Maybrit Illner befragte ihre Gäste am Donnerstag erneut zu Corona. Foto: dpa/Carmen Sauerbrei

Beim Polittalk von Maybrit Illner malt der Infektionsforscher Meyer-Hermann ein düsteres Bild der Corona-Lage. Aber sind Schnelltests für jedermann nicht eine gute Lösung? Gerade für das Partyvolk?

Stuttgart - Der Sommer sei glimpflich überstanden, aber wie komme man jetzt durch den Herbst, hat Moderatorin Maybritt Illner bei ihrer gleichnamigen Talkrunde am Donnerstag im ZDF gefragt. Geladen waren wieder Politiker, Ärzte und Forscher und der so schon so oft gehörte Meinungsmix über das Für und Wider von Maßnahmen ist zumindest einmal durchbrochen worden durch eine leicht emotionale Debatte zwischen zwei Berlinern: der Allgemeinärztin Sibylle Katzenstein, die in Berlin-Neukölln eine Corona-Schwerpunktpraxis betreibt, und dem Berliner Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD).

Die Warteschlange vor der Praxis ist 200 Meter lang

Bis zu 200 Meter lang sei die Schlange der Wartenden vor ihrer Praxis, sagte Katzenstein: „Die Leute wollen sich testen lassen. Warum ist es so schwer, an einen Test zu erhalten? Der Test muss doch zum Patienten kommen, nicht umgekehrt.“ Ihre Praxis sei eine Art Seismograf für die Pandemie, in fünf Tagen habe sie jetzt 85 positiv getestete Personen gehabt – das sei relativ viel angesichts von 200 bis 300 Tests am Tag. Und warum sich die Berliner Lehrer nicht bei ihr testen lassen dürften, fragte sie Bürgermeister Müller. Katzenstein plädierte eindringlich dafür, die neuen Antigen-Schnelltests einzuführen, mit denen sich jedermann selbst testen kann, da liege das Ergebnis binnen 15 Minuten vor. „Ich kann die Tests bestellen“, sagte Katzenstein. Der Berliner Bürgermeister verwies darauf, dass die Stadt ihre Testkapazitäten nutze für das Personal von Schulen, Kitas, Polizei und Feuerwehr, und die Lehrer müssten zentral in der Charité getestet werden, da man dort die Daten zusammenführe.

Das junge Partyvolk gilt als riskant

Für Katzenstein ein bürokratisches Argument, denn was es für einen Sinn mache, dass die Lehrer zwei Stunden herumfahren müssten, um sich in der Charité testen zu lassen, und vermutlich reiche deren Kapazität für 30.000 Berliner Lehrer nie aus. Auch Bürgermeister Müller sieht die „mobile“ Jugend, die im Herbst vermutlich auch draußen vor den geschlossenen Clubs feiern will, als mögliche Virus-Spreader an. Und dass das Verlangen – auch von Partygängern – nach rascher Klarheit über eine mögliche Infektion durch einen Test – wo auch immer – erfüllt werden muss, hat auch er anerkannt.

Den Wunsch der Praxisinhaberin Katzenstein nach Heizpilzen und einem Regendach für die frierende Warteschlange vor ihrer Praxistür konnte der Bürgermeister da dann auch nicht abschlagen: „Wir finden da eine Lösung für Sie.“ So drohte die Debatte im Klein-Klein des Berliner Gehsteigmöblierung zu enden, aber immerhin fand Katzenstein im Laufe des Abends einen Mitstreiter. Der FDP-Generalsekretär und Wirtschaftsminister von Rheinland-Pfalz, Volker Wissing, plädierte für eine so weit wie möglich gehende Normalisierung des Lebens – etwa eine Wiederaufnahme des Geschäftsflugverkehrs – denn ansonsten drohe eine schwere Wirtschaftskrise, die auch das Gesundheitssystem schädigen werde. Und in diesem Zusammenhang forderte auch er: „Wir brauchen die Schnelltests so rasch wie möglich.“

„Wir können den Virus doch nicht wegtesten“

Skeptischer zeigten sich da Ute Teichert, Direktorin der Akademie für das öffentliche Gesundheitswesen: Anstatt jetzt über „Schnelltests für die Partyfeiernden“ zu reden, soll man bitte mal auf die andere Seite schauen: die Risikogruppen und die wirklich Erkrankten. Gegenargumente kamen auch von der Virologin Ulrike Protzer vom Helmholtz-Zentrum in München: „Den Virus können wir doch nicht weg testen.“ Den kriege man nur mit Abstands- und Hygieneregeln in den Griff. Im übrigen liege das Resultat aus dem Labor bei einem modernen PCR-Test auch binnen zwei Stunden vor. Dass es trotzdem bei Tests 24 bis 48 Stunden dauere, das liege am Terminaufsuchen, am Abstrich und am Transport zum Labor. Im übrigen müssten auch Schnelltests – etwa in Altenheimen – von medizinischen Fachkräften durchgeführt werden, denn da werde ja mit infektiösem Material umgegangen.

Es oblag dann dem Systemimmunologen Michael Meyer-Hermann von der TU Braunschweig, einen Blick auf die Corona-Lage zu legen. „Wir haben 2000 Neuinfektionen am Tag. Da kann von Stabilität keine Rede sein“, so Meyer-Hermann. Zwar habe man diese Zahl auch im April gehabt, aber da mit abfallender Tendenz, jetzt sei es umgekehrt. „Wir müssen in den nächsten zwei Wochen aufpassen und Signale genau lesen. Manchmal kriegt man das Schiff nicht mehr rum.“ Auf jeden Fall sei es im Moment falsch, in die Fußballstadien zu gehen oder Partys zu feiern.

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