Die Paulinenbrücke empfinden die meisten als ungemütlichen Ort. Foto: Kathrin Wesely

Die Stuttgarter Initiative Stadtlücken will den Leuten Lust machen, ihre Stadt selbst und nach eigenen Wünschen zu gestalten – zum Beispiel unter der Paulinenbrücke.

S-Süd - Die Paulinenbrücke ist im Bewusstsein der meisten Stuttgarter ein Unort, an dem auf der einen Seite die Gestrandeten lagern und auf der anderen Autos parken – eine Zone zwielichtiger Figuren, die man nachts lieber zügig passiert. Man kann den Ort aber auch mit anderen Augen sehen: „Es ist der größte überdachte Platz der Stadt“, sagt Sebastian Klawiter von der Initiative Stadtlücken. Was könnte man damit nicht alles anstellen!

Wie der Name nahelegt, stöbern die Vereinsmitglieder Orte auf, die ein eher unerfreuliches Schattendasein fristen, um ihnen neues Leben einzuhauchen. Die Gruppe besteht überwiegend aus jungen Architekten aber auch Schreiner, Kommunikationsdesigner und Stadtplaner gehören zum Team. Ihr Ziel ist aber nicht, mit großartigen Entwürfen hässliche Ecken aufzuhübschen.

Es geht mehr um die sozialen Aspekte und um eine Art Hilfe zur Selbsthilfe: „Wir wollen die Leute zum Machen anleiten“, sagt Isabel Thoma. Anwohner und andere Stadtbewohner werden auf einen Platz aufmerksam gemacht, mögliche alternative Nutzungen werden skizzenhaft angerissen und die Menschen dazu angehalten, sich selbst Gedanken zu machen: Was muss aus ihrer Sicht anders werden, damit sie diesen Ort gerne aufsuchen?

So in etwa lässt sich das Konzept der Stadtlücken umreißen. Anwendung findet es zurzeit außer unter der Paulinenbrücke gleich nebenan in der Marienkirche, die mit Gottesdiensten nicht mehr hinreichend ausgelastet ist und nach angemessenen Mitnutzungen sucht. Ausgeheckt werden diese und künftige Ideen der Stadtlücken bei den offenen Treffen ein mal im Monat im Theater Rampe.

Die Stadt wird bloß noch konsumiert

Angefangen hatte es im Herbst 2016 mit einem kleinen Kiosk unter der Paulinenbrücke. Damals lenkten die Stadtlücken-Leute zunächst den Blick der Bürger auf den Parkplatz unter der Brücke und sammelten erste Ideen. Die Sache wurde im Bezirksbeirat Süd präsentiert und dort positiv aufgenommen.

Als nächstes ist nun der Gemeinderat am Zug: Er muss nach der Sommerpause darüber befinden, ob er den Stadtlücken Platz einräumt für sein Bürgerprojekt, sobald der Vertrag mit dem Parkplatzbetreiber Apcoa Ende des Jahres ausgelaufen ist. Denn ohne diesen Platz wird aus den schönsten Ideen nichts.

Dass der Raum unter der Brücke durchaus bespielbar ist, hat vor einigen Jahren bereits das Staatstheater vorgeführt: Die Oper Stuttgart hatte in ihrer Reihe „Zeitoper“ Unorte im öffentlichen Raum zu theatralem Leben erweckt und 2009 Daniel Otts Musiktheaterstück „Paulinenbrücke“ ebendort uraufgeführt. Im Unterschied dazu kommt es den jungen Leuten von den Stadtlücken darauf an, dass die Bürger selber initiativ werden und ihre Stadt gestalten. Ihre Aufgabe sehen sie lediglich darin, Anstöße und Hilfestellung zu geben. „Wir sind selbst gespannt, was herauskommt“, sagt Hanna Noller. „Die Leute in der Stadt sind zu Konsumenten der Stadt geworden. Wir wollen, dass sie wieder ein Ort ist, wo man selbst gestalten kann.“

Dazu brauche es gar nicht viel, meint Sebastian Klawiter. Manchmal reichten ein paar gezimmerte Sitzgelegenheiten, damit Menschen zusammenkommen. Man müsse nicht gleich immer alles neu machen – etwa die Brücke abreißen „Wir sollten uns überlegen, was wir mit dem anstellen können, was da ist – ohne großen Aufwand. Wir sollten öfter einfach mal machen.“

Soziales Miteinander wird entfacht

Das Projekt Marienkirche zeigt, dass das ganz gut gelingen kann. Der Stadtlücken-Verein hat den Kirchenraum umgestaltet, um Anwohner und Passanten dazu zu ermuntern einzutreten und sich Gedanken über den Ort zu machen. Tatsächlich kommen Leute – nicht bloß, um ihre Ideen zu hinterlassen, sondern einfach, um zu verweilen. Auch der Platz vor der Kirche ist so zum Treffpunkt geworden. Die Obdachlosen sind immer noch da, aber eine Skater-Szene samt Zuschauer hat sich neu angesiedelt. Manchmal bringen Gastronomen am Abend das Essen vorbei, das sie nicht verkauft haben. „Wir haben auf der Treppe schon richtig nett zusammengesessen und belegte Weckle gegessen – Tippelbrüder, Skater und wir halt“, erzählt einer von den Stadtlücken. Ihre Initiative habe das soziale Miteinander angefacht.

Über jedem der Projekte schwebe die Frage: „Wie wollen wir in Zukunft leben?“, erläutert Sascha Bauer. Er wünsche sich, dass die Leute bald sagen werden: „Ich lebe in Stuttgart, weil mir die Stadt so gut gefällt.“ Anstatt: „Ich wohne hier, weil ich beim Daimler schaffe.“ Die Stadtlücken wünschen sich auch, dass die Stadt den Kreativen mehr Raum gewährte: „Hier gibt es drei Architekturfakultäten. Doch sobald die Leute mit dem Studium fertig sind, wandern sie ab“, klagt Klawiter. Potenzial für bessere Gestaltung findet sich in der Stadt hinreichend. Im Augenblick testet die Gruppe, ob auch das gesellschaftliche und politische Potenzial ausreicht, Dinge unbürokratisch und zeitnah zu verändern. Die Initiative gibt sich zweckoptimistisch: „Wir wollen nicht auch noch nach Berlin ziehen müssen.“

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