Fast zwei Drittel der Befragten (69 Prozent) sind von der falschen Annahme überzeugt, dass man mit Antibiotika auch Virusinfektionen behandeln könne. Dabei helfen die Medikamente nur bei bakteriellen Infektionen. Foto: dpa

Eine Studie zeigt: Über die richtige Anwendung von Antibiotika wissen viele Patienten nur wenig.

Berlin - Hauptsache gesund werden – dafür ist den Bundesbürgern zwar nicht jedes Mittel recht, aber eines immer noch: das Antibiotikum. Und nach wie vor wird es immer noch zu oft und ebenso falsch verschrieben: So verkündete erst Mitte Juni die Techniker Krankenkasse in ihrem aktuellen Gesundheitsreport, dass niedergelassene Ärzte allein im vergangenen Jahr 27 Prozent der erkältungsbedingt krankgeschriebenen Beschäftigten Antibiotika verordnet haben. 2008 waren es zwar mit 38 Prozent der Fall. Um die Zahlen noch weiter zu senken, hat sogar die EU inzwischen ein Ideenpapier vorgelegt, nach dem unter anderem die Verschreibungspraxis bei Antibiotika europaweit angeglichen werden soll. Doch die Gesundheitsexperten sind sich einig: Bis zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit dem Mittel in der Medizin ist es noch ein langer Kampf.

Die Patienten müssen verantwortungsbewusster werden

An dem wollen sich inzwischen offensichtlich auch die Pharmaunternehmen beteiligen, die selbst Antibiotika herstellen: So hat der weltweit größte Medikamentenhersteller Pfizer in Berlin zu einem Forum geladen, bei dem Wissenschaftler, Ärzte und Experten aus der Pharmabranche darüber diskutierten, wie sich der Antibiotikaverbrauch und die falsche Anwendung verbessern ließe. Und sie kamen zu dem Schluss: Nicht nur die Ärzte müssen aufgeklärt werden, auch die Patienten müssen verantwortungsbewusster werden.

Zumindest zeigt das eine Studie, die Pfizer in Zusammenarbeit mit den Medizinern des Charité Berlins durchgeführt hat. In dieser wurden 2000 Bürger aus Berlin-Brandenburg nach ihrem Gesundheitswissen über Antibiotika befragt. Das Ergebnis: So richtig sattelfest sind diese im Umgang mit diesen Medikamenten nicht. Grund dafür sind viele Mythen und irrführende Annahmen, die am Ende zu einem unsicheren Umgang damit führen, so die Macher der Studie.

Viele glauben, Antibiotika beschleunigen die Heilung von Erkältungskrankheiten

So glaubt nach wie vor mehr als jeder Zweite, dass mit Antibiotika eine Verschlimmerung einer Erkältung verhindert werden kann. Und fast zwei Drittel der Befragten (69 Prozent) sind von der falschen Annahme überzeugt, dass man mit Antibiotika auch Virusinfektionen behandeln könne. Dabei helfen die Medikamente nur bei bakteriellen Infektionen.

„Das Patientenverhalten ist zwar nur ein kleines Zahnrad im großen Getriebe, aber damit lässt sich enorm vieles verbessern“, sagt Paul Gellert vom Institut für medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité in Berlin. Seine Forderung: Prävention beginnt schon im Wartezimmer. Vielen Patienten sei nicht bewusst, dass Antibiotika vor allem bei Harnwegsinfektionen und Infektionen der Atemwege helfen, die durch Bakterien verursacht werden. Weder bei typischen viralen Erkältungskrankheiten wie Schnupfen und Husten, bei Herpes, Masern oder Allergien helfen Antibiotika. Und was die Studie auch zeigte: Offensichtlich sind viele Befragte der Meinung, die Mittel können auch bei Krebs, Diabetes oder gar AIDS eingesetzt werden.

Ärzte fühlen sich von Patienten zur Herausgabe von Antibiotika gedrängt

Aber müsste nicht der Hausarzt diesem Irrglauben entgegenwirken? Die Antwort Gellerts: „Viele Ärzte sehen sich von ihren Patienten zum Verschreiben von Antibiotika regelrecht gedrängt“, so der Soziologe. Auch aus Angst, etwas zu übersehen, würden viele Ärzte vorsorglich Antibiotika schon bei einer Erkältung verschreiben. Und tun sie das aber nicht, werden sie oft von Patienten gemaßregelt.

Dass die falsche Einnahme von Antibiotika aber zu einer Häufung von multiresistenten Keimen führen kann, ist vielen nicht bewusst: So hält sich hartnäckig bei mehr als jedem Zweiten der Befragten (59 Prozent) die irrige Annahme, dass erst durch das regelmäßige Schlucken von Antibiotika Resistenzen entstehen könnten. Und diese Resistenzen – so glaubt es fälschlicherweise ein knappes Drittel (29 Prozent) – betreffen auch nicht die Keime, sondern der Patient selbst wird resistent.

