Ein Polizeihund biss den Schützen während der Erstürmung der Wohnung. Foto: 7aktuell.de/Oskar Eyb

Ein 45-jähriger Mann hat im Herbst aus dem Fenster seines Hauses in Weissach im Tal geschossen. Da er unter paranoider Schizophrenie stand, ist der nicht schuldfähig. Das Stuttgarter Landgericht entscheidet nun, ob er auf Dauer in die Psychiatrie muss.

Weissach im Tal - Paranoide Schizophrenie steht im Antragsatz der Staatsanwaltschaft, nach dem ein 45-jähriger Mann aus auf Dauer in einem Psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden soll. Der Einfluss dieser wahnhaften Krankheit sei der Grund gewesen, weshalb er am Abend des 22. Oktober 2016 aus seinem Haus im Weissacher Tal auf Autos, Nachbarhäuser und eine Bushaltestelle geschossen hat. Verletzt wurde dadurch niemand, die Wucht der Stahlrundkugeln vom Kaliber 4,5 Millimeter reichte jedoch aus, die Heckscheibe eines Autos „einstürzen“ zu lassen. „Als ich das sah, habe ich aufgehört zu schießen“, sagt der Mann, der seit Dienstag vor der 1. Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts steht und die Taten einräumt.

Schießerei wird zuerst nicht bemerkt

Die Schießerei des Mannes löste einen Großeinsatz der Polizei aus. Doch zuerst schien gar nicht bemerkt zu werden, was sich in dem Haus abspielte, in dem der 45-Jährige mit seiner Oma und einem jüngeren Bruder wohnte. Seit einiger Zeit schon habe er Stimmen gehört. „Die waren mal boshaft, mal hämisch – aber immer so, wie man sie grad nicht brauchen konnte“, sagt der Gärtner, der seit dem Vorfall in der Psychiatrischen Landesklinik Weissenau (Landkreis Ravensburg) untergebracht ist. Er werde mit Strom beschossen, warnten ihn die Stimmen, aber er dürfe sich wehren – mit seinen Luftpistolen.

Luftpistole schießt mit Druck aus CO2-Patronen

„An dem Tag ging es mir eigentlich gut, ich war ganz selbstbewusst. Aber am Abend kamen die Stimmen wieder“, berichtet er dem Gericht. Ein vor dem Haus geparktes Auto identifizierte sein Verstand unter dem Einfluss der Krankheit als feindlich. Wenn er glaubte, bestrahlt zu werden, sei ihm immer sehr heiß geworden. Deshalb habe er angenommen, in dem Auto sei jemand, der auf ihn zielte. Mit einer Luftpistole, deren Druck durch Kohlendioxid-Patronen erzeugt wird, schoss er auf das Dach des Wagens. „In das Magazin gingen 18 Schuss. Insgesamt habe ich an dem Abend so um die 80 Kugeln verschossen.“

Danach nahm er die Fassade des Nachbarhauses ins Visier. „Das sind brave Menschen, die mir nichts getan haben, trotzdem dachte ich, sie seien auch gegen mich“, berichtet er. In dem Nachbarhaus saßen zu der Zeit die Eigentümer im Wohnzimmer vor dem Fernseher. „Wir haben einen Krimi angeschaut. Plötzlich hat meine Frau gesagt: War das grad nicht bei uns?“, erinnert sich der 64-jährige Nachbar. Er habe sich im Haus umgeschaut, aber erst einmal nichts entdeckt, berichtet er.

Kugeln stecken in Rolläden und Fensterscheiben

Ähnlich erging es einer anderen Nachbarin, die sich bereits schlafen gelegt hatte und vom Klingeln des Telefons geweckt wurde. „Mein Mann rief aus der Nachtschicht an und wollte wissen, ob bei mir alles in Ordnung sei. Ich hatte aber gar nichts mitbekommen“, erzählt die 31-Jährige. Sie und ihr Mann entdeckten erst, als sie die Rollläden putzten, dass diese mehrmals getroffen worden waren. Eine Fensterscheibe im Haus des 64-Jährigen hatten drei Kugeln getroffen, die Dreifachverglasung jedoch nicht durchschlagen können.

Beim Sturm der Wohnung beißt ein Polizeihund mehrfachzu

Als der Beschuldigte auf eine Bushaltestelle schoss, an der mehrere junge Leute standen, und auf ein Auto, das vor seinem Haus angehalten hatte, fiel der Schütze auf, der abwechselnd aus Fenstern im Dach, im Bad und im Flur ballerte. „Ich habe allerdings nie auf Personen gezielt.“ Schließlich rückte das Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei an und erstürmte die Wohnung. „In meinem Zustand habe ich die gar nicht ernst genommen“, erklärt er. Dabei wurde er mehrmals von einem Polizeihund gebissen. „Dass er mich in die Hand gebissen hat, kann ich ja nachvollziehen, da stand ich noch. Aber dass er mich noch vier Mal in den Oberarm gebissen hat, als ich am Boden lag, war nicht nötig.“

„Ich muss jetzt erst einmal mit der Krankheit umgehen können“, sagt der 45-Jährige zur Vorsitzenden Richterin. Der Gedanke sei unerträglich, dass Schizophrenie unheilbar sei. „Aber man kann sie mit Medikamenten in den Griff bekommen“, ermutigt ihn die Richterin. Die Entscheidung des Gerichts soll am 31. Mai fallen.

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