Matthias Reim mit Powergesten – ein wenig wirkt er da wie David Hasselhoff. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Er war mal ganz groß, dann kamen schwächere Zeiten, aber seit ein paar Jahren ist Matthias Reim wieder voll da. In der Liederhalle jagt er Lied um Lied von der aufwühlenden Liebe über die Rampe – und seine Fans sind keine Anfänger, sie kennen alle Texte.

Stuttgart - Er hat viele Fans. Vor 28 Jahren schon landete Matthias Reim seinen ersten, größten Hit. Das Stück gehört längst zum Repertoire jeder Guggenkapelle. Einst sah Matthias Reim aus wie der Erfinder des Vokuhila. Heute grinst er breit, blauäugig und blond, wirkt fast wie ein deutscher Wiedergänger David Hasselhoffs. Die Liederhalle ist am Donnerstagabend ausverkauft.

Reim lebt in Konstanz am Bodensee, führt ein Leben auch in der Boulevardpresse, erhielt den Ballermann-Award für sein Lebenswerk, feiert am kommenden Montag Geburtstag – und er singt noch immer: „Verdammt ich lieb dich, ich lieb dich nicht“. In der Zugabe. Sein Konzert beginnt mit einem schwarzen Vorhang, der die Bühne ganz verhüllt. Als der Vorhang fällt, wünscht sich, wer weit vorne sitzt im Beethovensaal, sogleich eine Sonnenbrille: Lichtbatterien schießen blendend auf, Bildwände staffeln sich, auf denen bunte Formen fliegen. Davor, dazwischen: Matthias Reim und seine Band, drei Gitarristen, Bass, Schlagzeug, Keyboards, zwei Backgroundsänger. Volles Licht, volle Lautstärke und ein 60-Jähriger in engen, verwaschenen Jeans und ärmellosem weißen T-Shirt, der breitbeinig auf der Bühne steht.

Geraubter Schlaf als Dauerthema

„Einsamer Stern“ heißt das erste Lied des Abends. Ein schwerer Fall von Liebeskummer, doch Matthias Reim weiß das zu nehmen, seine Freunde singen mit. Die 22 Stücke, die folgen werden bis zur Zugabe, wirken wie Variationen desselben Themas. Tatsächlich gibt es Zeilen, die geradezu leitmotivisch in vielen von ihnen wiederkehren: „Du hast mir den Schlaf geraubt“, „Verdammt, ich lieb dich“. Immer geht es um den Mann, der viel erlebt hat, viele Schmerzen litt, sich wieder aufrappelt und fleht: „Die andern waren nicht umsonst. Ich hab sie alle nur zum Üben gebraucht. Bitte gib mir eine letzte Chance . . .“ - dies mit inniger Reibeisenstimme und strahlendem Blick.

Michael „Bretti“ Brettner, Matthias Reims Lead-Gitarrist, liebt den großen Auftritt so sehr wie sein Arbeitgeber, peitscht die Soli effektvoll aus seinem Instrument heraus. Später werden Reim und seine Band ein lagerfeuerromantisches Akustikset spielen. „Im Himmel geht es weiter“ heißt ein Favorit des Publikums, ein Lied, das einmal nicht vom Ringen mit der Liebe handelt. Den Text kennen alle.

Streitäxte am Ziel vorbei

Matthias Reim hat nach seinem großen Erfolg weitere Alben veröffentlicht, 16 insgesamt. Sie tragen Titel wie „Männer sind Krieger“ oder „Unverwundbar“, und oft zogen sie wie ungelenk geworfene Streitäxte weit an den Hitparaden vorbei. Erst mit „Unendlich“ von 2013 fand er zur alten Form zurück. „Ich werd’ niemals zu müde sein, um für euch auf der Bühne zu stehen“, verspricht er singend – und setzt sich auf einen Barhocker. Er lässt sich eine schöne, rot lackierte halbakustische Gitarre reichen und zelebriert auf ihr sein eigenes Solo. „Ich hab verdammt noch mal gelebt“ heißt sein Song. Wie sonst?

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