Die Uni Stuttgart hat international eine besonders starke Reputation im Maschinenbau, sagt Informatikprofessor Michael Resch. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Ausländeranteil an der Uni Stuttgart steigt. Zuletzt betrug er 21,2 Prozent – das sind 5841 der 27 599 Studierenden. Größte Ausländergruppe sind die 1300 Chinesen. Im Interview erklärt der Informatikprofessor Michael Resch, was ausländische Studierende herlockt.

Stuttgart -

Herr Resch, Sie leiten nicht nur das Höchstleistungsrechenzentrum, sondern Sie halten auch Vorlesungen in Informatik. Welche Rolle spielt es, ob ein Studierender Ausländer ist oder nicht?
Es fällt mir zwar auf, wenn sie Fragen stellen, aber es spielt für mich keine Rolle.
Gibt es Verständigungsprobleme?
Ja, aber das ist selten. In den schriftlichen Prüfungen merkt man schon, dass jemand Ausländer ist, aber das ist meist irrelevant. Es geht nicht um Stilistik, sondern darum, ob er verstanden hat, wie Zusammenhänge funktionieren.
Nehmen Sie kulturelle Unterschiede wahr?
Selten. Es gab einen Fall, bei dem sich eine wissenschaftliche Hilfskraft geweigert hat, eine Frau als Chefin zu akzeptieren.
Wie ist das ausgegangen?
Ich habe ihm gesagt, er muss den Vertrag nicht unterschreiben.
Welcher Ethnie hat der Mann angehört?
Es war ein Araber, er kam aus dem nordafrikanischen Raum. Es gab auch mal einen, der einen Vertrag nicht unterschreiben konnte, weil er dazu in das Büro der Verwaltung hätte gehen müssen, und da saßen nur Frauen. Er wollte nicht mit Frauen in einem Büro allein sein. Der hat den Vertrag halt auch nicht unterschrieben. Einmal kam eine Frau verschleiert zur Prüfung. Der habe ich gesagt, für die Identitätsüberprüfung muss ich das Foto vergleichen mit der Realität. Das haben wir getan, dann durfte sie ihren Schleier wieder draufmachen, und sie wurde geprüft.
Nehmen Sie Leistungsunterschiede wahr, die Sie Nationen zuordnen können?
Nein. Wer hier studiert, muss ein Jahr Deutsch gelernt haben. Die meisten Chinesen tun sich übrigens sehr leicht, Deutsch zu lernen. Und gerade diese können hier nur studieren, wenn ihre Eltern sehr reich sind – oder sie haben eines der besten Abiture an einer der besten Mittelschulen ihrer Stadt gemacht. Dann dürfen sie an einer der besten chinesischen Universitäten studieren – und auch ins Ausland. Die meisten ausländischen Studierenden müssen vorher auf nationaler Ebene ein Auswahlverfahren hinter sich gebracht haben.
Was zieht ausländische Studierende an die Uni Stuttgart?
Die Uni Stuttgart hat international eine besonders starke Reputation im Maschinenbau. Wir haben Daimler, Porsche, Bosch da. Das sind Firmen, die man überall kennt. Wenn Leute hierherkommen, dann wissen sie, wir sind eine der renommiertesten Universitäten im ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Das macht uns attraktiv.
Wie sehen Sie das, wenn eine Uni einen hohen Ausländeranteil hat?
Ein hoher Ausländeranteil ist ein Zeichen, dass die Universität eine hohe Qualität hat. Denn wenn ich ins Ausland gehe, um zu studieren, überlege ich mir sehr genau, wo ich hingehe. Das kostet Geld, sie müssen eine fremde Sprache lernen, das ist mit hohem Aufwand verbunden, sie sind nicht zu Hause bei ihrer Familie. Hinzu kommt: Viele dieser Studenten müssen ihr Studium selbst finanzieren. Das ist in Stuttgart teurer als anderswo. Das wissen sie, aber sie kommen trotzdem. Das heißt, sie kommen wegen der Qualität. Das ist für uns ein gutes Zeichen. Es wäre für uns dramatisch, wenn wir sehen würden, dass die Zahl der ausländischen Studierenden deutlich zurückgeht. Da müssten wir uns fragen: Sind wir nicht mehr attraktiv? Was machen wir falsch?
Wie wichtig ist es, dass die ausländischen Studierenden sich hier integrieren?
