Unter anderem in Karlsruhe zu sehen: ein Turbanhelm Foto: ARTIS//Uli Deck

Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe schreibt die Geschichte der Türkenkriege neu: als Zeit des kulturellen Austauschs wie als Archäologie der Gegenwart.

Karlsruhe - Seine Soldaten nannten ihn „den Türkenlouis“. Im späten 17. Jahrhundert war das als Ehrentitel gemeint. Und noch heute steht Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707) bei den Nordbadenern in hohem Ansehen: Sie verdanken dem Markgrafen die Errichtung des Rastatter Schlosses sowie eine bedeutende Sammlung osmanischer Waffen und Prunkgegenstände, das meiste davon Schlachtbeute aus den Feldzügen des kaiserlichen Generalleutnants. Mittlerweile gehören die martialischen Mitbringsel dem Badischen Landesmuseum in Karlsruhe. Dort rückt man den Trophäenschatz nun ins Zentrum einer großen Landessausstellung über die kulturhistorischen Konsequenzen der Türkenkriege.

Die waren gleichsam der Ost-West-Konflikt der frühen Neuzeit: Seit der Eroberung Konstantinopels 1453 hatte das osmanische Reich seine Einflusssphäre kontinuierlich in Richtung Zentraleuropa erweitert und stand plötzlich vor Wien. In dem daraufhin zur Befreiung der Stadt aufgestellten Heer kämpfte auch Ludwig Wilhelm.

Mit den Menschen wanderten Ideen, Bräuche, Stile

„Die Türken kommen!“ Tief hat sich der Schreckruf von damals ins historische Unterbewusstsein gegraben. Noch im 21. Jahrhundert verdanken antiislamische Strömungen wie das rechtsnationale Pegida-Bündnis ihren Erfolg der kollektiven Angst, Deutschland könnte von Horden aus dem Südosten überrollt werden.

Zu den Stärken der Ausstellung „Kaiser und Sultan“ zählt zweifellos, dass sie nicht nur Ereignisgeschichte aufrollt, sondern eine Archäologie der multikulturellen Gegenwart betreibt. Das betrifft zuallererst den Balkan, die Region, wo die verfeindeten Systeme am heftigsten aufeinanderstießen. Mit ihren Exponaten, aber auch mit multimedialen Dokumentationen erzählt die Schau im Karlsruher Schloss Migrationsgeschichten aus den Türkenkriegen. Jene Balkanroute, die im Zuge der jüngsten Flüchtlingskrise zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte, war als Transitraum vorgeprägt. Seinerzeit nahmen sie orthodoxe und katholische Christen aus Südosteuropa, um auf ungarischem beziehungsweise habsburgischem Terrain Schutz zu suchen. Allerdings gab es auch eine Emigration in umgekehrter Richtung. Wer hätte gedacht, dass der osmanische Sultan in seinem Reich spanischen Juden Asyl gewährte?

Religiöse Stereotype sind unzuverlässig

Doch mit den Menschen wanderten auch Ideen, Konsumpraktiken und Kunststile. Zahllose Exponate veranschaulichen diese Migration der Alltagskulturen. Quasi mit der Nachhut der osmanischen Eroberungszüge fand der Tabakrauch seinen Weg in die Atemwege der Mitteleuropäer.

Im Design entwickelte sich ein interkultureller Mischstil: Orientalische Arabesken durchdringen sich mit lateinischen Inschriften, holländische Tulpen treiben ihre Blüten auch auf dem Dekor osmanischer Keramik. Überhaupt begegnet der Besucher in Karlsruhe vielfach einem ganz ungewohnten Islam, der sich, entgegen der Diätetik des Korans, sogar dem Weingenuss gegenüber tolerant zeigte, wie eine trinkfreudig beschriftete Kalebasse aus dem 17. Jahrhundert belegt. Anatolische Teppiche wiederum dienten dem Schmuck christlicher Kirchen. So unzuverlässig sind religiöse Stereotype!

Die „schwarze Suppe“ erlebte einen Siegeszug

Unter den über 300 Exponaten plaudert nicht jede Kupferkanne, jeder Sockelbecher überraschende kulturhistorische Bezüge aus, doch insgesamt ist der Kuratorin Schoole Mostafawy ein aufschlussreicher Parcours geglückt. Einen stolzen Eindruck von der textilen Gemütlichkeit des Orients vermittelt das monumentalste Ausstellungsstück: das außen blaue, innen bunt ornamental bestickte Zweimastzelt, welches der polnische König bei der Befreiung Wiens erbeutete. Für einen dramatischen Hinguckeffekt sorgt auch das sich wild aufbäumende Attrappenpferd mit dem originalen Prunksattel. Die Karlsruher heben eher die zivilgesellschaftlichen Aspekte der Türkenkriege hervor, doch auch der Liebhaber historischer Militaria kommt auf seine Kosten mit Streitkolben, Luntenschlossgewehren und vielen, vielen Krummschwertern.

Dazu geben zeitgenössische Porträts den geopolitischen Akteuren von damals ein Gesicht. Sultan Mehmed IV. etwa erscheint mit seinen vornehm-feinen Zügen überhaupt nicht wie ein reitendes Raubein. Kampflustiger inszeniert sich dagegen Mehmeds badisch-markgräflicher Kontrahent. Mit Degen und Marschallstab, die langlockige Allongeperücke über die blitzende Rüstung drapiert, stand Ludwig Wilhelm einem unbekannten Maler Modell. Zuweilen aber trug der „Türkenlouis“ (eine Ludwig Ivenet zugeschriebene Gouache beweist es) auch die Pluderhosen und Pantoffeln seiner niedergerungenen Feinde. Vor allem nach dem Ende der Türkenkriege entwickelte sich die leuchtend bunte Kostümierung „à la turque“ zu einem beliebten Freizeitspaß an absolutistischen Adelshöfen.

Die populärste und langlebigste Hinterlassenschaft der Türkenkriege war indessen dunkel und einfarbig und bekam zunächst die wenig appetitliche Bezeichnung „schwarze Suppe.“ Das hat den Siegeszug des Kaffees nicht aufhalten können. Er drang wesentlich weiter nach Norden vor, als die osmanischen Eroberer, die ihn mitbrachten, die dazugehörigen Trinkgefäße inklusive. Wer übrigens den bei hektischen Großstädtern beliebten Coffee to go für eine moderne Neuerfindung der Koffeinkultur hält, wird von den Karlsruher Vitrinen abermals eines Besseren belehrt: Schon im 17. Jahrhundert gab es lederne Faltbecher für den mobilen Kaffeegenuss. Schwarze Suppe zum Mitnehmen!

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