Die Gedenktafel soll nicht nur erinnern, sondern auch Foto: Ina Schäfer

Eine Gedenktafel erinnert an die Rolle, die St. Georg während des Dritten Reiches gespielt hat.

S-Nord - Johannes Steinbach geht gerne in den Keller seiner Kirchengemeinde St. Georg an der Heilbronner Straße. Er blättert dann in alten Schriften und Dokumenten aus den vergangenen Jahrzehnten. Vor einiger Zeit fiel ihm dort unten im Archiv ein Stapel von Kirchenaustritten aus den 1930er Jahren in die Hände. Die Begründung für den Austritt war immer dieselbe: die ablehnende Haltung der Kirchengemeinde zum Dritten Reich. Neugierig hat Steinbach sich daraufhin durch eine Chronik geblättert, die von Erwin Scherrmann, der seinerzeit Stadtpfarrer der Gemeinde war, erstellt wurde. Sie enthielt handschriftliche Schilderungen rund um die Geschehnisse vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg – sowie Predigten des Pfarrers, die eine sehr klare Haltung zu Hitlers Regime offenbarten.

Am deutlichsten äußerte sich der katholische Pfarrer in seiner Pfingstpredigt am 5. Juni 1938. Während dieser Zeit wurden Gemeindemitglieder dazu genötigt, an einer Unterschriftenaktion gegen den Bischof Sproll teilzunehmen. „Kein aufrechter deutscher Katholik, auch kein katholischer Beamter, kann und darf aber auch Stellung nehmen gegen seinen Bischof“, waren Scherrmanns klare Worte von der Kanzel, und: „Kein Ja und kein Nein und keinen Namen unterschreiben! Das ist geistlicher Bekennermut, zu dem ihr als Gefirmte verpflichtet seid und bleibt und wozu auch der Pfingstgeist, der Heilige Geist des Mutes und der Stärke, der Geist der Treue und Wahrhaftigkeit helfen möge.“ Die Chronik befindet sich jetzt im Büro von Johannes Steinbach. Ganz begeistert blättert er in dem dunkelgrün eingebundenen Buch mit den vergilbten Seiten. Mit dem Finger fährt er die Linien unter der altdeutschen Schrift ab, nur manchmal kommt er beim Entziffern ins Stocken. Von der Zivilcorage seines Vorgängers Erwin Scherrmann ist er beeindruckt.

Davon inspiriert hat Johannes Steinbach eine Gedenktafel beim Steinmetz Thomas Florian in Auftrag gegeben, die an die Zeit des Nationalsozialismus und die Rolle, die die Gemeinde St. Georg darin gespielt hat, erinnern soll. „Zur Mahnung heute. Zur Erinnerung an damals. Zum Gedenken für immer“, steht auf der Tafel geschrieben, die nun auf dem kleinen Weg, der zum hinteren Teil der Kirche führt, steht. Dass die Tafel zunächst Mahnung sein soll, ist Johannes Steinbach, der seit 15 Jahren in St. Georg predigt, ein besonderes Anliegen. „In der vergangenen Zeit sind viele Dinge geschehen, weil Menschen nicht eingegriffen und nicht geholfen haben“, sagt er. Er erinnert an die brutalen Übergriffe im öffentlichen Raum in den vergangenen Jahren, etwa an Haltestellen in München und Berlin, und schlägt eine Brücke von heute zu den Ereignissen, die 1941 und 1942 direkt in seinem Bezirk stattgefunden haben. Denn vor allem darauf verweist die Mahntafel: „1941/1942 wurden jüdische Mitbürger/-innen an unserer Kirche vorbei vom Killesberg zum Inneren Nordbahnhof geführt und zur Ermordung in die Todeslager transportiert. Wir haben geschwiegen.“

Scherrmann hat das nicht getan. Er hat einiges riskiert für seine Predigten, er entkam aber seiner Absetzung und sogar einer Haft. Die Kirche St. Georg hat es jedoch in der Nacht vom 19. auf den 20. Oktober 1944 schwer getroffen. Sprengbomben schlugen in die Kirche und zerstörten das Dach völlig – nur 14 Jahre nachdem das Kirchengebäude errichtet worden war.

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