Alexander Weißbarth ist nebenberuflicher Schäfer. Er findet die Schafbeweidung gut, weil er die Flächen braucht und weil Kinder mehr Bezug zu den Tieren bekommen können. Foto: Gottfried Stoppel

Probeweise lässt die Stadt Backnang insgesamt vier Hektar an städtischen Grünflächen nicht mehr von Maschinen bearbeiten, sondern von Schafen beweiden. Das soll die Artenvielfalt stärken – und ist sogar günstiger.

Backnang - Aller Anfang ist schwer: In der einen Ecke des Geheges drängen sich die Schafe aufgeregt aneinander, in der anderen schauen die Kinder der Plaisirschule nicht weniger ängstlich. Doch bald kommen sich Mensch und Tier näher: „Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst, aber dann habe ich mich an die Schafe gewöhnt“, erzählt Esmanur und streichelt den Bock am Kopf. „Warum hat der denn ein Loch im Ohr?“, fragt sie den Schäfer Alexander Weißbarth. „Die Ohrmarke ist der Ausweis des Schafes. Die haben ja keine Taschen, in die sie ihre Papiere einstecken können“, erklärt der 34-jährige Backnanger der Erstklässlerin der Plaisirschule, die zusammen mit ihren Klassenkameraden die Herde am Dresdner Ring besucht.

Schafbeweidung soll Artenvielfalt fördern

Noch etwa zwei Wochen werden die Schafe zwischen der viel befahrenen Tangente und der B 14 grasen, dann haben sie dort ihre Aufgabe erfüllt. Die Vierbeiner sind nämlich Teil eines neuen Naturschutzkonzeptes der Stadt Backnang. „Wir möchten Ausgleichsflächen nicht mehr von Maschinen mähen lassen, sondern von Schafen beweiden“, erläutert Stefan Klett vom Stadtplanungsamt. Das ist zum einen günstiger, zum anderen sollen aber vor allem die Wiesen dadurch naturnaher werden und eine größere Artenvielfalt entwickeln können. Denn die Schafe gehen bei ihren Mäharbeiten etwas sanfter vor als die großen Maschinen – und sie dienen als Artentaxi: „Sie tragen die Samen von Pflanzen und auch andere Tiere von einer Wiese zur anderen“, sagt Stefan Klett.

Tierische Rasenmäher auch im Industriegebiet

Insgesamt vier Hektar sollen in diesem Jahr ein- bis dreimal von Schafen beweidet werden: Neben dem Grünstreifen am Dresdner Ring sind das noch Flächen im Industrie- und Gewerbegebiet Lerchenäcker, in den Spitzwiesen an der Murr, in der Pfaffenrinne sowie am Lärmschutzwall in Strümpfelbach. „Ich könnte mir gut vorstellen, das Projekt auszudehnen, aber wir sind noch in der Erprobungsphase“, sagt Stefan Klett. Vor allem auch die Reaktion der Öffentlichkeit wolle man abwarten. Während die einen es toll finden, dass an der großen Straße nicht nur Autos brummen, sondern auch Schafe blöken, sind andere nicht ganz so erfreut: „Wir hatten einen Anrufer, der keinen Bauernhof bei sich haben möchte – dabei sind die Schafe noch gar nicht bei ihm in der Nähe gewesen“, erzählt Klett

Mehr Bezug zu Tieren als Nebeneffekt

„Ich finde es gut, dass man in der Stadt mal wieder Tiere sieht“, sagt dagegen Schäfer Alexander Weißbarth. Der Bezug fehle inzwischen – was auch an der Reaktion der Schüler zu sehen sei: „Die sagen zuerst „Iiih“ und „Bääh“. Und dann merken sie, dass das einfach nur Natur ist“, sagt Alexander Weißbarth. Er ist einer von drei örtlichen Schäfern, mit denen die Stadt zusammenarbeitet und fand die Idee sofort super: „Die Flächen sind recht zentral und in der Nähe“, sagt er, der vor fünf Jahren die ersten Schafe als Rasenmäher für die eigenen Streuobstwiesen gekauft hat.

Disteln und Sauerampfer lassen die Schafe stehen

Im städtischen Mäheinsatz sind 80 Schafe, aufgeteilt in zwei Gruppen. Seine Shropshire-Schafe sind für die Aufgabe gut geeignet: „Sie fressen keine Bäume an“, erläutert Weißbarth, der eine kleine Aufwandsentschädigung bekommt. Morgens und abends schaut er vorbei, bei großer Hitze bekommen die Tiere auch nachmittags eine Ladung Wasser. Während die eine Herde schon die Lerchenäcker beweidet hat, ist nun die andere Gruppe am Dresdner Ring zugange. Der Vertrag mit der Stadt sieht vor, dass er am Ende des Jahres noch einmal nacharbeitet: Disteln und Sauerampfer lassen die Schafe nämlich stehen. „Da muss man aufpassen, dass die nicht überhand nehmen“, erläutert Klett.

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