Manche erwarten, dass Integration bedeutet, dass ich Maultaschen esse und Linsen und Spätzle. Dabei geht es eher darum, dass sich die Leute hier in dem System zurechtfinden: Sie müssen die Sprache sprechen, bereit sein, ihr Leben zu gestalten, und sie müssen akzeptieren, dass wir hier bestimmte Regeln haben. Ob die hier noch in den Sportverein gehen oder sich sonst irgendwo engagieren, ist nicht entscheidend. Man sollte bedenken, wir verlangen relativ viel: Die Leute kommen, machen ein Jahr ihre Sprachausbildung, dann sollen sie möglichst in fünf Jahren ein Studium durchziehen, das für jemand mit deutscher Muttersprache schwer genug ist. Dann müssen sie Geld verdienen, um hier leben zu können. Da kann man nicht auch noch von ihnen verlangen, sie sollten sich auch noch in der studentischen Vertretung engagieren. Man muss beim Thema Integration bei Studierenden einen anderen Maßstab anlegen, als wenn jemand kommt, der bis zur Rente hier bleiben will.
Wie offen ist die Uni Stuttgart gegenüber ausländischen Studierenden?
Sie ist sehr offen gegenüber ausländischen Studierenden und gegenüber ausländischen Mitarbeitern. Wir sind froh über jeden, der bereit ist, an der Uni Stuttgart zu arbeiten. Es gibt im Großraum Stuttgart Arbeitskräftemangel, vor allem im technisch-wissenschaftlichen Bereich. In ihrer Professorenschaft ist die Uni Stuttgart sicher nicht so international wie Unis in den USA.
Woran liegt das?
Das liegt daran, dass Sprache immer noch ein wichtiges Kriterium ist. Ein Großteil der Vorlesungen findet auf Deutsch statt. Und dann zögern wir natürlich, wenn wir die Wahl haben zwischen jemandem, der sehr gut ist und Deutsch spricht und jemandem, der sehr gut ist und nicht Deutsch spricht, den Nicht-Muttersprachler zu nehmen.
Würde ein höherer Ausländeranteil in der Professorenschaft die Möglichkeiten der Uni vergrößern?
Damit wären Konsequenzen verbunden. Wenn wir einen höheren Anteil der Vorlesungen auf Englisch halten würden, würde sich die Uni als Ganzes in ihrem Charakter verändern. Wir würden internationaler werden und darüber debattieren, warum wir nicht die Vorlesungen in unserer Muttersprache halten. Und wir hätten die Situation, dass Nicht-Muttersprachler für Nicht-Muttersprachler auf Englisch Vorlesungen halten. Mittelfristig hätten wir somit sicher ein größeres Potenzial bei der Einwerbung von Spitzenkandidaten für Professoren­stellen.
Ist es im globalen Gefüge überhaupt vorstellbar, darüber nachzudenken, die Zahl der ausländischen Studierenden zu limitieren?
Nein, das passt nicht in die Welt. Die Uni als Ganzes ist ja international massiv vernetzt.
Wie sieht das bei Ihnen im Höchstleistungsrechenzentrum aus?
Wir kooperieren zwischen Shanghai und San Francisco und quer über Europa bis runter nach Südafrika und Südamerika. Spitzenforschung vernetzt sich. Wir sind auch nicht mehr so stark wie früher darauf fokussiert, mit anderen Unis im Land oder in Deutschland zu konkurrieren. Für uns im HPC (High Performance Computing) stellt sich die Frage: Wie konkurriere ich mit Wuxi, wo der schnellste Rechner der Welt steht, oder mit Berkeley, wo der schnellste zivile Rechner in USA steht, oder mit Austin/Texas? Unter unseren 100 Mitarbeitern sind 15 Nationen vertreten. Ausländische Mitarbeiter sind enorm wichtig.
Weshalb?
Wenn ich mit Shanghai kooperieren will, brauche ich jemanden, der sehr gut Chinesisch spricht. Ich habe chinesische Mitarbeiter, aber auch russische, spanische. Wir kooperieren mit Donezk, mit der Ukraine, mit Spanien. Es geht auch darum zu wissen, wie eine Kultur tickt. Das bringen die mit.
Haben Sie eine Idee, wie man an einer Uni eine weltoffene Haltung hinkriegt?
Wir machen das schon gut. Wir haben Ansprechstellen für die Leute, wenn sie herkommen. Die Sprachausbildung ist sehr gut. Man kann auch bei der Zuweisung von Wohnheimplätzen bewusst steuern und verhindern, dass alle aus einer Nation in einem Gebäude sind. Wesentlich ist, dass eine Uni nach außen deutlich macht: Uns sind diese Menschen wichtig. Wir heißen euch willkommen, und wir möchten, dass unsere Studierenden im Ausland willkommen sind. Dass muss man signalisieren.
Wie könnte so ein Signal aussehen?
Zum Beispiel könnte man Studierende aus China, Frankreich, Spanien bitten, das Catering bei Uni-Veranstaltungen wie der Jahresfeier oder der Begrüßung der Erstsemester zu machen. Man könnte auch einen ausländischen Studierenden auf die Bühne bitten und ihn sagen lassen, warum er nach Deutschland gekommen ist, um hier zu studieren. Manchmal sind es Kleinigkeiten.
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