Klingt manchmal auch nachdenklich: Kool Savas Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Seine Silben tanzen wie splitterndes Glas: Kool Savas hat in der Porsche-Arena in Stuttgart mal den Pimp gegeben, mal den nachdenklichen Rapper.

Stuttgart - Das Licht erlischt in der Porsche-Arena, am Mittwoch. Kool Savas kommt auf die Bühne, die Scheinwerfer kreisen. Hinter ihm ein riesiger Ghettoblaster als Kulisse, DJ Eule thront auf ihm, legt die Beats aus, auf die Savas seinen Rap setzt. Takt32 und Kaas heißen die Rapper an seiner Seite; die Sängerinnen Karen Firley und Nessi kommen dazu. Mehr als 2500 Fans füllen die abgehängte Arena, Sitzplätze gibt es nicht. Kool Savas ist für viele der König der deutschen Rapper. Seine Silben tanzen auf den Beats, schnell, eine zornige Sprachmelodie. Die Hiphop-Hände gehen auf und ab, die Köpfe nicken. Das Publikum kennt seinen Part, es braucht keine Aufforderung, geschlossene Chöre rufen die Zeilen. Savas bedankt sich: „Is ok, damit können wir arbeiten, Bruder!“ Er kennt Stuttgart, er ist nicht zum ersten Mal da, er hat schon manch einen Rückspiegel gelassen hier im Straßenverkehr, davon erzählt er. Aber er weiß: „Stuttgart ist auf jeden Fall eine echte Rap-Stadt, Alter!“

Darüber, was ein Rapper rappen darf, lässt sich trefflich streiten. Kool Savas kümmert das nicht – seinen berüchtigten Song „LMS“, eine Abkürzung, die auffordert zum oralen Geschlechtsverkehr, spuckt er immer noch unzensiert aus. Der „Pimp“, der Zuhälter, der hier spricht, ist eine Kunstfigur des Hiphop, und Rap, Savas weiß dies so gut wie jeder seiner Fans, ist eine Kunst des Übertreibens, der verbalen Grenzüberschreitung, des grenzenlosen Wörterwahns. Darum machen alle in der Porsche-Arena mit, männlich, weiblich, Me-Too zum Trotz, wenn Kool Savas ruft: „Alle Bitches dieser Welt, alle Nutten mit viel Geld… l.m.S.“

Hommage an alle Lehrmeister

Wer dem Rapper dann aber lauscht, als er von sich selbst erzählt, der erfährt: Kool Savas, 44 Jahre alt, trägt mittlerweile Pullis, nicht nur weil sie cool sind, sondern auch um seinen Bauch zu verbergen. 107 Kilogramm, das gesteht er, bringt er auf die Waage – „echtes Bauchfett“. Und zuhause hat er eine Frau, die ihn mahnt, keine Süßgetränke mehr zu trinken, nicht mehr zu essen nach 20 Uhr.

Anders ergeht es Sido, mit dem Kool Savas auf einer Tournee war, die er in Stuttgart eröffnete, im Januar 2018. Der, stellt Savas fest, macht noch immer die „Party des Grauens“ ohne dass sein Körper leidet. Ein Stück des Albums, das Kool Savas und Sido gemeinsam aufnahmen, darf nun beim Konzert nicht fehlen. Ebenso die Hommage an alle Lehrmeister des Rappers, der sonst keine Schule brauchte, an Ol’ Dirty Bastard, den Wu Tang Clan und viele andere. Und natürlich: „Schau nicht mehr zurück“, das Stück, das Savas 2012 mit Xavier Naidoo sang, mit dem das Duo den Bundesvision Songcontest gewann.

Und dann kommt sein persönlicher Lieblingssong

Kool Savas jüngstes Album klingt jedoch anders. Der Mann, der sonst harte Beats vorzieht, hat sich dieses Mal für eine Produktion entschieden, die fast schon mit Soul daherkommt, für Texte, die sich nachdenklich geben; seine Silben freilich tanzen noch immer wie splitterndes Glas auf dem nun sanfteren Fluss. Einige seiner neuen Stücke streut Kool Savas ein in sein Konzert, mischt sie unter das ältere, aggressivere Material. Auf „KKS“, diesem neuen Album, findet sich aber auch das Stück, mit dem Kool Savas seine Zugabe beginnt. „Ich habe ich immer geweigert, über gewisse Themen zu sprechen, aber bei diesem Album habe ich es getan und dabei ist tatsächlich mein persönlicher Lieblingssong rausgekommen. Er ist sehr ruhig, er ist sehr ruhig, ich hoffe, ihr kommt damit klar.“ Kool Savas singt „Krieg und Frieden“ und ist auf einmal der Rapper, der keine Zoten, sondern eine Botschaft hat: „Sie wollen immer nur den Krieg“, singt er, „obwohl es am Ende nur Verlierer gibt.“

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