Die Reliquie von Papst Johannes Paul II. im Kölner Dom, vor dem Diebstahl. Die Reliquie enthält einen Blutstropfen des verstorbenen Papstes. Unbekannte haben am Wochenende die gläserne Kapsel mit dem Blutstropfen herausgehebelt und gestohlen. Foto: dpa

Aus dem Kölner Dom ist eine Reliquie mit einem Blutstropfen von Johannes Paul II. gestohlen worden. Die Reliquie besteht aus einem Stoffläppchen mit einem Blutstropfen des 2005 verstorbenen Papstes.

Köln/Stuttgart - Nach dem Diebstahl einer Reliquie mit einem Blutstropfen von Papst Johannes Paul II. aus dem Kölner Dom hat die Polizei der Domstadt bisher noch keine heiße Spur. In Tageszeitungen und im Internet wird nach Augenzeugen gesucht, die den Raub gesehen haben. Der Diebstahl sei am frühen Sonntagmorgen von einer Dombesucherin bemerkt worden, teilte die Polizei auf Anfrage mit.

Spurensicherung im Kölner Dom

Nach Polizeiangaben hat die Spurensicherung der Polizei Köln den Tatort im nördlichen Domquerhaus aufgenommen. In der Polizeimeldung wird die Tatzeit auf Samstag, circa 7 Uhr bis Sonntag, 7.55 Uhr eingegrenzt. Die Polizei sucht nach Zeugen: „Wer hat sich zwischen Samstag, 7 Uhr und Sonntag, 7.55 Uhr im nördlichen Domquerhaus im Kölner Dom aufgehalten und verdächtige Beobachtungen gemacht? Wer hat das Reliquiar nach Samstag 7 Uhr unversehrt gesehen? Hinweise bitte an das Kriminalkommissariat 71, Telefonnummer 0221/229-0 oder per E- Mail an poststelle.koeln@polizei.nrw.de.“

Stoffläppchen mit Blutstropfen

Die Reliquie besteht aus einem Stoffläppchen mit einem Blutstropfen des am 2. April 2005 verstorbenen Papstes. Sie befand sich in einer gläsernen Kapsel in einem sogenannten Reliquiar, einem kostbaren Aufbewahrungsbehältnis für den Gegenstand religiöser Verehrung. Das vom Düsseldorfer Bildhauer Bert Gerresheim geschaffene Reliquiar zeigt Papst Johannes Paul II. gestützt auf den Kreuzstab vor einem der Domportale und erinnert an seinen Besuch im Kölner Dom im November 1980.

„Der materielle Wert ist nur gering, viel größer ist der ideelle Verlust“, sagt der Kölner Dompropst Gerd Bachner in einem Radio-Interview. Er appellierte an die Diebe, die Reliquie zurückzugeben.

Mehrfach verschraubt, gesichert und trotzdem geklaut

Die Reliquie befand sich seit Dezember 2013 im Dom. Die Kölner Dombauhütte hatte nach Angaben des Erzbistums das 40 Zentimeter große Reliquiar aus versilberter Bronze mehrfach mit Verschraubungen gesichert und an der Wand befestigt, damit es von den Gläubigen berührt werden konnte.

„Für mich ist der Diebstahl nicht nur ein pietätloses Vergehen, sondern wie eine Schädigung dieses großen Menschen noch nach seinem Tod“, so Domprobst Bachner. „Die Figur ist eine Blutreliquien von Johannes Paul dem II. Jede ist schon einmal gestohlen worden – und wieder aufgetaucht. Das lässt hoffen.“

Zweiter Diebstahl einer päpstlichen Blutreliquie

Es ist bereits der zweite Diebstahl einer Blutreliquie von Karol Wojtyla (1920-2005), der von Oktober 1978 bis April 2005 als Oberhaupt der katholischen Kirche regierte. Im Januar 2014 waren Diebe in die Kirche San Pietro della Ienca am Fuß des Gran-Sasso-Massivs in der Nähe der italienischen Stadt L’Aquila eingerochen und hatten die dortige Reliquie mitgehen lassen. Da sie den Wert ihrer Beute nicht erkannten, hatten sie diese auf der Flucht einfach weggeworfen.

