt, erklärt Sonnenwald. Da es doch mal vorkommt, dass sich ein Spieler nicht an die Regeln hält, gibt es im Rollerderby auch Strafen – wie zum Beispiel den Spielverweis auf Zeit. „Aber in der Regel gehen wir hier alle sehr respektvoll miteinander um“, sagt sie.

Foul-Spiel wird bestraft

Auch Behinderte und Transgender seien in dem Verein willkommen, sagt die Abteilungsleiterin: „Rassismus und Diskriminierung werden in unserem Verein nicht geduldet.“ Zwischen den rivalisierenden Mannschaften sei das Verhältnis ebenfalls sehr familiär, sagt Sonnenwald. „Während des Spiels kämpfen die Mannschaften um jeden Punkt, sobald der Schlusspfiff ertönt, fallen sich jedoch alle in die Arme und feiern auf dem Rollfeld.“ Die Stimmung bei den Spielen sei super. „Es gibt was zu essen und zu trinken, und für Kinder gibt es eine Spieleecke“, sagt Sonnenwald, die vor Kurzem Mutter geworden ist und deshalb derzeit nur als Schiedsrichterin mitfährt.

Von Zebras und Flamingos

Rund 14 Schiedsrichter sind während eines Spiels im Einsatz, das ist mehr als Spieler bei einem Jam auf dem Feld agieren. „Es gibt einen Schiedsrichter für Strafen, einen der die Punkte zählt, einen der die Zeit stoppt. Das Spiel ist aufwendig, da braucht es so viele“, sagt Sonnenwald. Aufgrund der Trikots, die sie anhaben, tragen die Schiedsrichter Spitznamen: Diejenigen, die während der Derbys mitfahren, heißen Zebras, weil sie schwarz-weiß gestreifte Shirts tragen. Flamingos werden die Schiedsrichter genannt, die das Derby vom Bahnrand aus verfolgen und pinke Trikots tragen.

Rollerderby, sagt Sonnenwald, sei eine Lebenseinstellung. Viermal die Woche trainiert die Bundesligamannschaft, an den Wochenenden seien sie oft unterwegs. „Da bleibt nicht viel Freizeit übrig“, sagt Sonnenwald. „Aber wir sind eine große Familie und haben Spaß an dem Sport.“ Diese Familie beschränke sich nicht nur auf den eigenen Verein. „Mittlerweile kenne ich übers Rollerderby Menschen auf der ganzen Welt“, sagt Sonnenwald. „Und ich habe Fan-T-Shirts von Clubs aus ganz Deutschland im Schrank hängen.“

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