Viele Schaufenster in der City – wie hier bei Breuninger mit dem Hashtag Allislove – sind zur CSD-Parade in den Farben des Regenbogens dekoriert.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski Foto:  

„Happy Pride“ steht in den Schaufenstern oder „Allislove“. Am Regenbogen kommt keiner in der Stuttgarter City vorbei. So viel CSD war im Handel noch nie. Die Veranstalter rufen dazu auf, keine „Fremdgetränke“ zur Parade mitzubringen.

Stuttgart - Die Trillerpfeife in den Farben des Regenbogens kostet drei Euro. Den Make-up-Stick in der gleichen Bemalung gibt’s für 5,40 Euro. Das Pride-Sortiment der Stuttgarter Kaufhäuser umfasst Flaggen, T-Shirts, Ketten, Schweißbänder, Hosenträger, Abziehbilder und vieles mehr – alles lockt im radikalen Farbverlauf, der für Vielfalt steht.

Der Regenbogen ist ein optisches Phänomen, das in der Form eines Kreisbogens entsteht, wenn Sonnenstrahlen auf eine Regenwand treffen. Viel Sonne, also Sympathie und Unterstützung, stößt auf den Christopher Street Day, dessen Kulturfestival an diesem Samstag mit der Parade seinen Höhepunkt findet. „Noch nie zuvor haben sich so viele Geschäfte in Stuttgart bunt gemacht für uns“, freut sich CSD-Sprecher Christoph Michl. Nicht uneigennützig dürften sie’s tun. Die große Party der Queer-Community ist zu einem Geschäft geworden, das an die Sonderstände erinnert, die mit Dirndl und Lederhosen vor dem Volksfest in der Einkaufsmeile aus den Böden schießen.

Wer zeigt, dass er das Anderssein als Bereicherung sieht, beweist damit, wie modern er ist, nicht engstirnig und ewiggestrig. Für die Imagebildung einer Marke scheint dies immer wichtiger zu werden.

Nicht nur zum Gaywatch an den Straßenrand

Immer mehr wissen auch, was das Kürzelungetüm LGBTTIQ meint. Die Buchstaben stehen für Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual (Person fühlt sich im Körper des falschen Geschlechts), Transgender (Person fühlt sich keiner typischen Geschlechterrolle zugehörig), Intersexual (Person hat Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter), Queer (umreißt alle der vorherigen Buchstaben und alle nicht aufgelisteten). Die Zahl der CSD-Teilnehmer, die nicht zu diesen sieben Buchstaben passen, ist laut Veranstalter so groß wie nie zuvor. Mit anderen Worten: Die Heteros wollen mittendrin sein und nicht nur zum Gaywatch an den Straßenrändern stehen. Sie reihen sich zahlreich in die Parade ein, die bei allem Partyspaß politische Forderungen transportieren soll. Unter dem Motto „Mut zur Freiheit“ steht im Fokus die Stärkung fortschrittlicher Kräfte in der katholischen Kirche.

Auch wenn der Handel voll einsteigt beim CSD, was dem Organisator Christoph Michl gefällt, wollen er und sein Team alles tun, damit die bei der Parade reichlich vertretenen Firmen diese nicht für Produktwerbung missbrauchen. „Wenn wir Reklame auf den Trucks sehen, wird sie von uns zugehängt“, sagt Michl. Die erste Fußgruppe wird um 15.30 Uhr auf der Böblinger Straße losmarschieren. Weil 94 Formationen dabei sind – so viele wie nie zuvor –, wird sich das Schlusslicht des Zuges erst 50 Minuten später in Bewegung setzen. Es dauert, bis ein so langer Zug vorwärtskommt.

Erinnerungen an die Schwulendemo vor 40 Jahren

Die Parade zieht am Samstagnachmittag an einer Jury vorbei, die bei der Paulinenbrücke sitzt und die beste Formation kürt. Jurymitglied Sebastian Weingarten, der Intendant des Renitenz-Theaters, war bei der ersten Demo in Stuttgart gegen den Paragrafen 175 dabei, die vor 40 Jahren als „Homobefreiungstag“ ausgerufen wurde. „Ich stand etwas abseits“, erinnert er sich, „mittenrein hab’ ich mich nicht getraut.“ Es war vor seinem Outing.

Dem Moderator Chris Fleischhauer fiel am Freitag ein Stein vom Herzen. Am Morgen hatte er erfahren, dass der Truck, den er für die FDP gebucht hatte, wegen eines Unfalls ausfällt. Nach vielen Telefonaten – alle verfügbaren Lastwagen schienen CSD-bedingt ausgebucht – fand er doch noch Ersatz.

Die Halbe kostet unverändert 4,10 Euro

Die CSD-Veranstalter rufen dazu auf, keine „Fremdgetränke“ mitzubringen. Das Kulturfestival koste keinen Eintritt und finanziere sich über den Verkauf von Speis und Trank. Es sei nicht verboten, eigene Flaschen mitzubringen, aber unsolidarisch, sagt Christoph Michl. Die Halbe kostet beim CSD unverändert 4,10 Euro. Wer „Verräterbier“ mitbringt, dem wird die laute Trillerpfeife geblasen – mit der ganzen Kraft des Regenbogens!

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