Mit Video-Umfrage - Mit der Rasenpremiere hat für den Mercedes-Cup ein neues Zeitalter begonnen. Die Aufbruchstimmung ist derzeit beim Stuttgarter Tennis-Turnier allgegenwärtig. Doch wie lange wird sie anhalten?

Stuttgart - Es ist in diesen Tagen eine mühsame Suche – vor allem für Tennisnostalgiker: die Suche nach Sand. Die roten Plätze sind nämlich auf der Anlage des TC Weissenhof verschwunden. Komplett. Es gibt die Courts mit Ziegelmehl zwar noch, aber sie sind verdeckt – unter Planen, Zelten und Brettern. Nichts mehr soll daran erinnern, wie im Stuttgarter Norden ein Traditionsturnier auf Asche im Begriff war, dahinzusiechen, weil immer weniger Fans die teils unbekannten Sandplatzwühler aus Südeuropa sehen wollten. Deshalb soll sich die 37. Auflage des Mercedes-Cups von der Vergangenheit auch gezielt abheben.

Alles sieht nun nach Wimbledon aus. Nach Erdbeeren mit Schlagsahne, nach Spielern in Weiß, nach Rasen in Grün – der Farbe der Hoffnung. Denn die wird geschürt, seit vor zweieinhalb Jahren klar war, dass Stuttgart wegen der Ausweitung des Wimbledon-Zyklus um eine weitere Woche der neue Rasen-Standort auf der ATP-Tour wird. „Auf Sand hätte unser Turnier kaum eine Zukunft gehabt“, sagt Edwin Weindorfer, der Turnierdirektor, „deswegen haben wir uns entschieden, eine neue Epoche auf dem Weissenhof zu starten.“ Das bedeutete jedoch ein unternehmerisches Risiko für Weindorfers veranstaltende Agentur Emotion, den TC Weissenhof und die Stadt. Die Umrüstung der sechs Sandplätze in Rasencourts verschlang rund zwei Millionen Euro. Doch das Wagnis scheint sich zu rechnen. Zumindest die ersten sechs Turniertage verliefen vielversprechend.

Am ersten Qualifikationswochenende pilgerten allein 3500 Tennisenthusiasten auf die Anlage am Killesberg. So viele wie seit Jahrzehnten nicht. Die Neugier auf die Veränderungen und die Lust auf Rasentennis ist auf dem Weissenhof von Anfang an spürbar. Der Donnerstag, Freitag und Samstag sind ausverkauft und das, obwohl der Centre-Court vor dem Rasendebüt von 4500 auf 6000 Sitzplätze sogar aufgestockt wurde.

Zweifellos: Das Weissenhof-Turnier erlebt gegenwärtig eine Renaissance. Zwar ist es noch lange nicht so wie Anfang der 80er Jahre, als die Zuschauer, um Björn Borg oder Ivan Lendl zu sehen, Zäune einrissen und auf Bäume kletterten. „Dennoch entpuppt sich die Umstellung nach 36 Jahren von Sand auf Gras als richtiger Schritt“, findet der Präsident des Württembergischen Tennis-Bunds, Ulrich Lange. Es sei überall ein merklicher Anstieg des Interesses zu erkennen – nicht nur bei den Tennisfans. Aufgrund des Termins im sogenannten Wimbledon Swing ist der Mercedes-Cup auf einmal auch für die Profis interessant geworden, die sich auf den Grand Slam im All England Club vorbereiten wollen. Und weil es zeitgleich nur ein weiteres ATP-Turnier auf Rasen in s-Hertogenbosch (Niederlande) gibt, ist Stuttgart gefragter denn je.

Nach Informationen unserer Zeitung hatten kurzfristig sogar drei Top-20-Spieler angefragt, ob sie hier aufschlagen dürfen: Scharapowa-Freund Grigor Dimitrov (Bulgarien), US-Riese John Isner und der Südafrikaner Kevin Anderson sollen gar auf Antrittsgagen verzichtet haben. Der Turnierdirektor musste trotzdem abwinken. Erstmals übrigens seit 2007, als er das Turnier von Bernd Nusch übernommen hat. „Ich hatte leider keine Wildcard mehr“, sagt Weindorfer und zuckt mit den Schultern. Noch vor einem Jahr hätte er solche Weltklasse-Asse mit Kusshand genommen. Nur: Damals wollten die wenigsten nach ihren Auftritten in Wimbledon noch mal auf Sand zurückkehren.

„Einen Rafael Nadal hätten sie vor wenigen Jahren nicht bekommen“, weiß auch Bernd Nusch, 33 Jahre Turnierdirektor auf dem Weissenhof, „doch mit dem Rasen hat sich vieles geändert.“ Wobei der spanische Superstar, der am Donnerstag den Zyprioten Marcos Baghdatis im Achtelfinale 7:6, 6:7, 6:2 nach 2:40 Stunden bezwang, nicht allein wegen der acht Millimeter hohen Grashalme (Nadal: „Die Plätze sind fast besser als in Wimbledon“) einflog. Letztlich war’s auch die Kohle: Mit 500 000 Euro hat sich der 14-fache Grand-Slam-Sieger seinen Auftritt vergolden lassen. Dass allerdings Edwin Weindorfer den mallorquinischen Racketkönig überhaupt zahlen kann, der die Ticketeinnahmen gleich um 50 Prozent erhöhte, liegt auch daran, dass die Veranstalter unter den neuen Rahmenbedingungen mehr Sponsoren an Land zogen.

Das große Vip-Zelt, die Sky-Lounge, ist seit diesem Jahr zweistöckig, die Festwiese meistens ebenso rappelvoll wie die Natursteintribünen der Courts zwei und drei, die das neue Tennis-Kolosseum bilden. Und auch Titelsponsor Mercedes griff noch mal in die Schatulle. Das Gesamtbudget, das Weindorfer für das Turnier zur Verfügung hat, stieg dank der vielen Geldgeber von vier auf fünf Millionen Euro. Eine Million Euro konnte der Turnierchef so für die Spielerakquise verwenden. Mehr als jemals zuvor.

Alles eitel Sonnenschein also? Nicht ganz. Die Zukunft birgt Risiken, was nicht allein am Wetter liegt. Denn irgendwann wird das Rasenerlebnis beim Mercedes-Cup nicht mehr neu für die Zuschauer sein, dann zählen nur die Namen der Spieler. „Letztlich“, sagt Bernd Nusch, „lebt ein Turnier vom Bekanntheitsgrad der Teilnehmer.“ Soll heißen: Nur die großen vier im weltumspannenden Tenniszirkus – Djokovic, Federer, Murray und Nadal – ziehen die Massen an. Sie zu Klein-Wimbledon am Killesberg zu locken wird für Edwin Weindorfer stets schwierig bleiben. Auch wenn der Österreicher abwiegelt: „Ich werde mich immer um Spieler wie Nadal, Djokovic oder Federer bemühen!“

Gert Brandner ist jedenfalls überzeugt, dass die Erfolgsgeschichte auf Rasen in Stuttgart erst begonnen hat. „Das Turnier hat wieder eine große Zukunft vor sich“, sagt der Vorsitzende des TC Weissenhof. Sie fußt ja auch nicht mehr auf Sand.

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