...und Basisarbeit zeigt Katarzyna Kozielskas Choreografie die Starsolistin. Foto: Stuttgarter Ballett

Warum es nicht immer nur heiter ist, Ballettintendant zu sein, zeigen die „Party Pieces“ im Schauspielhaus. Reid Anderson durfte sich nach kurzer Aufregung doch zurücklehnen und einen Abend voller schöner Überraschungen genießen.

Stuttgart - „Es tut hier weh“, sagte Reid Anderson am Sonntag und griff sich ans Herz, nachdem er im Schauspielhaus in einer One-Man-Show auf seine 22 Jahre als Intendant des Stuttgarter Balletts zurückgeblickt hatte und in der Gegenwart des Abschiednehmens angelangt war. Ja, Tränen werden spätestens zum Abschluss dieser Festwoche noch reichlich fließen. Doch weil ihr Regisseur Reid Anderson heißt und weil er das Ende seiner Intendanz bereits vor drei Spielzeiten so entschieden hat, soll es kein trauriges, sondern ein sehr freudiges Finale werden.

„Party Pieces“ heißt deshalb das Programm, das es innerhalb der Festwoche gleich zwei Mal geben wird. Premiere war am Montag im Schauspielhaus, das gerade ein bisschen zum Wohnzimmer des scheidenden Intendanten wird. Niemand ahnt deshalb Böses, als der nach sehr verspätetem Einlass vor den Vorhang tritt und für seinen ersten Satz „Mein Name ist Reid Anderson“ großes Gelächter erntet. Doch dann erfährt das Publikum, dass es nicht nur heiter ist, Intendant zu sein. Die Feuerwehr für diesen Abend nicht bestellt? Jason Reilly, Matteo Crockard-Villa verletzt? Für Ballettfans ist klar, was schlimmer wiegt, denn nun muss diese Mini-Gala ohne Eric Gauthiers „Ballet 101“ und ohne Itzik Galilis „Mono Lisa“ auskommen.

Marijn Rademaker reiste aus Amsterdam an

Sehr herzlicher, langer Applaus für die knapp zwanzig Solisten zeigte am Ende, dass niemand etwas vermisst hat. Vor allem das Wiedersehen mit zwei alten Bekannten machte dem Publikum hörbar Freude: Marijn Rademaker und Daniel Camargo waren als Gäste aus Amsterdam angereist. Rademaker tanzte das Solo, das Edward Clug bei der Neufassung seines Chopin-Balletts „Ssss…“ für ihn choreografiert hatte, so präzise und doch gelassen, dass die nachtblaue Melancholie dieses Stücks wunderbar funkelte. Spätestens bei Camargos Auftritt als „Firebreather“ war klar, warum es an solchen Abenden der Feuerwehr bedarf: Wenn der Brasilianer in maximaler Drehzahl durch dieses höchstvirtuose Solo von Katarzyna Kozielska geflogen ist, glühen nicht nur seine Muskeln.

Stücke, die für Reid Anderson bedeutsam sind, versammelt dieser Abend. Die Tänzer wissen das, jedem Programmpunkt geben sie entsprechendes Gewicht, auch wenn er einst als Noverre-Beitrag klein anfing: Rocio Aleman und ein Herren-Trio setzen die sich neckenden Kräfte in „Sirs“ schön widerspenstig in Szene; das Stück steht stellvertretend für die steile Karriere von Bridget Breiner, auf die Reid Anderson „unheimlich stolz ist“. Rolando d’Alesio, heute nicht nur vom Intendanten als „einer der weltbesten Ballettmeister“ geschätzt, schuf 2001 mit „Come neve al sole“ einen gefragten Gala-Hit; warum das so ist, zeigen Roman Novitzky und Miriam Kaverova, die sich und zwei rosa T-Shirts charmant der Zerreißprobe einer Beziehung aussetzen. Und dass Novitzky auch als Choreograf verblüffen kann, beweist sein Noverre-Debüt „Are you as big as me?“: Matteo Miccini, spontan für einen verletzten Kollegen eingesprungen, sprintet mit Louis Stiens und Alessandro Giaquinto durch dieses heitere Abbild eines Lebens unter Zeitdruck, nämlich das eines Tänzers.

Von 1996 bis in die Gegenwart

Auch an besondere Momente erinnern die Stücke dieses Abends: Dass Elisa Badenes jeden Preis verdient hat, zeigt sie in Katarzyna Kozielskas Solo „Limelight“, das virtuos mit Erwartungen spielt, ebenso wie an der Seite von David Moore, mit dem sie samt Demis Volpis Duett „Little Monsters“ 2011 zur Erik-Bruhn-Preisverleihung reiste. Zu Andersons 60. Geburtstag hatte ihm Marco Goecke „Fancy Goods“ geschenkt, ein von fünf Federwedeln in Pink gerahmtes Solo, in dem Friedemann Vogel auch bei dieser Party glamourös die Muskeln spielen lässt.

Das erste Ballett, das Anderson 1996 als Intendant für Stuttgart in Auftrag gab, holen Anna Osadcenko und Friedemann Vogel in die Gegenwart und lassen ahnen, wie man vor zwei Jahrzehnten über das von Mauro Bigonzetti vorgelegte Tempo staunte. Staunen machen nach wie vor die verschraubten Körperskulpturen von Douglas Lee, die Hyo-Jung Kang mit Martí Fernández Paixà in „Arcadia“ lebendig und ganz unmanieriert feiern. Und staunen macht einmal mehr Alicia Amatriain: Statt auf Akrobatik, wie sie „Mono Lisa“ gefordert hätte, musste sie innerhalb kurzer Zeit auf den lyrischen Bewegungsfluss umschalten, den Volpis „Allure“ fordert: Zu sehen, wie diese Tänzerin sich tastend ihrer Kunst vergewissert, machte nicht nur den Ballettintendanten glücklich.

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