Sabine Rathgeb zeigt einen Gülleschöpfer, hergestellt aus einem Stahlhelm. Im Heimatmuseum geht es um Kunststoff – und wie die Menschen einst ohne lebten. Foto: factum/Simon Granville

Die neue Sonderausstellung im Heimatmuseum Münchingen von Korntal-Münchingen zeigt anhand von Alltagsgenständen, wie die Menschen früher lebten, nämlich plastikfrei und nachhaltig. Dabei waren sie ganz schön erfinderisch. Heute sieht die Welt völlig anders aus.

Korntal-Münchingen - Überraschend leicht ist der Koffer – obwohl er, hergestellt aus Pappmaché, recht schwer ausschaut. Sabine Rathgeb benutzte ihn früher selbst, kürzlich holte die Leiterin des Münchinger Heimatmuseums ihn wieder hervor, passt er doch wunderbar in die aktuelle Sonderausstellung „Plastikfrei! Nachhaltig leben früher . . . und heute?“.

Die Besucher sehen nicht nur Alltagsgegenstände aus Kunststoff einer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft und die Folgen davon. Sie reisen auch zurück in eine Zeit, in der Plastik ein so seltenes wie kostbares weil teures Gut war, die Menschen ihr Leben lang einen einzigen Trinkbecher aus Holz oder Metall verwendeten, Textilien zigfach flickten und stopften oder Gülleschöpfer aus Stahlhelmen bauten. Schmunzelnd bleibt Sabine Rathgeb vor einem Leintuch stehen: Es war in der Mitte durchgelegen, wurde daher auseinandergeschnitten und so zusammengenäht, dass der äußere, noch gute Stoff innen war. Zu vielen Exponaten gibt es ein Gegenstück: sei es zu den Skistiefeln aus Leder, zu den Hygienebinden aus Stoff, zur Zitronenpresse aus Porzellan.

„Viele Innovationen wären ohne Kunststoff nicht möglich gewesen“

„Was damals ein Ersatzstoff für teure natürliche Materialien wie Horn oder Kautschuk war, erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg einen Siegeszug und ist heute nicht mehr wegzudenken“, sagt Sabine Rathgeb. Man habe damals nicht abschätzen können, welche Folgen die Erfindung des Kunststoffs hat. Gleichwohl: „Viele technische Geräte und Innovationen wären ohne Kunststoff nicht möglich gewesen“, betont die Historikerin: Radios, Telefone, Schallplatten, Lichtschalter, Steckdosen, um nur einige Beispiele zu nennen. Spielzeug sei sehr früh aus Kunststoff hergestellt worden, schließlich muss es robust und leicht sein.

Müll lässt sich umfunktionieren

So geht es Sabine Rathgeb nicht darum, Plastik zu verteufeln. „Mein Ansatz ist es, die Leute zum Nachdenken anzuregen, damit jeder eigene Lösungen findet.“ Weder könne noch müsse jeder so leben, dass er komplett auf Müll verzichtet. Wer welchen hat, kann ihn aber vielleicht umfunktionieren: Die Landfrauen nähten Beutel aus alten Stoffen, Menschen mit Behinderung von der Lebenshilfe Bruchsaal-Bretten Taschen aus alten Werbebannern des Heimatmuseums.

Trotzdem blendet die Ausstellung zum Beispiel nicht aus, wie lange Plastikmüll im Meer braucht, bis er sich zersetzt hat: Eine Getränkedose ist nach 400 Jahren verrottet, eine Plastiktüte benötigt zehn bis 20 Jahre. „Dabei wird eine Tüte im Schnitt nur 20 Minuten verwendet“, sagt Rathgeb. Diesen Teil der Ausstellung bestreitet sie mit der Korntal-Münchinger Aktionsgemeinschaft Artenschutz, kurz AGA.

Nebel gesucht, Silikon gefunden

Sabine Rathgeb geisterte schon Jahre die Idee im Kopf herum, eine Ausstellung über Nachhaltigkeit zu machen. Als dann die Leiterin der Korntal-Münchinger Volkshochschule, die auch das Repaircafé im Ort ins Leben rief, wegen einer Kooperation fragte, war für Sabine Rathgeb die Marschrichtung klar. Dass die Ausstellung zeitlich zusammenfällt mit der Diskussion um Plastikmüll und Klimawandel, stört Sabine Rathgeb nicht: „Das Museum soll ein Ort aktueller Diskussion sein“, sagt die Historikerin, die bei ihren Recherchen auch auf Kurioses stieß: Der deutsche Chemiker Richard Müller etwa stieß rein zufällig auf Silikon. Eigentlich wollte er künstlichen Nebel entwickeln, um im Zweiten Weltkrieg Fliegerangriffe auf Städte zu verhindern. Später baute er in der DDR eine Silikonproduktion auf.

Reinschauen

Die Ausstellung bis zum 15. März öffnet dienstags von 15 bis 18 Uhr (auch Silvester) und sonntags von 11 bis 12 sowie 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Im Begleitprogramm kommt am Dienstag, 21. Januar, und 11. Februar um 16.30 Uhr das Repaircafé ins Museum. Im Januar gibt es Tipps, wie sich Kleidung ausbessern lässt, im Februar, wie man Gegenstände mit Klebstoff kittet. Die Finissage hält von 15 bis 16 Uhr den Vortrag „Zero Waste – kurz gefasst“ parat.

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