Der Angeklagte ist wegen Steuerbetrugs im großen Stil vor Gericht Foto: dpa

Der Chef einer Baufirma konnte von Kokain nicht genug bekommen und hat seine Sucht selbst Steuerzahlungen vorgezogen. Darum muss er sich jetzt vor Gericht verantworten.

Stuttgart - Die Baufirma des Angeklagten hat in den Jahren 2008 und 2009 etwa 1,6 Millionen Euro umgesetzt, 40 Mitarbeiter hat der Mann zu den besten Zeiten beschäftigt. Das auf den ersten Blick florierend wirkende Unternehmen brachte den 36-Jährigen am Freitag jedoch auf die Anklagebank des Landgerichts Stuttgart. Schwarzarbeit ist in der Baubranche kein Einzelfall. Doch dass der Chef Sozialversicherungsbeträge in Höhe von fast einer halben Million Euro nicht abführt und Lohnsteuern in Höhe von 114 000 Euro hinterzieht, weil er nicht genug vom Kokain bekommen kann, hat selbst die erfahrene Wirtschaftsstrafkammer in Erstaunen versetzt. „Ich habe am Ende nur noch die Konten geplündert und in Drogen investiert. Das war der Tiefpunkt meines Lebens“, sagte der Angeklagte. Kein Cent ist mehr übrig von dem Geld.

Der Angeklagte zeigte sich reumütig und gestand seine Taten. Das rechnen ihm Gericht und Staatsanwaltschaft hoch an und haben sich auf ein Strafmaß verständigt: Wenn im Prozessverlauf keine weiteren Delikte zu Tage treten, kommt der Angeklagte mit einem Jahr und acht Monaten, ausgesetzt zur Bewährung, davon. Derzeit ist er gegen Kaution auf freiem Fuß.

Die bankrotte Firma hat Maurer- und Betonarbeiten angeboten und war zunächst in Möhringen ansässig, später in der Innenstadt in der Calwer Straße. Die Firma hat als Subunternehmen für größere Baufirmen unter anderem an einem Autohaus in Filderstadt, einem Helikopterlandeplatz, einer Polizeischule, einem Eisstadion und an einem Logistikzentren mitgewirkt. Die meisten Mitarbeiter waren dabei schwarz beschäftigt oder befanden sich in einer illegalen Scheinselbstständigkeit. Die Staatsanwaltschaft bemerkte nach Durchsicht der Steuerunterlagen des Angeklagten, dass etwas mit dem Betrieb nicht stimmen konnte.

Einiges schiefgelaufen

Dass auch im Leben des Angeklagten einiges schief gelaufen war, davon konnten sich alle Beteiligten während des Prozessauftakts ein Bild machen. Völlig fahrig saß der Mann ohne Berufsausbildung da, es gelang ihm kaum, während der Vernehmung Zahlen und Daten in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. „Ich rauche seit meinem 18. Lebensjahr. Also Marihuana. Ich habe meinen Lebenslauf nie aufgeschrieben und erinnere mich nicht mehr genau, wann was passiert ist“, so der Angeklagte.

Schuld daran sei sein Suchtverhalten. Neben dem Marihuana-Konsum habe er auch ein Alkoholproblem gehabt. „Ich habe zeitweise zwei bis drei Flaschen Wodka am Tag getrunken. Manchmal war ich auch tagelang wach, weil ich die ganze Zeit Kaffee mit Schuss getrunken habe“, erzählte er. Später seien andere Drogen – vor allem Kokain – dazugekommen. Weil er früher auch mit Marihuana gehandelt hatte, saß der Angeklagte schon einmal im Gefängnis. Heute, sagt er, könne er sich keine Drogen mehr leisten und kiffe darum nur noch gelegentlich.

Obwohl er in einer nach eigenem Bekunden völlig verdreckten Vierer-Wohngemeinschaft lebe, will sich der Angeklagte wieder aufrappeln und seinen Schuldenberg abtragen. „Ich will im sozialen Bereich arbeiten und meine Schuld wieder gutmachen“, so der durch fast zwei Jahrzehnte Drogenkonsum körperlich gezeichneten Mann. Als der Richter fragte, was er denn genau tun wolle, wird es wieder nebulös: „Ich könnte Apps für Smartphones entwickeln, die alten Menschen das Leben erleichtern. Aber beim Jobcenter hat keiner Ahnung von Computern!“

Die Verhandlung wird am 6. November fortgesetzt. Der Steuerberater des Angeklagten wird nicht als Zeuge aussagen. Sein Mandant hat ihn aus Sorge vor einer belastenden Aussage nicht von seiner Schweigepflicht entbunden.

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