Patienten nehmen Antibiotika nicht bis zum Schluss ein

„Dieses Halbwissen kann zu einem unsicheren Umgang mit dem Medikament führen“, sagt Rita Weidauer, die seitens des Unternehmens Pfizer die Studie begleitete. Oft werden deshalb verschriebene Antibiotika eben gar nicht oder nicht bis zum Ende eingenommen, was die Entstehung von multiresistenten Keimen fördere, so Weidauer. Und das führt zu einer paradoxen Einnahmepraxis: Zwar fordern Patienten bei den Ärzte Antibiotika ein – gleichzeitig fürchten sie aber bei jeder Einnahme, resistent gegen das Mittel zu werden. So sorgen sich fast zwei Drittel der befragten Männer und Frauen um negative Auswirkungen infolge einer Antibiotika Einnahme.

Es gibt sie, die Initiativen und Ideen, wie Patienten besser aufgeklärt werden können. Neben den kleinen, lokalen Initiativen wollen bundesweit nun auch die Krankenkassen aktiv ihre Versicherten aufklären: Erst am vergangenen Dienstag stellte der Verband der Ersatzkassen (VDEK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) in Berlin das Versorgungsprogramm „Resist“ vor, in dessen Rahmen sich Ersatzkassenversicherte speziell in puncto Antibiotika ab sofort beraten lassen können. Bislang schlossen 600 Ärzte ein Onlineschulungsprogramm ab, bis zum Herbst sollen es rund 3000 sein.

Erfolge brauchen Zeit

Es wird noch einige Zeit dauern, bis Patienten den verantwortungsbewussten Umgang mit Antibiotika verinnerlicht haben. Allerdings zeigt auch die Studie hier ein Zeichen der Hoffnung: So sehen gerade bei den jüngeren Befragten 60 Prozent eine Chance darin, selbst etwas gegen die Verbreitung von Antibiotika-resistenten Keimen unternehmen zu können, indem sie ihr Verhalten ändern. Denn – und das wissen die Jungen auch: Schon einfaches Händewaschen kann die Übertragung von multiresistenten Keimen verhindern.

So wendet man Antibiotika richtig an

Wie wirken Antibiotika?

Antibiotika unterstützen das Abwehrsystem des Körpers dabei, krank machende Bakterien zu bekämpfen. Manche Antibiotika töten die Bakterien direkt ab, andere verhindern, dass sie sich weiter vermehren. Vorsicht: Antibiotika wirken nicht nur gegen krank machende Erreger, sondern auch gegen nützliche Bakterien, die auf der Haut und den Schleimhäuten leben. Daher rät die Bundesärztekammer zu einem vorsichtigen Einsatz: so oft wie notwendig und so selten wie möglich.

Wogegen hilft Antibiotika?

Atemwegsinfektionen wie Halsentzündungen, Schnupfen, Husten und Bronchitis sind meist durch Viren bedingt. Dagegen helfen Antibiotika nicht. Auch die echte Grippe wird nicht mit Antibiotika behandelt. Es gibt aber Ausnahmen: Mitunter können Bakterien in das vorbelastete Gewebe eindringen und zu Entzündungen führen – etwa zu eitrigen Mandeln oder einem grünlichen Auswurf beim Husten. Der Arzt kann einen Abstrich machen, der Aufschluss gibt, ob zu der virenbedingten Grippe auch eine bakterielle Entzündung vorliegt und ob dann ein Antibiotikum helfen könnte.

Treten Nebenwirkungen auf?

Die meisten Antibiotika gelten als sichere und gut verträgliche Medikamente. Trotzdem können sie Nebenwirkungen hervorrufen, heißt es bei der Bundesärztekammer. Typisch sind zum Beispiel: Magen-Darm-Beschwerden wie Durchfall, Bauchschmerzen und Übelkeit. Es ist auch möglich, dass allergische Reaktionen der Haut auftreten wie etwa Rötungen und Juckreiz. Auch Scheidenpilz-Infektionen bei Frauen können auftauchen.

Was gilt es zu beachten?

Bevor Patienten ein Antibiotikum einnehmen, sollten sie über die Behandlung gut Bescheid wissen. Daher empfiehlt die Bundesärztekammer folgende Fragen an den Arzt: Warum brauche ich das Antibiotikum? Was sind mögliche Nebenwirkungen? Wie viele Tage lang muss ich das Antibiotikum einnehmen? Wie oft am Tag soll ich es nehmen? Kann ich das Antibiotikum zusammen mit einer Mahlzeit einnehmen? Beeinflusst das Antibiotikum andere Medikamente, die ich einnehme? Man sollte den Arzt auch darüber informieren, ob man schwanger ist, stillt oder eine Unverträglichkeit hat.

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