An einem Tisch, aber nicht immer einer Meinung: die Betriebsrätin Nadja Schmidt und der Kliniken-Chef Jörg Martin im Doppelinterview. Foto: factum/Granville

Die Kliniken im Kreis plagen Personalsorgen: Im Gespräch äußern sich die Ludwigsburger Betriebsratsvorsitzende Nadja Schmidt und der Geschäftsführer der Klinikenholding, Jörg Martin, über Arbeitsbelastung, offene Stellen – und den Dauerstreit mit der Gewerkschaft Verdi.

Ludwigsburg - Das wäre vor einem Jahr schwer vorstellbar gewesen: Nadja Schmidt und Jörg Martinlassen sich zusammen fotografieren. Die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende und der Chef der Kliniken-Holding haben turbulente Zeiten hinter sich und heftig miteinander gerungen. Inzwischen ist es ruhiger geworden. Auch harmonischer? Sicher ist: die einstigen Kontrahenten haben sich angenähert – obwohl sie sich längst nicht in allem einig sind. Und streiten können sie noch immer.

Frau Schmidt, Herr Martin: In den vergangenen Monaten hat das Klinikum Ludwigsburg für viele Schlagzeilen gesorgt: Mitarbeiter klagten über die Arbeitsbedingungen, es gab Ärger mit der Gewerkschaft Verdi, und die Betriebsrats-Spitze ist zurückgetreten. Aktuell scheint es ruhiger zu werden. Hat sich die Lage gebessert – oder dringt einfach nicht mehr so viel nach außen?
Martin Wir haben mit dem Betriebsrat eine Ebene gefunden, die Dinge intern zu regeln. Da geht es durchaus kontrovers zu, aber das gehört dazu.
Frau Schmidt, wie sehen Sie das?
Schmidt Wir haben einen Weg gefunden, miteinander zu sprechen. Das war vor zwei Jahren noch nicht so. Der Pflegenotstand ist lange Zeit nicht erkannt worden.
Vonseiten der Geschäftsführung?
Schmidt Ja, aber auch von der Öffentlichkeit. Die vielen Aktionen bei uns im Haus haben die Diskussion erst losgetreten. Ob das alles immer so geschickt war, ist eine andere Frage. Aber wir haben versucht, überhaupt erst mal gehört zu werden. Am Anfang war die Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung nicht gut.
Martin Vielleicht haben wir aneinander vorbeigesprochen. Ein Beispiel, wo es nun besser läuft: Anfang des Jahres haben wir eine Taskforce eingerichtet, die bei Personalengpässen einspringt. Innerhalb von drei Werktagen suchen wir zusammen mit dem Betriebsrat und den Mitarbeitern nach Lösungen. Und das funktioniert!
Noch einmal anders gefragt: Hat sich denn die Situation auf den Stationen verbessert?
Schmidt Da würde ich gerne mit Ja antworten, aber das stimmt leider nicht. Die Situation auf einigen Stationen ist schwer – wie in anderen Häusern auch. Wenn sie alles auf Kante nähen, dann muss nicht viel passieren, damit alles zusammenkracht.
Es gibt also zu wenig Personal?
Martin Wir haben aktuell Besetzungsprobleme bei den Pflegekräften und bei den Hebammen. Das ist kein Problem, das uns alleine trifft. Auffällig ist aber, dass wir in Ludwigsburg die wenigsten Bewerbungen bekommen. Das führe ich auch auf die negative Berichterstattung zurück.
Liegt die Unterbesetzung denn daran, dass Sie keine Mitarbeiter finden – oder eher daran, dass Sie zu viel sparen?
Martin Derzeit haben wir offene Stellen. Auf der anderen Seite ist es so, dass wir finanziell limitiert sind. Die Personalkosten machen bei uns 70 Prozent aus.
Es ist also ein strukturelles Problem?
Schmidt Ja, natürlich. Es sind einfach zu wenige Stellen da.
In welchen Bereichen des Krankenhauses gibt es denn die größten Engpässe?
