Der über 100 Jahre alte Littman-Bau im Herzen der Landeshauptstadt soll mit viel Geld modernisiert und erweitert werden. Foto: imago stock&people

Für die Sanierung und Erweiterung der Staatsoper inklusive des Baus einer Interimsspielstätte müssen Stadt und Land nach Informationen unserer Zeitung womöglich mehr als eine Milliarde Euro aufwenden. Am Dienstagabend hat der Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater die Kalkulation kontrovers debattiert.

Stuttgart - Für die Sanierung und Erweiterung der Staatsoper inklusive des Baus einer Interimsspielstätte müssen Stadt und Land womöglich mehr als eine Milliarde Euro aufwenden. Am Dienstagabend haben OB Fritz Kuhn und Finanzstaatssekretärin Gisela Splett (beide Grüne) den Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater erstmals mit einer belastbaren Kostenkalkulationen für das als „Jahrhundertvorhaben“ klassifizierte Projekt konfrontiert. Nach stundenlanger, offenbar kontroverser Diskussion fasste das Gremium allerdings zunächst keinen Beschluss. Zunächst sollen die Sanierungspläne und Kosten nun in den politischen Gremien von Stadt und Land diskutiert werden. Im Frühjahr 2020 soll dann eine Grundsatzentscheidung herbei geführt werden.

Nach Berechnungen des Landesamts für Vermögen und Bau, das dem Finanzministerium untersteht, liegen demnach allein die Kosten für die Modernisierung des historischen Littmann-Baus sowie den Neubau eines Kulissengebäudes entlang der Konrad-Adenauer-Straße zwischen 740 Millionen und 960 Millionen Euro. In der Spanne enthalten sind Baupreissteigerungen von drei bis vier Prozent pro Jahr sowie eine Summe für Unvorhergesehenes und Risiken während der auf fünf bis sieben Jahre geschätzten Dauer des Umbaus.

Stadt baut auf eigene Kosten Werkstatt- und Verwaltungsgebäude

Werkstätten, Verwaltung und technische Einrichtungen für Oper und Ballett sollen separat in zwei fünfgeschossigen Gebäuden untergebracht werden. Diese würden von der Landeshauptstadt auf eigene Kosten (84 Millionen Euro) im Vorgriff auf das geplante Rosensteinquartier auf dem C-1-Areal des Bahnprojekts Stuttgart 21 errichtet und sollen später als Bestandteil der sogenannten Maker-City, eines überwiegend für Kreativtätige gedachten Quartiers, weiter genutzt werden. Mit dieser Variante wäre auch der Fortbestand der von Künstlern bevölkerten Container-City sowie des Stadtackers, einer Initiative von Hobbygärtnern, gesichert. OB Kuhn sprach von einer „nachhaltigen Lösung, auch das Künstlerquartier bei den Wagenhallen sei „wertvoll für die Stadt.“ Mit Blick auf die Gesamtkosten betonte der Rathauschef die internationale Bedeutung des Stuttgarter Dreispartenhauses mit Schauspiel, Oper und Ballett für die Stadt. „Ich werde für den Erhalt dieses Schatzes kämpfen.“Ob das neue Kulissengebäude, das den Betonbau aus den 1960er Jahren an der Konrad-Adenauer-Straße ersetzen soll, tatsächlich einen Großteil des Raummehrbedarfs der Oper (10 500 Quadratmeter) abdecken muss, ist noch offen. Geprüft werden soll zumindest die Option, Teile der Werk- und Produktionsstätten auf ein rund 10 000 Quadratmeter großes städtisches Areal bei der Zuckerfabrik in Bad Cannstatt auszulagern und dort dafür einen Zweckbau zu errichten. Das neue Kulissengebäude würde dann weniger massiv ausfallen und sich städtebaulich besser in die Umgebung einfügen.

Option eines Opernneubaus soll offenbar nicht weiter verfolgt werden

Die Option eines Opernneubaus, wie sie etwa von der Initiative Aufbruch Stuttgart um den TV-Moderator Wieland Backes hartnäckig im Gespräch gehalten wird, soll dagegen nach dem Willen von Stadt und Land offenbar nicht weiter verfolgt werden. Die dafür vorgeschlagenen Varianten seien schon aufgrund des Raumbedarfs nicht realisierbar und auch nicht günstiger. Einen Plan B gebe es nicht, hieß es aus Kreisen des Verwaltungsrats.

„Die Zeit ist reif, sich festzulegen“, so Kulturministerin Theresia Bauer. Sie sprach von einer ehrlichen Kostenkalkulation, auch wenn die Zahlen nicht leicht zu verdauen seien. Man habe aber nicht den Fehler wiederholen wollen, sich in ein Projekt diese Größenordnung „mit schöngerechneten Zahlen einzuschleichen“ und anschließend durch Mehrkosten für Verdruss zu sorgen. Der geschäftsführende Intendant der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, sprach von einem „Durchbruch der Klarheit“. Die angedachte Auslagerung von Teilen der Bühnenwerkstätten sei ein „Befreiungsschlag“, der den Staatstheatern Wachstumsoptionen eröffne.

Ob es im Stuttgarter Gemeinderat eine Mehrheit für das Projekt gibt, ist offen

Ob es im Stuttgarter Gemeinderat angesichts der horrenden Investition eine Mehrheit für das Vorhaben geben wird, ist keineswegs ausgemacht. Zuletzt hatte neben SPD, Freien Wählern und FDP auch die CDU auf einen Plan B gedrängt – etwa in Form eines Opernneubaus. Und für das Linksbündnis dürften 500 Millionen Euro aus dem Stadtsäckel für die Hochkultur ohnehin zu viel des Guten sein. Auch die grün-schwarze Landtagsmehrheit gerät möglicherweise in Rechtfertigungszwang: Warum, so wird man sich in Oberschwaben oder in Südbaden fragen, pumpen wir so viel Geld in die Stuttgarter Oper?

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