Marcel Hirscher hat bei Olympia 2018 bisher allen Grund zum Jubeln. Foto: AFP

Beim Olympia-Slalom greift der Österreicher Marcel Hirscher nach seiner dritten Goldmedaille. Dabei hat er schon Geschichte geschrieben – sehr zum Leidwesen des Alt-Stars Hermann Maier.

Pyeongchang - Aksel Lund Svindal ist ein Kerl wie ein Baum. Mit Skistiefeln misst er fast zwei Meter, wiegt 100 Kilogramm. Keine Frage: Der Olympiasieger in der ­Abfahrt, der schon 2010 in Vancouver Gold im Super-G holte, ist eine imposante Erscheinung. Doch dass er in Pyeongchang in der Königsdisziplin des alpinen Skisports triumphiert hatte, beraubte ihn nicht seiner Bescheidenheit. Als der Norweger gefragt wurde, ob er der größte Skifahrer bei diesen Spielen sei, musste er nicht lange überlegen. „Nein! Marcel Hirscher ist der Beste, den unsere Sportart je gesehen hat“, antwortete Svindal, „nach Ingemar Stenmark.“

Diese Einschränkung sei Svindal gestattet, sie ist nicht nur eine Freundlichkeit unter Skandinaviern. Stenmark, der schwedische Slalomspezialist, gewann in den 1970er und 80er Jahren nicht nur zweimal Olympia-Gold und fünf WM-Titel, sondern auch 86 Weltcup-Rennen. Eine Zahl, die womöglich nie wieder ein Skifahrer erreichen wird. Und trotzdem dürfte es Leute geben, die Svindal widersprechen. In Österreich. Denn dort gibt es eine durchaus rege Diskussion, wie hoch die Leistungen von Marcel Hirscher tatsächlich einzuschätzen sind. Was auch daran liegt, dass es in der Alpenrepublik mehr Ski-Legenden gibt als halbwegs erfolgreiche Fußballer.

Maiers vergiftetes Lob

In vielen Umfragen der Vergangenheit war Hermann Maier die Nummer eins, was auch dem Selbstverständnis des Herminators entsprach. Als Marcel Hirscher kurz vor den Winterspielen in Schladming mit seinem 54. Weltcup-Sieg die Marke von Hermann Maier erreichte, schickte dieser ein vergiftetes Lob an die Adresse seines Nachfolgers. „Hochachtung“, schrieb der ehemalige österreichische Ski-Liebling dem neuen Ski-Liebling in einer E-Mail, vergaß aber nicht zu erwähnen, dass er für seine Erfolge nur vier Winter benötigt hätte und es Hirscher auch noch nicht geschafft habe, 13 Siege in einer Saison einzufahren. Richtig erraten: Die beiden mögen sich nicht sonderlich. Und die Zuneigung von Maier wird während der Spiele in Pyeongchang auch nicht dramatisch gestiegen sein.

Hirscher ist zwar jeweils sechsmaliger Weltmeister und Weltcup-Gesamtsieger, Olympia-Gold aber fehlte noch in seiner proppenvollen Vitrine. Und damit die entscheidende Plakette, um zur österreichischen Nummer eins aufzusteigen. Nun hat er sie, und zwar gleich doppelt. Erst gewann Hirscher die Kombination, dann sagte er: „Diese eine große Sache hat mir gefehlt, um es perfekt zu machen. Ich habe das Schlimmste verhindert.“ Mehr noch, anschließend siegte der 28-Jährige zudem im Riesenslalom mit dem größten Vorsprung seit 50 Jahren. Nach der Machtdemonstration meinte sein Dauerkonkurrent Henrik Kristoffersen (Norwegen): „Das ist das verdienteste Gold der Welt. Hirscher ist im Riesenslalom unschlagbar, für alle anderen geht es nur um den Platz dahinter.“

Hirscher verzichtet auf Teamwettbewerb

Zwar ist die Chance im Slalom an diesem Donnerstag (2.15 Uhr und 5.45 Uhr/MEZ) größer, aber nur unwesentlich. Hirscher gilt erneut als großer Favorit. Mit dem Gold-Triple würde er zudem die Doppel-Olympiasieger Hermann Maier und Benjamin Raich in der Statistik abhängen, hätte den Rekord von Toni Sailer aus dem Jahr 1956 eingestellt. Ob er sich mit diesen Bestmarken während der Spiele beschäftigt habe, wurde Hirscher in Pyeongchang gefragt. Seine Antwort: „Nein. Ich bin zum Arbeiten hier.“

Sonderlich warm geworden ist der Superstar des alpinen Rennsports nicht mit diesen Spielen. Es war ihm zu kalt, er wäre lieber vor mehr Zuschauern gefahren, hätte gerne mal etwas anderes gegessen als Reis, und auch der Zeitplan missfiel ihm. Deshalb verzichtet Hirscher nun auf seine vierte Gold-Chance, reist schon vor dem Teamwettbewerb am Samstag zurück – um sich auf die restliche Saison im Weltcup zu konzentrieren: „Ich habe meine olympische Mission erfüllt.“

Einen Platz im Geschichtsbuch des österreichischen Skisports hatte Marcel Hirscher schon vor den Spielen sicher. Aber jetzt steht er weiter vorne. Womöglich sogar auf Seite eins. Auch wenn es Hermann Maier anders sieht.

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