Aufgrund der Aussagen von zwei Drogenabhängigen wurde das Metallbehältnis der Reliquie und ein gleichzeitig gestohlenes Kruzifix kurz darauf wieder gefunden. Von dem mit dem Blut des 2005 verstorbenen Papstes befleckten Stofffetzen, der die eigentliche Reliquie bildet, fehlte jedoch jede Spur. Erst drei Tage später wurde es in der Garage von einem der drei jungen Diebe in der Stadt L’Aquila wiedergefunden.

Reliquienverehrung – eine Besonderheit der Katholischen Kirche

Gegenstände religiöser Verehrung

Die Reliquienverehrung ist ein Bestandteil katholischer Volksfrömmigkeit. In der evangelischen Kirche ist dieser Brauch unbekannt. Für den Reformator Martin Luther (1483-1546) waren Reliquien „alles tot Ding“.

Reliquien (von lateinisch „reliquiae“ Zurückgelassenes, Überbleibsel) sind Gegenstände religiöser Verehrung. Besonders Körperteile oder Teile des persönlichen Besitzes eines Menschen, der von der Kirche als Heiliger verehrt wird, gehören hierzu. Daneben gibt es Berührungsreliquien, etwa Kleidungsstoffe, mit denen der Heilige in Berührung kam oder gekommen sein soll.

Seit Jahrhunderten wird mit Reliquien ein schwunghafter Handel betrieben. Allein auf der Webseite des Internet-Auktionshauses Ebay findet man beim Stichwort „Reliquie“ 1285 Treffer.

Woher stammt das Papst-Blut?

Der Tropfen Papstblut stammt von einer medizinischen Untersuchung, die vor einem Luftröhrenschnitt wenige Wochen vor dem Tod Johannes Paul II. am April 2005 stattfand. Dem Papst wurden damals mit Blick auf eine mögliche Bluttransfusion vier Ampullen Blut abgenommen worden, die danach nicht mehr gebraucht wurden.

Die behandelnden Ärzte übergaben die Ampullen dem damaligen Papstsekretär und heutigen Krakauer Erzbischof und Kardinal Stanislaw Dziwisz, der 2011 erklärte, solche Blutreliquien hätten in der katholischen Kirche eine lange Tradition.

Der damalige Anwalt des Seligsprechungsverfahrens des Papstes, Slawomir Oder, stellte gegenüber der „Katholischen Nachrichtenagentur“ fest, dass Reliquien „kein magischer Fetisch“ seien. Sie seien dazu da, „in unseren Herzen die Dankbarkeit für das Geschenk der Person Johannes Paul II. zu erreichen“. Reliquien seien ein Symbol der Anwesenheit eines Heiligen in der Welt.

Blut des heiligen Karol Wojtyla in aller Welt

Johannes Paul II. wurde am 1. Mai 2011 von seinem Nachfolger Benedikt XVI. in Rom selig- und am 27. April 2014 von Papst Franziskus heiliggesprochen. Karol Wojtyla ist nicht der einzige Heilige, von dem es Blutreliquien gibt. Auch bei der Seligsprechung der Ordensgründerin Mutter Teresa im Jahr 2003 in Rom waren Blutstropfen ausgestellt worden.

Bisher haben weit mehr als 100 Pfarreien in aller Welt Dziwisz um einen Tropfen Papst-Blut gebeten. An rund 100 Kirchen sind die Blutstropfen auf ein Stück Stoff geträufelt inzwischen verteilt worden. In Deutschland befinden sich die Blutreliquien in Aschaffenburg, Berlin, Dortmund, Hannover, Hamburg-Harburg, Regensburg, Würzburg, im hessischen Obertshausen und im niederrheinischen Wallfahrtsort Kevelaer.

Vatikan geißelt Reliquien-Handel

2008 hatte der damalige Präfekt der Heiligenkongregation José Kardinal Saraiva Martins den „gotteslästerlichen Handel“ mit Reliquien im Internet gegeißelt. Ebay versprach daraufhin Besserung. Doch bis heute kann man Knöchelchen vom Heiligen Rochus, eine „Reliquienkapsel mit 1. Klasse Reliquien hl. Camillus und hl. Martin v. Porres“ (100 Euro), eine „Reliquie von St. Odette“ (60 Euro) oder eine „echte Reliquie des Hl. Konrad von Parzham 1894“ (30 Euro) erwerben.

Suche nach der gestohlenen Papst-Reliquie

Jagd nach Reliquien

Ob die aus dem Kölner Dom gestohlene Blutreliquie jemals wieder auftaucht ist fraglich. Reliquien-Sammler bieten hohe Summen für fromme Andenken. Dass die Auftraggeber auf dem verschwiegenen Markt anonym bleiben wollen, versteht sich von selbst.

