Urlauber beobachten einen Hubschrauber der Bundeswehr beim Aufnehmen von 5000 Liter Löschwasser in einem See. Foto: dpa

Die Bekämpfung des Waldbrandes in Mecklenburg-Vorpommern kommt nur langsam voran. Auch die Bundeswehr hilft jetzt beim Löschen auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz.

Lübtheen - Die Bewohner der Bundeshauptstadt haben Glück. Ein kräftiger Wind zieht am Dienstagmorgen über Berlin und Brandenburg. „Der Wind weht zurzeit aus Westen und Südwesten“, sagt eine Meteorologin des Deutschen Wetterdienstes. Damit verschwinde auch der Brandgeruch, der am Tag und in der Nacht aus Mecklenburg-Vorpommern herübergezogen war. So viel Glück wie die Hauptstädter haben die Bewohner der Dörfer um die 200 Kilometer von Berlin entfernt liegende Kleinstadt Lübtheen in Mecklenburg nicht. Sie müssen weiter um ihr Hab und Gut fürchten. Vor ihrer Haustür tobt der größte Waldbrand in der Geschichte des Landes.

Der verheerende Brand auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz bei Lübtheen hält die Bewohner der Gegend seit Sonntagabend in Atem. In der Nacht zum Dienstag hat er sich sogar noch weiter ausgedehnt. Dennoch schöpfen die Verantwortlichen Zuversicht, das Feuer unter Kontrolle bringen und schließlich löschen zu können. „Wir gehen nun von der Verteidigung auf Angriff über“, sagt der Landrat des Kreises Ludwigslust-Parchim, Stefan Sternberg (SPD).

Vier Ortschaften wurden evakuiert

Dabei setzen die Löschkräfte auf massive Hilfe der Bundeswehr, die mit schwerer Technik anrückte und sichere Wege in das stark mit Munition belastete Brandgebiet öffnen soll. Wegen der Hitze kommt es dort regelmäßig zu Detonationen alter Munition, weshalb Löschtrupps bislang nicht direkt in das Brandgebiet vordringen konnten. Zur Unterstützung der Feuerwehren, die vom Rand her das Ausbreiten der Flammen unterbinden, waren am Dienstag erstmals auch Wasserwerfer der Polizei im Einsatz.

Der Gemeindepastor von Lübtheen, Markus Holmer, hofft indes auch auf natürliche Hilfe. Die evangelische Kirchengemeinde bete für das Wohl der Einsatzkräfte – „und vor allem für Regen“. Die Menschen in der Gemeinde sorgten sich um die vom Brand bedrohten Mitbürger und um die vielen engagierten Helfer, sagt Holmer. Die Menschen in der Gemeinde beschäftigten sich angesichts der Evakuierung einzelner Dörfer gleichzeitig auch mit der Frage, was sie selbst im Notfall mitnehmen würden. Schließlich müsse alles in einen Koffer passen. „Was ist mir eigentlich wichtig, wenn es ernst wird?“, fragt Holmer. Er hoffe und bete, dass es nicht so weit komme.

In vier Ortschaften bei Lübtheen ist es schon so weit gekommen. Zuletzt mussten die Bewohner von Volzrade ihre Häuser verlassen. Zuvor wurden Alt Jabel, Jessenitz-Werk und Trebs evakuiert. Die Bewohner von Alt Jabel haben in der Turnhalle des vier Kilometer entfernten Tewswoos Unterschlupf gefunden. Ein Mann berichtet dort, dass er innerhalb von zwei Minuten habe aufbrechen müssen – und als er noch einmal zurückgehen wollte, um Medikamente zu holen, war kein Durchkommen mehr. Die Polizei hat den Ort weiträumig abgeriegelt.

780 Menschen in Notunterkünften

Andreas Stehr musste ebenfalls seine vier Wände verlassen. „Mein Bruder wohnt in Tewswoos, und ich hätte bei ihm übernachten können. Doch ich wollte lieber bei meinen Leidensgenossen in der Turnhalle sein. Geteiltes Leid ist halbes Leid“, sagt er in der Turnhalle. Auf einem der rund 60 Feldbetten, die das Rote Kreuz aufgestellt hat, hat auch Marion Dörner einen Platz gefunden. „Wir haben unsere Wertsachen und Papiere mitgenommen, alles andere zuhause gelassen“, sagt sie. „Unseren Papagei und unsere Katze mussten wir zurücklassen.“

Nach offiziellen Angaben sind insgesamt rund 780 Menschen von Evakuierungen betroffen. Wie lange sie noch in Notunterkünften oder bei Verwandten ausharren müssen, ist noch unklar. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) unterbrach am Dienstag ihren Urlaub, um sich am Abend ein Bild von der Lage vor Ort zu machen.

