Auch am Boden wird gekämpft: Mit Bein und Hüfte hebelt Alan Omer den Arm seines Sparringspartners Dominik Artukovic. Foto: Chris Lederer

Alan Omer ist Cage-Fighter in Zuffenhausen. Er kämpft bis zum Knockout, bis zur Aufgabe – und gegen Vorurteile. Ende des Monats will er nach Stockholm, um einen bisher ungeschlagenen Kontrahenten zu besiegen.

Feuerbach/Zuffenhausen - Linke Gerade zum Kopf, rechter Haken hinterher, blitzschnell hechtet Alan Omer nach vorne, umgreift die Beine seines Gegners und reißt ihn zu Boden. Der wehrt sich erst mit Fausthieben und versucht aufzustehen, doch ehe er sich wieder berappeln kann, liegt Omer bereits auf ihm, greift sich einen Arm, wirbelt mit den Beinen herum, dreht sich einwärts und klemmt den Kopf seines Kontrahenten ein, dann zieht, hebelt und überdehnt er den Ellenbogen von Dominik Artukovic. Der klopft ab und gibt auf. Neue Runde, weiter geht’s.

Die beiden Kämpfer sind Freunde, Sparringspartner und Mitinhaber des „Stallion Cage Gym Stuttgart“, einem Kampfsportzentrum an der Wernerstraße 119 in Zuffenhausen. Wo früher Mechanikerlehrlinge an Werkbänken das Feilen lernten, feilen heute Kampfsportler auf Judomatten und an Boxsäcken an ihrer Technik. Hinten links in der Halle steht „der Käfig“. Ein mehrere Meter breites Achteck, umzäunt mit Maschendraht, der Boden ist gepolstert, aber nicht weich. In einen solchen Käfig wird Alan Omer am 24. Januar in Stockholm steigen, um sich mit dem Bosnier Mirsad Bektic zu messen. Bektic ist bislang ungeschlagen. Das möchte Omer ändern.

Ein Kampf im Käfig, aber mit klaren Regeln

Omer ist MMA-Kämpfer. MMA steht für Mixed Martial Arts, was man mit „gemischte Kampfkünste“ übersetzen könnte, was aber vor allem bedeutet: Vollkontakt. „MMA ist eine Mischung aus verschiedenen, traditionellen Stilrichtungen“, erklärt der 26-Jährige. „Es ist kein Hokuspokus, sondern im Wesentlichen ein Mix aus Boxen, Kickboxen, Judo, Karate, Ringen und Brasilian Jiu-Jitsu.“ Es wird gekickt, getreten, gerungen, geworfen, gehebelt und gewürgt – drei Runden à fünf Minuten. Dass in einem Käfig gekämpft wird, diene dem Schutz der Athleten. „Wären es Seile wie bei einem Boxring, könnte man rausgestoßen werden“, erklärt Omer. Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Vollkontaktsportarten ist, dass auch im Bodenkampf geschlagen und teils getreten werden darf. „Es gibt aber klare Regeln, was erlaubt ist und was nicht“, sagt Omer.

Verboten sind 32 Verhaltensweisen; unter anderem Kopfstöße, Haare ziehen, Beißen, Schläge gegen die Wirbelsäule und den Hinterkopf oder Tritte an den Kopf, wenn der Gegner am Boden liegt. „Wir sind austrainierte Spitzensportler, die gegeneinander antreten, und wir wissen, worauf wir uns einlassen“, sagt der Kämpfer. „Und so hilflos, wie es für manche Laien scheinen mag, ist man am Boden gar nicht. Man lernt sich zu schützen und kann notfalls selbst abklopfen und aufgeben.“ Außerdem gebe es immer einen Ringrichter, der den Kampf gegebenenfalls abbricht.

Dennoch ist der Sport nichts für zartbesaitete Gemüter. Die bayerische Landeszentrale für neue Medien ließ 2010 Fernsehübertragungen von Veranstaltungen der „Ultimate Fighting Championship“-Organisation (UFC) verbieten, weil Szenen zu gewaltintensiv seien. Es lägen zahlreiche Tabubrüche vor, die dem Leitbild des öffentlichen Rundfunks widersprächen, hieß es. Die UFC wehrt sich gegen das Verbot.

