Sozialministerin Monika Stolz Foto: Piechowski

Jugendämter haben immer mehr Eltern das Sorgerecht entzogen. Das ändert sich nun. 

Stuttgart - Jahrelang haben die Jugendämter im Südwesten immer mehr Eltern das Sorgerecht entzogen. Erstmals entspannt sich die Situation - statistisch gesehen. Das Sozialministerium will den Kinderschutz trotzdem stärker ausbauen. Die Verantwortlichen sollen besser zusammenarbeiten - und vor allem früher.

Sie misshandelte ihren zehn Monate alten Sohn schwer. So schwer, dass er ins Krankenhaus gebracht werden musste - mit starken Schädel-Hirn-Verletzungen. Nach einigen Wochen im künstlichen Koma starb der Kleine. Die junge Mutter wurde festgenommen. Im Februar verurteilten die Richter am Tübinger Landgericht die Frau zu fünfeinhalb Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Im Südwesten greift Jugendamt früh ein

Es sind drastische Fälle wie diese, die in der Öffentlichkeit jedes Mal für Aufsehen und Empörung sorgen. Was ist nur schiefgelaufen bei dieser Mutter, lautet dann meist eine von vielen Fragen. Und warum hat das Jugendamt nicht früher eingegriffen?

Das Jugendamt greift früh ein im Südwesten - zumindest in den vergangenen Jahren. Im Jahr 2008 sind 1010 Kinder und Jugendliche aus ihren Familien herausgeholt worden. Gegen den Willen der Eltern. Im Jahr 2007 hatte diese Zahl noch bei 847 gelegen - ein Anstieg also um 19 Prozent und eine Verdoppelung im Vergleich zum Jahr 1992. Im vergangenen Jahr nun mussten die Jugendämter erstmals wieder weniger Kinder und Jugendliche vor ihren Familien schützen: Es gab 924 Sorgerechts-Entzüge. Warum diese Entwicklung? "Die Behörden seien mittlerweile vorsichtiger geworden und schauten genauer hin, sagt Roland Kaiser, der Leiter des Landesjugendamts in Stuttgart. Die Fachleute vom Jugendamt würden Fehlentwicklungen in der Familie früher als bisher erkennen. Zum drastischen Mittel des Sorgerechtsentzugs müsse es deshalb oft nicht kommen. Zudem hätten die Jugendämter in den vergangenen Jahren mehr Mitarbeiter eingestellt - aufgeschreckt durch die spektakulären Fälle von Kindesmisshandlung. Diese Mitarbeiter könnten sich nun mehr Zeit für die Familien nehmen - mit ihnen reden, sich ausgiebig um sie kümmern. Und wenn es wirklich hart auf hart kommt, greifen die Sozialarbeiter und Pädagogen nicht gleich zum Sorgerechtsentzug - sondern lassen den Eltern vielleicht ein Beratungsgespräch zum Thema Erziehung angedeihen oder schicken das Kind in eine Pflegefamilie.

Man kennt sich und redet miteinander

"Wir beobachten eine starke Verunsicherung der Eltern in Erziehungsfragen", sagt Ute Ziegenhain von der Uniklinik Ulm. Zusammen mit dem Kommunalverband Jugend und Soziales und dem Kollegen Jörg Fegert arbeitet Ute Ziegenhain an einem neuen Gütesiegel, das verdienten Kommunen verliehen werden soll: "Netzwerk Frühe Hilfen und Kinderschutz", heißt das Gütesiegel, und, wie der Name schon sagt, geht es dabei um frühe Hilfe: Je früher, desto besser. Und das Zauberwort Vernetzung spielt eine große Rolle. Kommunen sollen ihre verschiedene Behörden so fit machen, dass diese reibungslos und ohne große Worte zusammenarbeiten. Dass Infos fließen. Möglichst früh. Dass Behörden vor möglichen Problemfällen warnen und alle verantwortlichen Stellen das auch mitbekommen - sei es nun Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitshilfe, aber auch Schule, Familiengerichte oder die Polizei. "Bisher war es oft so, dass die eine Hand nicht wusste, was die andere machte", sagt Ute Ziegenhain.

Wie so eine enge Vernetzung aussehen kann, haben zehn Modellregionen in Deutschland bereits gezeigt - im Rahmen des Bund-Länder-Projekts "Guter Start ins Kinderleben".

Man kennt sich und redet miteinander

"Neben dem Kinderschutzgesetz bilden der Ausbau der frühen Hilfen und die weitere Vernetzung der Akteure im Kinderschutz zentrale Säulen im Kinderschutzkonzept des Landes", sagt Sozialministerin Monika Stolz (CDU). Und wie beim neuen Gütesiegel hieß es auch bei dem Bund-Länder-Projekt: Warnsignale müssen frühzeitig erkannt und die Probleme behoben werden. Und alle müssen mitmachen. Egal ob Frauenärzte, Hebammen, Kinderärzte, Schwangerschaftsberaterinnen, Erzieherinnen oder Mitarbeiter der Jugendämter. Einer der Modellstandorte war Pforzheim. Norbert Könne leitet die Sozialen Dienste im Amt für Jugend und Familie, und er sagt: "Die Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen den Akteuren der Jugendhilfe und der Gesundheitshilfe hat sich konkret verbessert." Man kenne sich und rede miteinander - "statt übereinander", sagt Könne.

Sätze wie diese dürfte Sozialministerin Stolz gerne hören. Sie ist auch Kinderbeauftragte der Landesregierung. Und in dieser Funktion habe sie sich zum Ziel gemacht, "dass die Interessen von Kindern in allen Politikfeldern berücksichtigt werden."

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