2013: Kriegsverletzte aus Syrien treffen am Stuttgarter Flughafen ein. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der Stuttgarter Klinikum-Skandal ist längst nicht ausgestanden, eine Erklärung des früheren Krankenhaus- und heutigen Sozialbürgermeisters Werner Wölfle überfällig, findet Lokalchef Jan Sellner.

Stuttgart - Sie kennen die Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“. Darin stellen einfallsreiche Menschen ausgefallene Geschäftsideen vor in der Hoffnung, Investoren zu überzeugen, sich finanziell daran zu beteiligen. Manche reüssieren, andere blitzen ab. Letzteres ist nicht gleichbedeutend mit Scheitern. Viele Bewerber werden auch einfach nur davor bewahrt, sich in einen Blödsinn zu verrennen.

Schade, dass es die „Höhle der Löwen“ noch nicht gab, als Menschen in Stuttgart vor acht Jahren auf die Idee kamen, einer Initiative des Bundesgesundheitsministeriums folgend, Kriegsversehrte aus Libyen einzufliegen und hier zu behandeln – nicht in erster Linie aus Barmherzigkeit, sondern um dem städtischen Klinikum Geld in die klammen Kassen zu spülen. International Unit nannte sich das bereits Jahre vorher entwickelte Geschäftsmodell, das den Segen der damaligen Klinikumsleitung und der Stadt Stuttgart hatte. Was hätten die Fernseh-Juroren zu dem Konstrukt gesagt? Die einzig richtige Antwort hätte gelautet: Finger weg davon! Zumal dieses Geschäftsmodell, wie sich später herausstellte, auch auf Vermittlern beruhte, die sogenannte Provisionen erhielten, also Schmiergeld.

Gegen 21 Personen wird ermittelt

Stattdessen griff man bereitwillig zu – und verhob sich kräftig. Diejenigen, die damals in Stuttgart die Rolle von Juroren hatten, wie die Klinikumsleitung, OB Wolfgang Schuster, Krankenhausbürgermeister Klaus-Peter Murawski oder die Mitglieder des Krankenhausausschusses haben dem zunächst florierende Geschäftsmodell getraut. Sie haben sich blenden lassen oder nicht richtig hingeschaut. Später kam die aberwitzige Idee auf, Stuttgarter Ärzte gegen Millionenzahlungen ins Emirat Kuwait zu vermitteln und dort eine Klinik mitaufbauen zu helfen. Längst hat sich das Ganze als Luftspiegelung entpuppt.

In der Folge – dann schon in der Amtszeit von Fritz Kuhn – ist der damalige Leiter des Klinikums, Ralf-Michael Schmitz, von der Stadt mit einem goldenem Handschlag in Form von 900 000 Euro hinauskomplimentiert worden, (was skandalös ist und bleibt). Das Thema hat auch eine strafrechtliche Seite: Gegen den früheren Chef der inzwischen aufgelösten International Unit, Andreas Braun, und 20 weitere Personen wird wegen Betrugs, Bestechung und Bestechlichkeit ermittelt. In der Gesamtschau ein Debakel ersten Ranges – auch wenn noch immer unklar ist, wie hoch der finanzielle Schaden für die Stadt tatsächlich ist und sie Vorkehrungen getroffen hat, dass sich Ähnliches nicht wiederholt.

Was wusste Wölfle vom Kuwait-Geschäft?

In jedem Fall ist politischer Schaden entstanden. Das geht zu einem nicht unerheblichen Teil auf die Kappe von Werner Wölfle, der heute als Sozialbürgermeister gute Arbeit macht, in seinem früheren Berufsleben als Krankenhausbürgermeister jedoch offenbar heillos überfordert war. Wenn es stimmt, dass Wölfle über das chaotische Kuwait-Geschäft besser informiert war, als von ihm bisher dargestellt, hat er ein Glaubwürdigkeitsproblem, das in seinen Rückzug münden könnte. Schlimm genug, wenn er nur ahnungslos war. Höchste Zeit jedenfalls, dass er zu den neuerlichen Vorwürfen ausführlich Stellung nimmt.

Klar ist schon jetzt: Die Libyen- und Kuwait-Geschäfte des Klinikums gehen in die Stuttgarter Stadtgeschichte ein – als Negativbeispiel dafür, wie man ein großes Rad drehen will und dabei böse unter die Räder kommt.

jan.sellner@stzn.de

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