Alex Zügel und seine Schützlinge im Campusbad. Das Schwimmen ist in diesem Fall eher Nebensache. Foto: factum/Bach

Der SVL 08 macht behinderten Menschen in Ludwigsburg ein besonderes Angebot – das sehr gut ankommt. Die Teilnehmer lernen dort zwar nicht unbedingt formvollendetes Schwimmen, dafür aber manches, was wichtiger ist.

Ludwigsburg - Claudio flutscht durchs Becken, man sieht ihn kaum. Und wenn er mal kurz auftaucht, sieht man, dass seine Augen vom Chlorwasser schon ziemlich rot sind. Scheint ihm Spaß zu machen. Uschi pflügt mit großer Ernsthaftigkeit durchs Nichtschwimmer-Bassin. Neben ihr saust Anette auf einer Matte aus Styropor vorbei. Alex hat ihr einen kräftigen Schub verpasst. Auf einer Bank am Rand sitzt Elke. Sie trägt ihren Badeanzug , aber ins Wasser geht sie nicht, nie. Zugucken reicht ihr. Wenn man weiß, was es mit den Schwimmern auf sich hat, die sich montags und samstags im Campusbad in Ludwigsburg treffen, kann man verstehen, dass Zugucken faszinierend genug sein kann.

Hauptsache Bewegung

Claudio mit den geröteten Augen ist Spastiker. Uschi, die so konzentriert schwimmt, hat eigentlich keinerlei Gespür für ihr Umfeld. Und Anette auf der flitzenden Matte kann ihre Arme nicht richtig bewegen. Trotzdem sind alle Mitglied im Schwimmverein Ludwigsburg 08. Auch Elke. Schwimmen für Menschen mit Handicap heißt das Projekt, das die Karlshöhe, die Pädagogische Hochschule und der SVL 08 vor einem Jahr begonnen haben.

Wichtig ist nicht unbedingt, dass die Teilnehmer zu Spitzenschwimmern werden. „Hauptsache, die Leute bewegen sich“, sagt Alex, der Anette auf der Matte angeschubst hat. Das ist gut gegen Übergewicht, für die Muskeln und schonend für die Gelenke. Alex heißt Zügel mit Nachnamen, ist 26 Jahre und Initiator des Projekts. Alex Zügel studiert Soziale Arbeit, im vierten Semester betreute er einen Mann, der nicht schwimmen konnte – und Alex Zügel stellte fest, dass es kein Angebot für behinderte Menschen gibt. So kreierte er es selbst. Anfangs fanden sich sieben Anfänger im Bad ein, jetzt sind es 20. Und es werden immer mehr. Was bestimmt auch an Pasi liegt.

Nachbarn werden Freunde

Am Anfang hat Pasi, der in echt Pascal heißt, wie ein Wilder die Bahnen durchkreuzt. Mal vorwärts, mal rückwärts, mal mehr tauchend, mal mehr schlagend. Seine Arme und Beine wollten einfach nicht so wie er wollte. Inzwischen hält der 28-Jährige stilbewusst durch. Eine Bahn Brust – kein Problem. Oder Kraul – nichts leichter als das. Pasi hat das Seepferdchen und das bronzene Abzeichen. Im April nimmt er an einem integrativen Schwimmwettbewerb in Aalen teil. Wenn Pasi vom Schwimmkurs erzählt, und das tut er quasi wie ein Wasserfall, kommen sehr häufig die Worte „Spaß“ und „super“ vor und „stolz“. „Ich bin echt stolz auf mich“, sagt er zum Beispiel.

Wobei die Inklusionsschwimmer im Campusbad nicht nur schwimmen lernen. Sie werden auch selbstständiger und offener, hat Alex Zügel festgestellt. Bevor Pasi, Claudio und die anderen zum SVL kamen, sei es die Arbeit gewesen, die ihren Tagen Struktur gab. Dass man die Zeit nach Feierabend auch sinnvoll nutzen und sogar selbst gestalten kann, sei ihnen nicht bewusst gewesen. Anette, Maria und Jessica etwa wohnen zwar im selben Heim, hatten aber kaum Kontakt zueinander.

Ungewisse Zukunft

Im Schwimmbad wurde aus den Wohngruppennachbarn eine eingespielte Gruppe. Oder Uschi: Uschi kam anfangs in der Umkleidekabine nicht alleine zurecht – inzwischen klappt das wunderbar. Wenn irgendwann auch noch die Blicke verschwinden, die die Schwimmer von Alex Zügel bisweilen noch immer auf sich ziehen, wäre die Inklusion einen großen Schritt weiter.

Alex Zügel ist bald fertig mit seinem Studium, als günstige Hilfskraft kann er dann nicht mehr beschäftigt werden. Ob das Angebot trotzdem bestehen kann? Im Spendentopf, aus dem die Beiträge für die behinderten Mitglieder bezahlt werden, die meist von der Grundsicherung leben, war bis jetzt genügend Geld. Gesammelt haben es dieSVLer Martin Tschepe und Volker Heyn, die im vergangenen Jahr den Neckar von der Quelle bis zur Mündung durchschwommen haben. Ob das Geld auch künftig reicht? Schön wär’s!

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