Harald Hermann (vorne rechts) hat seine Helfer kurzfristig zur Besprechung der Wahlkampfstrategie im neuen Büro in der Stöckachstraße 53 zusammengetrommelt. Foto: Max Kovalenko/PPF

Harald Hermann zieht die Begeisterung seiner jungen Helfer der Routine von Profis vor.

Stuttgart - Vor der heißen Wahlkampfphase, die am 25. August beginnt, wenn die OB-Kandidaten ihre Plakate im öffentlichen Raum aufhängen lassen dürfen, hat es noch geklappt: Die Landesgeschäftsstelle der Piratenpartei hat erstmals in ihrer jungen Geschichte eigene Büros bezogen.

Der Geruch von frischer Farbe hängt in der Stöckachstraße 53 im Stuttgarter Osten noch in der Luft. „Wir haben alles gemeinsam in Eigeninitiative renoviert“, sagt OB-Kandidat Harald Hermann stolz. Offiziell wird die neue, 165 Quadratmeter große Parteizentrale erst im September eröffnet. Doch Hermann und seine Helfer dürfen bereits vorher einen Raum als Wahlkampfstützpunkt nutzen. „Bisher waren unsere Arbeitstreffen in Gaststätten. Dort ist es oft laut. Man muss etwas zu essen oder zu trinken bestellen. Und weil unsere Zusammenkünfte oft spontan sind, war es jedes Mal schwierig, ein geeignetes Lokal zu finden“, sagt Hermann.

Spontan, gemeinsam, in Eigeninitiative: Das sind für Hermann die Stichworte, die seinen Wahlkampf zum Erfolg führen sollen. Während andere Kandidaten bereits ihre druckfrischen Wahlplakate präsentieren, haben die Piraten vor kurzem erst einen Entwurf fertiggestellt: Er zeigt Hermann in grauem Hemd, schwarzer Jacke, mit freundlich-ernstem Blick. Dazu der Text: Klarmachen zum Ändern. Bisher ist der Entwurf nur auf dem iPad, einem Computer für die Hand- oder Jackentasche, zu sehen. Ob der Entwurf so in Druck geht oder abgeändert wird und ob es mehrere Versionen geben soll, darüber müssen sich Hermann und seine rund 30 Wahlkampfhelfer noch einig werden. „Für die Plakate brauchen wir keine teuren Werbeprofis. Die entwerfen wir zusammen im Team und setzen unsere Ideen gemeinsam um“, sagt Martin Eitzenberger.

Plakate hängen schneller als die der Konkurrenten an ihren Standorten

Der 29-jährige Softwareexperte ist einer der 30 Wahlkampfhelfer Hermanns und gehört wie die 26-jährige Altenpflegerin Melanie Unterricker und der 23 Jahre alte Student Nikolai Klieber zum engeren Kreis um den OB-Kandidaten. Alle drei sind überzeugt: Bis zum 25. August sind die Plakate fertig und hängen schneller als die der Konkurrenten an ihren Standorten.

Auf wie vielen Plakaten Harald Hermann die Stuttgarter auffordern wird, ihm die Stimme zu geben, ist noch ungewiss. „Das hängt davon ab, wie viele Spenden wir bekommen“, sagt Eitzenberger und nimmt an, dass ein Betrag zusammenkommt, mit dem gut 700 Plakate finanzierbar sind. Von der Piratenpartei sind 1500 Euro zugesichert worden. „Wichtiger als Geld sind doch das Engagement und die Ideen“, sagt Eitzenberger, und Hermann nickt.

Er setzt auf den frischen Wind, den die Piraten in seinen Wahlkampf bringen, statt auf Routine und Professionalität. Im Keller eines Piraten sollen die Poster auf Holzplatten geklebt werden. „Das ist schon organisiert“, teilt Eitzenberger mit. Per sogenannter Mailingliste müssten nur noch Leute zum Anbringen der Werbung gesucht werden. „Am Stichtag werden wir eine Minute nach Mitternacht loslegen“, ist Eitzenberger überzeugt. Ergänzt werden die Plakate mit dem Konterfei des OB-Kandidaten durch Flyer mit Infos über die Piratenpartei und die sogenannten Kaperbriefe, die in die Briefkästen gesteckt werden sollen. „Dadurch lernen uns die Leute besser kennen. Viele wissen noch gar nicht, was die Piratenpartei ist und wofür sie steht“, stellt Hermann fest.

Altersdurchschnitt der Stuttgarter Piraten liegt bei 36

Internet, iPad, Smartphone: Aus dem Wahlkampf der Piraten ist die moderne Kommunikationstechnologie nicht wegzudenken. „Damit sind wir aufgewachsen“, sagt Nikolai Klieber, der mit seinen 23 Jahren jünger ist als die meisten der rund 320 Stuttgarter Piraten. Deren Durchschnittsalter liegt bei 36. Ihr OB-Kandidat ist 52. „Seit unseren Erfolgen bei den Landtagswahlen steigt der Altersdurchschnitt“, hat Hermann festgestellt.

Mit einem Erfolg rechnet er auch bei der OB-Wahl. Selbst wenn er den Chefsessel im Rathaus nicht erobert, sieht er im Wahlkampf die Chance, auf die Piraten aufmerksam zu machen.

Wenn die Kreispartei am Ende des Wahlkampfs 500 Mitglieder hätte, wäre das auch ein Erfolg, meint Hermann. Auf dem Weg zum Erfolg stehen unter anderem Podiumsdiskussionen, Stammtischtreffen, Besuche von Institutionen.

Per Internet werden auch die Stammtische der Piraten im Stadtgebiet bekannt gegeben

Bei der Vorbereitung darauf laufen die Laptops der Helfer heiß. „Wir recherchieren die Themen, die für einen bestimmten Stadtteil oder eine Personengruppe von Bedeutung sind. Jeder von uns kann sich einmischen und per Computer direkt und zeitgleich die Rechercheergebnisse des anderen ergänzen“, sagt Melanie Unterricker.

Per Internet werden auch die Stammtische der Piraten im Stadtgebiet bekannt gegeben. Bei diesen Treffen können sich Bürgerinnen und Bürger über die Ziele der Piraten informieren wie zum Beispiel Transparenz in der Politik und Beteiligung der Bürger an politischen Entscheidungen. Dafür steht auch OB-Kandidat Hermann.

„Man kann nicht immer nur auf die Politik schimpfen. Man muss auch hinstehen, wenn man die Dinge ändern will“, begründet er seine Kandidatur. Und ändern will er etwas. Deshalb investiert er täglich bis zu vier Stunden in seinen Wahlkampf. Mehr gehe nicht, da er nicht nur Wahlkampf macht, sondern während des Wahlkampfs auch bei der Stadt als EDV-Experte arbeitet.

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