Immer wieder hat der Vatikan versucht dem lukrativen Handel mit in der Regel unechten Reliquien einen Riegel vorzuschieben. Die Überbleibsel von Heiligen durften ab dem Mittelalter nicht mehr ohne Aufbewahrungsbehältnis (Reliquiar) gezeigt und zum Verkauf angeboten. Neu aufgefundene Reliquien nicht ohne Zustimmung des Papstes verehrt werden.

Kirchenrecht verbietet Handel

Bis heute verbietet das katholische Kirchenrecht den Verkauf von Reliquien. Im „Codex Iuris Canoici“, dem kirchlichen Rechtsbuch, , Canon 1190 CIC heißt es: „Es ist verboten, heilige Reliquien zu verkaufen. Bedeutende Reliquien und ebenso andere, die beim Volk große Verehrung erfahren, können ohne Erlaubnis des Apostolischen Stuhls auf keine Weise gültig veräußert oder für immer an einen anderen Ort übertragen werden. Die Vorschrift des § 2 gilt auch für Bilder, die in einer Kirche große Verehrung beim Volk erfahren.“

Drei Klassen mit Reliquien

Reliquie ist nicht gleich Reliquie. Nach katholischem Verständnis gibt es Reliquien erster Klasse: der Leichnam eines Heiligen oder Teile davon wie das Herz der spanischen Ordensgründerin Teresa von Avila (15115-1582), die Blutreliquien von Johannes Paul II. oder die Asche von Heiligen, die verbrannt wurden.

Bei Reliquien zweiter Klasse handelt es sich um Gegenstände, die der Heilige berührt haben soll, weshalb sie auch Berührungsreliquien genannt werden. Zu dieser Kategorie gehören beispielsweise das Turiner Grabtuch oder Folterwerkzeuge, mit denen Märtyrer gepeinigt wurden.

Reliquien dritter Klasse schließlich sind Gegenstände, die von Reliquien erster Klasse berührt wurden – etwa kleine Papier- oder Stofffetzen, die auf eine Reliquie erster Klasse gelegt und auf Heiligenbildchen geklebt wurden.

Die „heilige Vorhaut Jesu“

Der Reliquienkult hat in der Kirchengeschichte bisweilen bizarre Ausmaße angenommen. So wurde über Jahrhunderte die „heilige Vorhaut“ (lateinisch: „Sanctum praeputium“) verehrt, bei der es sich um die Vorhaut Jesus von Nazareth gehandelt haben soll.

Da nach christlichem Glaubens Jesus Christus bei seiner Himmelfahrt auch leiblich aufgefahren ist, sollen von seinem Körper nur jene Bestandteile auf Erden verblieben sein, die er zu jenem Zeitpunkt nicht mehr bei sich hatte. Im Lukas-Evangelium Kapitel 2, Vers 21 heißt es: „Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.“. Das Fest der Beschneidung des Herrn wird am 1. Januar gefeiert.

Die Reliquie der heiligen Vorhaut soll Papst Leo III. von Karl dem Großen anlässlich seiner Kaiserkrönung am 25. Dezember 800 in Rom geschenkt worden sein. Der Frankenkönig wiederum soll sie von einem Engel oder von der byzantinischen Kaiserin Irene bekommen haben. Nach einigen Stationen wurde sie ab dem 16. Jahrhundert in der Pfarrkirche des italienischen Ortes Calcata aufbewahrt, wo sie bei Prozessionen öffentlich gezeigt wurde. 1983 verschwand sie und wurde seither nicht mehr gesehen.

Niederlande – Paradies für Reliquien-Sammler

Die Niederlande sind ein Paradies für Sammler kirchlicher Kunst und Reliquien. Das 1972 von Joannes Peters gegründete Unternehmen „Fluminalis“ in der kleinen Gemeinde Horssen in der Provinz Gelderland wirbt auf seiner Internetseite damit, „weltweit das führende Unternehmen im Verkauf von kompletten Interieurs von Kirchen, Klöstern und Schlössern“ zu sein. Neben Heiligenfiguren, Chorgestühlen, Messkelchen und ganzen Altären werden auch Reliquien angeboten – wie von der heiligen Albina aus Köln, vom heiligen Leonard oder von der Tunika des heiligen Dominik.

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