Ministerpräsident Winfried Kretschmann spricht auf dem „Global Climate Action Summit“ in San Francisco. Foto: dpa

Ministerpräsident Kretschmann lernt in San Francisco die amerikanische Art kennen, die Welt zu retten und lässt sich davon anstecken: Er gibt ehrgeizige Ziele für sein Land aus.

San Francisco - Als Winfried Kretschmann endlich drankommt, hat sich der gewaltige Saal schon fast geleert. Nach drei Stunden Klimashow, nach flammenden Reden, steinerweichenden Appellen und mitreißender Musik im Dienst der Nachhaltigkeit knurrt den Tausenden Klimaschützern in San Francisco einfach der Magen. So lauschen beim finalen Plenum im riesigen Moscone Center nur noch ein paar Hundert Menschen der Botschaft des baden-württembergischen Ministerpräsidenten.

Als „Führer der grünen Bewegung in Europa“ wird er angekündigt, als einer, der das mittlerweile weltumspannende Klimaschutzbündnis von Kommunen und Regionen vor drei Jahren zusammen mit Kalifornien gegründet hat. „Under2Coalition“ nennen sich die mehr als 220 Mitglieder, darunter Metropolen wie Los Angeles und Teilstaaten wie Schottland. Sie wollen auf lokaler Ebene das tun, was US-Präsident Donald Trump für überflüssig hält: umsteigen von fossilen Brennstoffen hin zu nachhaltiger Energie – jeder auf seine Art.

Klimaneutral in gut 30 Jahren

Mit knarzender Stimme skizziert Kretschmann das Erneuerbare Wärmegesetz und andere Klimaschutzmaßnahmen im deutschen Südwesten. Und weil es zum guten Ton gehört, dass man als Teilnehmer des „Global Climate Action Summit“, wie sich der Klimagipfel nennt, seine neuesten Pläne offenlegt, kündigt Kretschmann an, die Landesverwaltung bis 2040 klimaneutral zu machen. 2050 soll sogar ganz Baden-Württemberg so weit sein und nicht mehr Kohlendioxid erzeugen, als die Natur aufnimmt.

Der Beifall ist verhalten, die Kämpfer gegen die Erderwärmung – mehr als 5000 aus der ganzen Welt sind angereist – sind erschöpft. Schließlich haben die Veranstalter, also Kaliforniens Gouverneur Jerry Brown und sein Freund, der Milliardär Mike Bloomberg, am Vormittag ein wahres Feuerwerk abgebrannt. Tierschutz-Legenden wie Jane Goodall („Ein Herz für Schimpansen“) treten auf, frühere Astronauten beschwören die Einmaligkeit der Erde. Minister, Oberbürgermeister und Präsidenten berichten von ihren Fortschritten. Und der frühere US-Vizepräsident Al Gore schwört im Stil eines Predigers seine Anhänger auf bessere Zeiten ein – also ohne Donald Trump.

Überhaupt klingen schon viele Wahlkampftöne durch auf der Konferenz, deren Veranstaltungen in der ganzen Stadt verstreut sind. Und so mancher der Referenten bekennt sich als Republikaner, also als Trumps Parteifreund: „Große Länder achten internationale Vereinbarungen“, sagt etwa der Bürgermeister der Stadt Carmel – und meint damit Trumps Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen.

Kein Zweifel am Nutzen regionaler Klimaaktionen

„Trump ist isoliert“, glaubt Kretschmann und ist sichtlich begeistert über das Spektakel. Dass die Amerikaner diese Botschaft mit viel Hollywood verpacken, irritiert zwar den einen oder anderen in der 120-köpfigen Delegation. Doch selbst nüchterne Wissenschaftler wie der Hohenheimer Rektor Stephan Dabbert sagen: „Das ist eben die amerikanische Art.“ Am Nutzen regionaler Klimaaktionen hat er aber keinen Zweifel – schon gar nicht, wenn wie mit Kalifornien die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt dahinter steht. „Kalifornien ist bei den Klimazielen schon viel weiter als wir“, sagt auch Andreas Bett, Direktor des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme in Freiburg. Nur das amerikanische Versprechen, mit Klimaschutz lasse sich stets Geld verdienen, zieht Dabbert in Zweifel: „Manchmal wird das eben auch Geld kosten.“

So stehen die Baden-Württemberger also am Abend staunend auf der Terrasse des Veranstaltungszentrums und blicken versonnen hinauf zum höchsten Wolkenkratzer an der amerikanischen Westküste: Die gesamte Spitze des nagelneuen Salesforce Towers, 326 Meter hoch, lässt sich als Bildschirm nutzen. Darauf wogt das Blätterdach eines Baumes.

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