Den Ausblick ins Neckartal genießen Nagel (links) und Zondler immer wieder. Foto: Steinert

Der Knollenbauchweg führt rund um den Stadtbezirk und informiert über historische interessante Stationen.

Münster - Ob Kartoffeln wirklich die Leibspeise aller Münsterer sind, ist nicht bekannt. Dass die Knolle für den Stadtbezirk eine ganz besondere Rolle spielt, ist aber sicher: Auf rund 50 Hektar – und damit auf mehr als einem Siebtel der damaligen Gemarkungsfläche – wurden Mitte des 19. Jahrhunderts Frühkartoffeln angebaut, die im ganzen Stuttgarter Raum bekannt waren. Findige Bauern hatten, um die Nase vorn zu haben, die Kartoffeln in Sandkisten vorgekeimt. Erst als die Eisenbahnverbindung bis nach Süditalien reichte und von dort noch zeitiger Kartoffeln nach Deutschland kamen, brach der Kartoffelanbau wirtschaftlich zusammen. Ihren Spitznamen haben die Münsterer aber seit jener Zeit weg: Die Bewohner von Stuttgarts kleinstem Stadtbezirk werden auch Knollenbäuche genannt. An diese Geschichte erinnern heute vor allem die Maskengruppe innerhalb der TSVgg Münster sowie der Knollenbauchweg.

Der etwa fünf Kilometer lange Rundweg wurde im Jahr 1993 eröffnet und zunächst von den Naturfreunden in Schuss gehalten. 2001 restaurierte der neu gegründete Arbeitskreis Historisches Münster den Weg und veränderte die Wegeführung leicht. Heute führt die Strecke, die auch mit Kinder- und Leiterwägen gegangen werden kann, von der Haltestelle Elbestraße aus über das Gewann Brunnenäcker und die Nollhütte auf den Schnarrenberg, vorbei am Wetteramt, durch die Weinberge bis in die Gebiete Oberer und Unterer Freienstein und von dort aus zurück ins Tal und an der Austraße am Neckar entlang zurück bis zum Ausgangspunkt.

13 Tafel informieren über Stationen

Kleine Schilder weisen Spaziergängern den rechten Weg, 13 Tafeln liefern Informationen zu den historisch interessanten Stationen am Wegesrand. Eine Tafel steht zum Beispiel am ehemaligen Rieselfeld: Auf einer Fläche von fast zwei Hektar wurde dort in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Zuckerrübenwaschwasser geklärt, das über Terrassen von der Zuckerfabrik auf dem Hallschlag in Richtung Neckar rieselte. Da die Erde durch die im Wasser enthaltenen Sedimente bestens gedüngt war, eignete sich das Rieselfeld optimal als Gemüsegarten. Bis heute sind in dem Gebiet Gärten.

Es gibt aber entlang des Knollenbauchwegs nicht nur Informationen zur Geschichte, dem Weinbau und der Infrastruktur des Stadtbezirks, sondern auch viel Natur zu erleben. Die Strecke führt mitten durch Weinberge, entlang am Neckar und vorbei an mehreren Aussichtspunkten wie etwa der Nollhütte und dem Freienstein.

Weg als Werbung für den Stadtbezirk

Gerade für Münster sei es von besonderer Bedeutung, auf sich aufmerksam zu machen, sagt der Bezirksbeirat Friedrich Nagel: „Münster ist im Lauf der Zeit immer kleiner geworden. Viele kennen den Stadtbezirk gar nicht mehr.“ Eingekeilt zwischen den großen Bezirken Bad Cannstatt und Mühlhausen müsse man aufpassen, die Selbstständigkeit und die Identität nicht vollends zu verlieren.

An einem anderen Ort als in Münster zu leben, kann sich Friedrich Nagel selbst nicht vorstellen. „Es ist ein Dorf mitten in der Stadt“, beschreibt der Bezirksbeirat die Vorzüge von Stuttgarts kleinstem Stadtbezirk. Die geringe Größe sei Fluch und Segen, fügt Rolf Zondler vom Arbeitskreis Historisches Münster hinzu. „Der Zusammenhalt unter Bewohnern und Vereinen ist außergewöhnlich stark, wie sonst meist nur auf dem Land.“ Gleichzeitig könne man von Münster aus alle Vorzüge einer Großstadt nutzen. Mit der Stadtbahn erreiche man in nur 15 Minuten den Hauptbahnhof, ebenso schnell sei man vom Ortskern aus zu Fuß im Grünen – zum Beispiel auf dem Knollenbauchweg.

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