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Die Eiskunstläuferin Joannie Rochette holt Bronze kurz nach Herztod von ihrer Mutter Therese (55).  

Vancouver - Triumph, Tragödie, Tränen - all das gehört zu einem Eiskunstlauf-Wettbewerb der Damen bei Olympia. Und diese Zutaten hatte auch der Wettbewerb in Vancouver zu bieten. Strahlende Siegerin war Yu-Na Kim aus Südkorea, traurige Heldin die Kanadierin Joannie Rochette, deren Mutter am vergangenen Sonntag nach einem Herzanfall starb. Und Tränen gab es sowieso im Überfluss.

Es war ein tief bewegender Augenblick für Joannie Rochette. Mit feuchten Augen nahm die Kanadierin ihre Bronzemedaille entgegen. Es hätte ein Moment des Triumphes, der Freude sein sollen. Doch Joannie Rochette fühlte nichts als tiefe Trauer und Schmerz. "Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, nicht zu weinen, bevor die Musik zu meiner Kür anfing zu spielen", erzählte die 24 Jahre alte Eiskunstläuferin aus Montreal nach ihrem emotionalen Auftritt. Es war ihr mit bewundernswerter Kraft gelungen, all das Leid kurz zu vergessen. In ihrem türkisfarbenen Kleid mit silbernen Pailletten zauberte sie eine fast perfekte Vorstellung aufs Eis. Dafür gab es tosenden Beifall von den 14.200 Zuschauern im Pacific Coliseum, die Stofftiere flogen dutzendfach als Zeichen der Anerkennung aufs Eis.

In den Tagen vor der Kür durchlebte Joannie Rochette die Hölle. Am vergangenen Sonntagmorgen um 6 Uhr überbrachte ihr Vater Normand die traurige Nachricht vom Tod der Mutter. Kurz nach der Ankunft in Vancouver starb Therese Rochette an Herzversagen - die 55-Jährige wollte ihre einzige Tochter bei ihrem Olympiaauftritt unterstützen. Ein Schicksalsschlag, den viele andere Menschen nicht so schnell verdrängt hätten. Aber Joannie Rochette. "Ich wollte für meine Mom stark sein, und sie wäre stolz auf mich, nicht nur, weil ich so gut gelaufen bin, sondern auch, weil ich meine Emotionen unter Kontrolle hatte", sagte sie. Erst bei der Siegerehrung musste sie mehrmals schlucken, Tränen standen ihr in den Augen, als sie ihre Bronzemedaille in Empfang nahm. "Gemeinsam mit meiner Mutter habe ich 1994 erstmals die Olympischen Spiele angeschaut. Seit diesem Augenblick wollte ich mir den Traum, eine Medaille zu gewinnen, erfüllen, und meine Mom hat mich dabei immer unterstützt", schluchzte Joannie Rochette. Triumph und Tragödie - manchmal liegen sie dichter beieinander, als man annimmt.

Für ihre mutige Entscheidung, trotz ihrer Trauer aufs Eis zu gehen, bekam die Vize-Weltmeisterin besonders von ihren Konkurrentinnen viel Unterstützung. "Ich bewundere sie sehr für ihre Kraft", sagt die neue Olympiasiegerin Yu-Na Kim. Die Südkoreanerin gewann mit einer Traumkür die Goldmedaille. Mit 228,56 Punkten brach sie zudem noch ihren eigenen Weltrekord. Nach ihrer zauberhaften Darbietung brach die kleine Asiatin vor Freude ebenfalls in Tränen aus. "Ich hatte einen perfekten Auftritt, aber diese Benotung kann ich kaum glauben", sagte die 19-Jährige gerührt. Ihr kanadischer Trainer Brian Orser war ebenfalls begeistert: "Sie war so ruhig und überlegen die ganze Zeit über. Einfach fantastisch."

Für Yu-Na Kim, die im Eiskunstlaufen die erste Medaille für ihr Land gewonnen hat, brechen nun noch aufregendere Zeiten als bisher an. In Südkorea ist sie bereits der absolute Superstar, sie kann nicht unbehelligt auf die Straße, wird daher von Leibwächtern geschützt. Um den Rummel, der in ihrer Heimat um sie gemacht wird, zu entgehen, trainiert und lebt Yu-Na Kim, die mit einem Jahreseinkommen von acht Millionen Dollar zu den Topverdienern bei Olympia zählt, in Toronto. In Vancouver kann sie sich der Hysterie der Medien und ihrer Fans ebenfalls kaum entziehen. Dutzende Kameras verfolgen ständig die 1,62 Meter große Eisprinzessin. Die wünscht sich jetzt nur eines: ein wenig Ruhe, um ihren Triumph richtig genießen zu können. Joannie Rochette wird es genauso gehen.


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