Die Sicherung der Orte bleibe auch weiterhin Priorität Nummer 1, doch müsse mit Blick auf die Dauer des Einsatzes auch die unmittelbare Brandbekämpfung verstärkt werden, hieß es. „Wir arbeiten hier mit 2500 Kräften über den Tag. Wie lange wir das mit dem ehrenamtlichen Potenzial noch aufrechterhalten können, wissen wir nicht. Darum geht jetzt alle Kraft in die Richtung, dass wir so schnell wie möglich löschen, löschen, löschen. Das Feuer muss weg“, betont Landrat Sternberg.

„Die ersten Brunnen steigen aus“

Wie der Chef des Landeskommandos Mecklenburg-Vorpommern, Brigadegeneral Gerd Kropf, sagt, wurden bei der Planung des Räumpanzer-Einsatzes auch Bundeswehrangehörige zurate gezogen, die auf dem 2013 stillgelegten Übungsplatz tätig waren. Mit deren Hilfe seien früher befahrene Wege ausfindig gemacht worden, die von dichtem Buschwerk befreit würden. „Ziel ist es, bis Mittwochmorgen so viele Schneisen zu schaffen, dass die Einsatzleitung der Feuerwehr entscheiden kann, wie und wo ihre Kräfte eingesetzt werden“, sagte Brigadegeneral Gerd Kropf.

Um genügend Wasser für die ab diesem Mittwoch geplante Löschaktion auf dem Truppenübungsplatz bereitstellen zu können, sei bereits ein Fluss in der Nähe angestaut worden. Auch Wasser aus der Elbe werde herangeschafft. Vor Ort kann nämlich an einigen Stellen schon kein Wasser mehr gefördert werden: „Die ersten Brunnen steigen aus“, sagte der Chef des Einsatzstabs.

Während am Boden die Vorbereitungen für den großen Löschangriff liefen, setzten die Löschhubschrauber ihre Einsätze fort und ließen unablässig Wasser über dem Gebiet ab. Die Zahl der Helikopter war am Dienstag von vier auf sechs erhöht worden.

Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) machte deutlich, dass mittelfristig Verbesserungen beim Brandschutz auf munitionsbelasteten Flächen notwendig sind und er dabei in erster Linie den Bund in der Pflicht sieht. Es müssten Lösungen gefunden werden, wie man in ganz Deutschland solchen Katastrophen begegnet, technisch und personell.

Brandstiftung wird vermutet

Allerdings wissen die Behörden andernorts gar nicht genau, wo noch welche Mengen von Kriegsaltlasten im Boden schlummern. Kürzlich fragte der FDP-Bundestagsabgeordnete Olaf in der Beek beim zuständigen Bundesfinanzministerium nach. „Ein nationales Kataster kampfmittelbelasteter Gebiete in der Bundesrepublik Deutschland liegt der Bundesregierung nicht vor“, wurde ihm mitgeteilt. „Die Beseitigung von Kampfmitteln und Kampfmittelrückständen fällt als Gefahrenabwehr in die Zuständigkeit der Bundesländer“, sagte ein Ministeriumssprecher zudem unserer Zeitung.

In der Beek fordert, die vorhandenen Kataster über kampfmittelbelastete Flächen in den einzelnen Bundesländern in einem nationalen, digitalen Kataster zusammenzuführen, „damit im Ernstfall auch nationale Katastrophen- und Sicherheitsbehörden auf diese Daten zugreifen und Brandherde effizient gelöscht werden können“.

Unterdessen gibt es Hinweise, dass das Feuer auf dem Truppenübungsplatz Lübtheen gelegt wurde. „Es verhärtet sich der Verdacht, dass es sich um Brandstiftung handelt“, sagte Landrat Sternberg. Ob es bereits Verdächtige gibt, ist nicht bekannt.

Andreas Münchow und Sascha Nitsche der „Schweriner Volkszeitung“ berichten aus dem Brandgebiet.
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