Mit dem Fluxus zog die Gastronomie ein. Am Rand der Calwer Passage soll zusätzlich eine Diskothek eröffnen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Wegen eines Freiluftcafés entbrennt eine heftige Diskussion über eine neue Stadtflucht in Stuttgart. Tatsächlich scheint das Nachtleben schwer vereinbar mit dem Tagleben der Zentrumsbewohner.

S-Mitte - Zumindest von Seiten der Grünen ist die Kapitulation erklärt: „Das wird zunehmen, und das können wir nicht ändern.“ So sagt es der Stadtrat Jochen Stopper. Gemeint ist, dass die Belästigung mit Partylärm im Stadtzentrum zunehmen wird, umgekehrt die Zahl der Bewohner abnehmen – schlicht, weil sich ihr Tagleben mit dem Nachtleben nicht mehr vereinbaren lässt. Anders formuliert: Sie fliehen vor dem Lärm, Müll, Verkehr.

Stopper sprach seine Kapitulation vor der Entwicklung im Bezirksbeirat aus. Dort hatte ein alltäglicher Anlass eine heftige Debatte ausgelöst. Der Betreiber eines Cafés wünscht, täglich bis Mitternacht im Freien bewirten zu dürfen, auch im Winter. Allein für diese Sitzung standen vier weitere, ähnliche Anliegen auf der Liste. Ein anderer Wirt will gar das ganze Jahr bis 3 Uhr nachts eine Straßenwirtschaft betreiben. Dieses Ansinnen winkten die Beiräte ohne Diskussion durch, denn „dort wohnt keiner“, sagte die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle – an der Königstraße.

Das Café des Anstoßes liegt am Platz zwischen der Calwer Passage und dem Abgang zur Haltestelle Rotebühlplatz. Es ist Teil der ursprünglich gefeierten Ladenzeile Fluxus. Und dort wohnt sehr wohl jemand. Zur Calwer Straße hin stößt die gesamte Passage an Wohnhäuser mit schmuck hergerichteten Altbauwohnungen. Aus ihnen fliehen tatsächlich immer wieder Mieter vor dem Nachtleben. Zuletzt, aufsehenerregend in kundiger Runde, Kurt Fuchs. Denn einerseits ist Fuchs wohlbekannt für vielfältiges soziales Engagement im Ehrenamt, andererseits hat er mehr als sein halbes Leben in der Wohnung verbracht, die er verlässt. Zumindest Kienzle argwöhnt, dass eine neue Stadtflucht beginnt. Gleich ob am Hans-im-Glück-Brunnen oder im Leonhardsviertel – so hat es die Bezirksvorsteherin beobachtet – wo Bars oder Clubs eröffnen, „sinkt der Wohnanteil“.

Statistisch lässt sich bisher keine Stadtflucht belegen

Statistisch lässt sich die neue Stadtflucht einstweilen nicht belegen. Um die Jahrtausendwende hatte nach rasantem Schwund die Zahl der Bewohner der Stadtmitte mit etwas über 20 000 einen Tiefstand erreicht. Danach begann die Kurve, sich nach oben zu biegen. Die Rückkehr vor allem Älterer ins Zentrum wurde gefeiert, auch als Erfolg der Stadtpolitik. Bis 2014 stieg die Einwohnerzahl um rund zwölf Prozent. Der Trend scheint ungebrochen. Allerdings birgt die Tiefe der Statistik, dass seit ein paar Jahren die Zahl der Wegzüge ebenfalls steigt. Damit selbstverständlich auch die Zahl der Zuzüge. Noch etwas tiefer verbirgt sich, dass die Stadtmitte meidet, wer Stuttgart kennt. Die Interessenten für Wohnungen kommen zum überwiegenden Teil aus anderen Städten – und bleiben höchstens ein paar Jahre.

Das Fluxus steht durchaus für einen Trend. Einst war die Passage konzipiert als exklusive Meile für teure Markenware. Die wich dem Leerstand. Der wich den aktuellen Läden, die nur Pachtverträge auf Zeit haben, und mit ihnen zog die Gastronomie ein. „Der Standort ist dafür nicht geeignet“, sagte Kienzle, „aber ohne Gastrowummer scheint das Leben sich nicht mehr zu rechnen.“ Das gilt an dieser Stelle künftig im Wortsinn lautverstärkt: Gegenüber des Cafés soll eine Diskothek einziehen.

Angesichts dieser Aussicht regte sich quer durch alle Fraktionen Widerstand gegen den Wunsch des Cafébetreibers. „Ich habe Bauchweh bis 24 Uhr“, sagte der Stadtist Sebastian Erdle, „wie weit kann man das noch ausdehnen?“ „Das kann es nicht sein“, sagte der CDU-Sprecher Timo John, „wir sollten mal ein Zeichen setzen.“ Dieses Ausrufezeichen wird allerdings leicht übersehbar sein. Der Betrieb bis Mitternacht ist befürwortet, vorerst aber nur auf drei Monate befristet.

Kommentar: Bewohner der Stadtmitte werden gerne ignoriert

Einige Wochen im Jahr müssen Teile von Bad Cannstatt das Remmidemmi des Frühlings- und Volksfestes erdulden. Die Straßen sind zugeparkt, der Lärm der Zelte schallt herüber, Betrunkene torkeln allenthalben. Dem Schutz der Anwohner hat der Gemeinderat ganze Sitzungen gewidmet. Der Ordnungsdienst patrouilliert. Die Festwirte müssen ihre Musik hinunterregeln. Der Schall wird gemessen.

Zustände wie beim Volksfest erdulden Bewohner des Zentrums das ganze Jahr. Nur, dass dort der Betrieb zu Uhrzeiten beginnt, zu der er auf dem Volksfest endet. Dass in der Stadtmitte 22 500 Menschen leben, wird gern ignoriert. Die Einwohnerdichte ist dabei übrigens rund zehn Prozent höher als in Cannstatt. Wer in den Trubel zieht, ist selbst schuld. So handeln Stadtverwaltung und Gemeinderat faktisch.

Wer in die Stadtmitte zieht, weiß, wohin er zieht. Das ist gewiss. Wenn aber in seiner Nachbarschaft oder gar in seinem Haus noch eine Bar eröffnet, noch ein Club, dann wusste das beim Einzug niemand. Diese Betriebe werden genehmigt, und wenn sie ihren Betrieb immer weiter ausdehnen, wird dies in aller Regel ebenfalls genehmigt. Das Kernargument dafür ist: Was im Haus Nummer 1 erlaubt wurde, darf im Haus Nummer 3 nicht verboten sein. Ein Recht auf Gleichbehandlung haben aber nicht nur diejenigen, die im Zentrum Geschäfte machen, sondern auch diejenigen, die dort leben. Zuallererst einmal ein gesetzliches Recht auf Nachtruhe.

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