Ohne Skrupel, mit Disziplin und für das Selbstbewusstsein

Bei der UFC steht Omer unter Vertrag. Für das Übertragungsverbot hat er kein Verständnis. „Gewalt, Sex und Verführung zu Drogen laufen bei uns im Fernsehen von morgens bis abends hoch und runter, aber sobald sich zwei Männer in einem fairen und sportlichen Wettkampf, der nicht Boxen oder Kickboxen heißt, gegenüber stehen, schalten die Politiker und Medien sofort ihre Moralglocken ein“, sagt er.

Wenn Omer ins Achteck steigt, dann hat er keine Skrupel. „Wir sind beide Athleten und gut vorbereitet, es ist ein sportlicher Wettkampf, und es würden mir Chancen entgehen, wenn ich zu viele Skrupel hätte.“ Auch für Angst sei kein Platz. „Ich bin selbstsicher, voller Adrenalin und denke weder an Schmerzen noch an eine mögliche Niederlage. Wenn es los geht, bin ich nur noch heiß auf den Kampf und absolut konzentriert.“ Entsprechend erhebend sei das Gefühl nach einem Sieg. „Nach der wochenlangen Vorbereitung ist es eine Riesenerleichterung, wenn man gewinnt – das schönste Gefühl der Welt.“

Zufällig mit MMA angefangen, heute täglich langes Training

Zum Kampfsport fand Omer, der im Alter von vier Jahren mit seiner Familie aus dem Irak nach Deutschland kam, eher zufällig: „Als ich 17 war, hat mich ein Freund dazu überredet, ins Training in eine Halle nach Feuerbach mitzukommen, davor habe ich nur ein wenig Fußball gespielt, mit Kampfsport hatte ich bis dahin nichts zu tun.“ Der Sport sei ideal, um Aggressionen ab- und das Selbstbewusstsein aufzubauen: „Es stärkt einen nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Man bekommt die Gewissheit, dass man einem Konflikt gewachsen wäre.“ Raufereien auf der Straße habe er seit seiner Schulzeit keine mehr gehabt.

Wer im MMA erfolgreich sein wolle, könne sich nicht nur auf eine Disziplin verlassen. „Ich boxe gern, trainiere aber alles andere auch und darf nichts vernachlässigen.“ Dass auch eine ordentliche Portion Disziplin zum Erfolg gehört, versteht sich von selbst. Etwa sechs bis sieben Wochen vor dem Wettkampf beginnt die heiße Phase der Vorbereitung: „ Da trainiere ich zweimal täglich, zwischen vier und fünf Stunden.“ Mal sind es Kampftechniken, mal geht es in den Kraftraum, mal zum Joggen in den Wald oder zum Seilspringen ins Gym. Auch eine Diät gehört dazu.

Omer kämpft als Federgewicht in der Klasse bis 66 Kilogramm. Den Einstieg bei der UFC sieht er als gute Chance, um groß rauszukommen. Sollte es allerdings mit der Vollkontakt-Karriere nicht klappen, muss sich der smarte Athlet keine Sorgen machen. Eben erst hat er an der Universität Stuttgart seine Bachelorarbeit in Maschinenbau abgeliefert. Doch ans Studieren will er die kommenden Wochen erst einmal nicht denken. Als nächstes steht der Kampf gegen Bektic auf dem Programm. Wenn man ihn nach dem Kampfplan fragt, klingt Alan Omer zuversichtlich: „Ich komme nach Stockholm, um ihn K. O. zu schlagen.“

Weitere Informationen:

Wer sich für MMA interessiert, kann im Stallion Cage Gym an der Wernerstraße 119 vorbeischauen oder sich im Internet unter www.mma-bjj-stuttgart.de informieren. Alan Omers Kampf am 24. Januar wird im Internet auf der Seite www.ufc.tv (kostenpflichtig) gezeigt

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