Schneckenrennen im englischen Congham. Die Teilnehmer sind mit Nummern auf rotem Punkt. markiert Foto: Picture-Alliance /Photoshot

Im englischen Congham wird an diesem Wochenende die schnellste Schnecke der Welt gekürt. Wie läuft dieser verrückte Wettbewerb ab? Eindrücke vom Turnier.

Congham - Seit fast 60 Jahren ist das Dörfchen Congham, zwei Autostunden nördlich von London, Austragungsort der Weltmeisterschaft im Schneckenrennen. Etwa 240 Bewohner zählt die Gemeinde. Die Zahl der Sportschnecken, die hier leben, geht möglicherweise in den vierstelligen Bereich. „Jeder hier hat mehr als eine“, sagt Hilary Scase, die 86-jährige Pressesprecherin des Events. Wie es zu dem ganzen Rummel kam und wann er angefangen hat, das hat sie längst vergessen. Aber wichtig sei das Rennen hier für alle. „Wer den Salatpokal gewinnt, der ist schon wer“, sagt Hilary. Thomas Vincent etwa war neun, als seine Schnecke Schumacher siegte und er erklärte: „Nun habe ich mein Lebensziel erreicht.“

Schon bevor der Startschuss fällt, ist der Rasen auf Conghams Cricketfeld von Publikum gefüllt. Nicht nur das komplette Dorf ist auf den Beinen. Auch viele Weichtierfans aus der Umgebung sind da. Besucher aus anderen Grafschaften werden bereits in der Kategorie „Von weiter weg“ erfasst. Dazu rechnet man – mit und ohne Schnecken – auch die internationalen Gäste: Drei Chinesen und drei Deutsche, ein paar Schotten und ein Tscheche, der gerade durch Europa wandert, sowie jemand von den Weihnachtsinseln.

Insgesamt sind es 135 Teilnehmer

Vielen Schnecken hat man bunte Tupfen oder Kringel auf das überwiegend braune Schneckenhaus gemalt – zur Verschönerung und besseren Erkennbarkeit. Zudem bekommt jeder Sprinter eine Nummer aufgeklebt. 135 sind es insgesamt. Die Arena ist ein runder Tisch. Darauf liegt ein weißes Tuch mit drei konzentrischen Kreisen. Der kleinste in der Mitte ist Start-, der äußerste die Ziellinie. Ihr Abstand beträgt 33 Zentimeter. Damit es richtig flutscht, wird die Streckendecke vor jeder Runde mit Wasser nassgemacht.

Die ersten Läufer sind im Startfeld und völlig aus dem Häuschen. Einer rennt gleich los. Ein anderer rutscht aufgeregt auf seiner Schleimspur hin und her. Immer wieder muss der Wettkampfleiter Ausgangspositionen korrigieren. Als er alle 15 Teilnehmer korrekt zurechtgerückt hat, ruft Neil: „Ready, steady, slow!“ – und ab geht die Schneckenpost.

Die wahren Helden kämpfen umso erbitterter um den Sieg

Die Hörner ausgefahren, den Kriechfuß von der Nase bis zur letzten Muskelspitze angespannt und durchgestreckt, ziehen sie sich samt Gehäuse selbst über den Tisch. Wie durch eine unsichtbare Macht gelenkt, streben alle Schnecken die äußere Linie kurz vor der Tischkante an. Na ja, zumindest die meisten und den größten Teil der Zeit. Da wird auch mal gewartet und verschnauft. Einige geben auf und kehren um.

Dafür kämpfen die wahren Helden umso erbitterter. Stellt sich einer in den Weg, wird er einfach weggeschubst oder im wahrsten Wortsinn übergangen. Manch einer schummelt und bleibt gleich oben sitzen – in der Hoffnung, dass es keiner merkt. Das Publikum rast vor Begeisterung. Das Finale bestreitet dann Larry, der die 33 Zentimeter in traumhaften zwei Minuten 47 Sekunden bewältigt und damit den Sieg und den begehrten Salatpokal erringt. Ihre Besitzerin ist Tara Beasley aus Castle Acre bei Swaffham.

Die 41-jährige Hausfrau ist überrascht. Denn im Vergleich zu vielen Konkurrenten war Larry völlig untrainiert, verrät sie. Erst in der Nacht davor hatte sich Tara überlegt, am Rennen teilzunehmen, war in den Garten gegangen, hatte Larry gefunden und zur Rennschnecke gemacht: „Er schien kräftig und beweglich zu sein. Ich nahm ihn mit ins Haus und setzte ihn auf eine Scheibe Gurke, die er sofort komplett verputzte.“ Ein echtes Naturtalent.

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