Uörg-Hannes Hahn probt mit dem Bachchor Mozarts „Requiem“ Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Jörg-Hannes Hahn und der Bachchor machen Bad Cannstatt zu einer guten Adresse für hochwertige Musik. An diesem Samstag und Sonntag sind sie mit Bachs „Weihnachtsoratorium“ in der Stadtkirche Bad Cannstatt.

Stuttgart - Wenn es um die Musik geht, macht der Kirchenmusikdirektor Jörg-Hannes Hahn das Unmögliche möglich. So kann etwa aus dem 13. eines Monats auch mal ein 23. werden. Der Bezirkskantor von Stadt- und Lutherkirche in Bad Cannstatt ist auch künstlerischer Leiter der 1991 gegründeten Reihe Musik am 13. Und um dem Titel dieser Konzertreihe gerecht zu werden, ist der 13. Tag eines Monats eigentlich unbedingt gesetzt als Aufführungstermin. Doch wenn es gar nicht anders geht, macht Hahn auch mal den 23. Tag eines Monats zum 13. wie im Jahre 2015. Etwa beim Porträtkonzert des Japaners Toshio Hosokawa zu dessen 60., das der Komponist genau an seinem Geburtstag selbst leitete.Musik am 13. ist eine Konzertreihe für engagierte Kirchenmusik, die inzwischen weit über Bad Cannstatt hinaus landesweit beachtet wird. Das Fundament dazu ist Hahn selbst und der Bachchor, den Hahn im Jahre 2000 gründete und seitdem leitet. Hinzu kommen immer wieder auch die Sängerinnen und Sänger von Cantus Stuttgart, ebenfalls ein von Hahn geleiteter Chor.

Mehr bieten, als in den Noten steht

In den Proben im Gemeindesaal der Lutherkirche geht es zur Sache, da wird schon mal eine Viertelstunde lang an einem „Amen“ gefeilt, das sich über fünf Takte hinzieht. Oder über einen der vielen „Dies irae“-Ausrufe in Mozarts „Requiem“. Hahn: „Wir wollen mehr bieten als das, was in den Noten steht. Denn wir wollen einen Mehrwert schaffen. Die Besucher sollen das Konzert mit dem Gefühl verlassen, etwas besonderes erlebt zu haben. Sie sollen ein Gespür für die jeweilige Musik bekommen.“

Deshalb geht es äußerst detailliert zur Sache: Die eine Passage etwas schneller singen, die andere langsamer, lauter oder leiser, hier eine hellere Vokalfärbung, dort ein ausgeprägterer Zischlaut – unerschöpflich sind die Möglichkeiten der Ausgestaltung von klassischer Musik. Hahn weiß, dass er den Sängerinnen und Sängern viel abverlangt, denn vor ihm stehen ja keine Gesangsprofis. Und Hahn fügt hinzu: „Der Bachchor ist keine AG, sondern eine Leistungsgemeinschaft“. Aber er weiß auch: „Es geht um die Frische und um die Freiheit des Musizierens. Das bereitet dem Ensemble viel Freude“. So kann er sich auf das 80-köpfige Ensemble gut verlassen: „Da ist ein großes Vertrauen da. Wenn wir eine neue Herausforderung wagen, dann ist allen klar: Das schaffen wir auch“.

Eintauchen in ungewohnte Klangwelten

Der Bachchor singt zwar bekannte Werke der sakralen Musik wie Mozarts „Requiem“ oder Bachs „Weihnachtsoratorium“. Er ist aber auch zeitgenössisch unterwegs, etwa 2004 beim Festival für Europäische Kirchenmusik in Schwäbisch Gmünd mit der Uraufführung von Adriana Hölszkys „Licht“ der Uraufführung von Sidney Corbetts „Maria Magdalena“ 2007, mit Benjamin Brittens „War-Requiem“ oder 2014 zum Ende des Stuttgarter Psalmenjahres die Uraufführung „Psalmen des Lichts“ von Otfried Büsing. Das bedeutet auch das Eintauchen in ungewohnte Klangwelten. Oder der Chor ist ein Bestandteil von vielen wie in der Aufführung von Michael Tippetts Oratorium „A child of our time“ im Jahre 2009.

„Da hat sich inzwischen einiges an Erfahrung gesetzt“, weiß Hahn, „und der Chor bekommt viel Unterstützung. Wir beschäftigen inzwischen zwei professionelle Stimmbildner, die gezielt auf die anstehenden Aufgaben vorbereiten“. Hahn selbst bringt ebenso viel Erfahrung mit: Als Musiker sowie als Dozent ist er weltweit unterwegs. Denn dies gehört ebenso zum Erfahrungsschatz eines Chorleiters: „Man muss immer 110 Prozent geben, um 95 Prozent zu bekommen. Es ist ein Geben und Nehmen. Denn diese gemeinsame Arbeit soll vor allem Freude machen.“ Deshalb sind nach wie vor neue Stimmen immer willkommen: „In jeder Probenphase nehmen wir interessierte Leute auf mit einer guten Chorerfahrung. Und wer mal dabei ist, der kann auch in dem Chor bleiben“, so Hahn.

Konzerte mit einem hohen Eigenwert

Zu Hahns Selbstverständnis gehört auch der Blick über den eigenen Kirchturm hinaus. Und da liegt die Liebfrauen-Gemeinde nahe mit ihren ebenfalls herausragenden kirchenmusikalischen Aktivitäten. „Ich schätze sehr, was der Kirchenmusiker Ulrich Hafner da macht“, so Hahn. „wir kommen eben aus verschiedenen Traditionen heraus. Für die katholische Kirchenmusik ist die Liturgie von zentraler Bedeutung, in der evangelischen Kirche hat das Konzert an sich einen hohen Eigenwert.“ So ist die Reihe Musik am 13. ein sehr fein abgestimmtes und zugleich komplexes Geflecht verschiedener Geldgeber von Stadt, Land, Stiftungen, Förderverein und Kirche, das es ermöglicht, Konzerte auf hohem professionellen Niveau anzubieten bei freiem Eintritt, die Konzertbesucher entscheiden selbst über ihr Entgelt für das künstlerisch Gebotene. Dazu gehören auch einige Sonderkonzerte im Jahr und der inzwischen jährliche Orgelsommer.

Die ersten drei Teile von Bachs „Weihnachtsoratorium“ präsentieren der Bachchor Stuttgart unter der Leitung von Jörg-Hannes Hahn an diesem Samstag um 19 Uhr in der Stadtkirche Bad Cannstatt, die Teile vier bis sechs am Sonntag um 17 Uhr. Unterstützt werden sie von Concentus Stuttgart und den Solisten Gerlinde Sämann (Sopran), Sonja Koppelhuber (Alt), Paul Schweinester (Tenor) und Uwe Schenker-Primus (Bass).

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