Ganz hübsch: der Kotzenbach Foto: Andreas Gorr

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche flirtet der Landrat. Und ein Blick über die Kreisgrenze zeigt, dass die Realität auch anderswo schön geredet wird.

Nufringen - In Altdorf sollte den Radfahrern dringend ein Licht aufgehen. Bei der Fragestunde im Gemeinderat bemängelte eine Einwohnerin, dass in dem Ort immer wieder unsichtbare Radler unterwegs seien. Zu „brandgefährlichen Situationen“ komme es deshalb, warnte sie. Offenbar herrscht auf dem Land eine Art Kulturkampf: „Da schießen die Radler raus aus der Schillerstraße“, sagte die Dame in der Sitzung, „man sieht sie aber nicht kommen, weil sie ohne Licht fahren.“ Das klingt in der Tat brandgefährlich! Im ganzen Ort hat die Altdorferin laut der ­Lokalzeitung das beobachtet – und zwar bei Kindern und Erwachsenen. Strengere Kontrollen und empfindliche Bußgelder forderte die Frau.

Logisch, dass sich der Bürgermeister persönlich des Problems angenommen hat. Neben einem Aufruf im Amtsblatt will er die Polizei „vor Ort ziehen“. Mit den Schießereien in der Schillerstraße dürfte also demnächst Schluss sein. Laut Bußgeldkatalog haben die im Dunkeln munkelnden Altdorfer Radler mit Strafzetteln in Höhe von 20 Euro zu rechnen, bei Gefährdungen wie Streifschüssen mit 5 Euro zusätzlich und bei einem Unfall mit 35 Euro. Inwiefern bei den Beträgen von empfindlich zu sprechen ist, ist schwer zu beurteilen. Allerdings liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es sich bei den finstren Pedaleuren um ganz arme Menschen handeln muss, die sich so schämen, mit dem Fahrrad fahren zu müssen, dass sie lieber anonym bleiben wollen.

Als Landrat quasi Gott im Kreis Böblingen

Besser man wendet schnell den Blick ab – und Nufringen zu. Dort ist die Welt wieder in Ordnung. Ulrike Binninger hat sich zum Abschied als Bürgermeisterin ausdrücklich „keine fünf oder sechs Blumensträuße“ gewünscht – und ihr Wunsch ging in Erfüllung. Im Namen des Gemeinderats erhielt sie stattdessen ein Poloshirt, auf dem eine Karte des Landkreises Böblingen zu sehen ist. Ein Pfeil zeigt auf Nufringen mit dem Spruch: „Gott hat die Welt nur einmal geküsst“. Aus Altdorfer Sicht lässt sich dieser Einstellung zustimmen, wie man mittlerweile weiß.

Sofort angesprochen von dieser Aussage fühlte sich Roland Bernhard. Als Landrat hat er im Kreis immerhin eine quasi gottähnliche Position inne. Und so erklärte er bei dem Abschied, dass er keine Kommune bevorzugen könne, sonst müssten neben Ulrike Binninger auch alle anderen Bürgermeister vom Landrat geküsst werden. Doch darauf lege er bei dieser Männerriege nicht unbedingt Wert, erklärte er und ergänzte, dass man in Nufringen angesichts einer Bürgermeisterin eine Ausnahme machen könne. In den USA sähe sich Roland Bernhard nach dem Abend längst mit einer Frauenbewegung konfrontiert, hierzulande ist er auf der sicheren Seite, da nun auch auf dem letzten Außenposten wieder ein Mann auf dem Chefsessel sitzt. Da es sich beim Nachfolger von Ulrike Binninger um einen Polizeihauptkommissar handelt, ­seien neben dem Landrat an dieser Stelle auch die Nufringer Radler vorgewarnt.

Aus Katze wurde Kotzen

In Heimsheim, im Nachbarkreis, ist der Bürgermeister nicht von der Polizei, sondern vom Gemeinderat ausgebremst worden. Er kam mit dem Vorschlag angeschossen, den Kotzenbach in Zieselbach umzubenennen – „schon des gefälligeren Klangs wegen“. Die Chance hatte sich ergeben, weil der Wasserlauf nicht im amtlichen Gewässernetz verzeichnet war. Doch der Gemeinderat wollte sich das Gewässer nicht vom Schultes schön reden lassen: „Niemand weiß, was der Zieselbach ist, aber jeder kennt den Kotzenbach“, lautete ein Argument. Und am Ende sind die meisten Dinge gar nicht so schlimm, wie sie im ersten Moment klingen. Denn im ebenfalls zum Flirten aufgelegten Landratsamt des Enzkreises hat die CDU erfahren, dass der Name Kotzenbach wohl seinen Namen von Katze oder Weidenkätzchen hat.

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