Schmidt Auf normalen Stationen, würde ich sagen.
Martin Mit Besetzungen haben wir besonders in Ludwigsburg große Probleme. In anderen Häusern ist es eher auf den Fachabteilungen eng.
Schmidt Wir haben zudem viele Mitarbeiter, die die Pflege schnell wieder verlassen. Um das zu verhindern suchen wir nach Konzepten, zum Beispiel ein besseres Gesundheitsmanagement. Eine andere Möglichkeit sind flexiblere Arbeitszeitmodelle.
Ist die Personallage in Ludwigsburg und Bietigheim schlimmer als andernorts?
Schmidt Nein.
Martin Es ist andernorts genauso. In diesem Ballungsraum, in dem wir leben, herrscht auf dem Personalmarkt große Konkurrenz. Wir müssen das, was wir bieten – und das ist viel – besser nach außen kommunizieren, zum Beispiel die RKH Akademie, die Telemedizin, ab 2017 das Simulationszentrum und das betriebliche Gesundheitsmanagement. Nur ein Beispiel: Für Rückenschmerzen haben wir spezielle Reha-Maßnahmen entwickelt – und Rückenschmerzen sind eines der größen Probleme in der Pflege.
Geben Sie doch mal eine Stellenanzeige auf: Welche Mitarbeiter suchen Sie?
Martin Wir suchen examinierte Pflegekräfte. Wie attraktiv wir sind, habe ich gerade beispielhaft aufgezählt. Natürlich versuchen wir auch Pflegehelfer zu finden, um die anderen examinierten Mitarbeiter zu entlasten Dass Betriebsrat und Geschäftsführung ein gemeinsames Interview zu dem Thema geben, zeigt auch, dass alle ein Ziel haben. Und das ist gut so.
Nehmen wir den Idealzustand an: Alle Planstellen sind besetzt. Sind dann genug Mitarbeiter auf den Stationen?
Schmidt Nein, definitiv nicht. Die Besetzungen sind zu knapp. Jeder Ausfall führt zu Not, es gibt keine Puffer mehr. Das ist unsere Erfahrung auf den Stationen.
Martin Da sind wir unterschiedlicher Meinung. Wenn der Plan voll besetzt ist, wäre das ausreichend. Es spielen aber auch nicht nur die Quantität, sondern auch die Prozesse eine Rolle.
Über wie viele Stellen reden wir, die unbesetzt sind aktuell?
Martin Die Zahl ist knapp zweistellig. Das sind allein die vakanten Jobs. Künftig haben wir weiteren Bedarf, allein für die neue Intermediate Care-Station, die wir 2017 in Ludwigsburg aufmachen, suchen wir 23 Pflegemitarbeiter.
b>Protest gegen den Protest
Wenn wir mal davon ausgehen, es gibt ähnliche Personalsorgen auch in anderen Krankenhäusern: Ist es dann einfach Pech für die Holding, dass das Bild des Klinikums Ludwigsburg in der Öffentlichkeit so schlecht ist? So schlecht, dass man jetzt kein Personal mehr findet?
Schmidt Dieses Bild täuscht. Eine Gewerkschaft ist dort aktiv, wo sie Mitglieder hat. Und die Aktivitäten kamen von Beschäftigen und Teams aus dem Haus, die Gewerkschaft trat lediglich als Sprecher auf. Es gibt in anderern Häusern ähnliche Aktivitäten.
Oft ging es zwischen Verdi und der Klinikleitung hin und her. Waren Betriebsrat und Gewerkschaft immer einer Meinung?
Schmidt Im Großen und Ganzen sehen wir uns als Partner, inhaltlich haben sich unsere Positionen gedeckt. Im Betriebsrat wollten einige aber nicht so stark in die Öffentlichkeit, das war ein Unterschied.
Martin: Für mich ist in allen Belangen der Betriebsrat der Ansprechpartner. Er ist demokratisch gewählt, auch von Nicht-Gewerkschaftern. Ich sehe da eine Trennung zwischen Betriebsrat und Verdi.
Es gab auch Protest gegen den Protest – die Klinik solle nicht in einem so schlechten Licht dargestellt werden, forderten einige Mitarbeiter in einem offenen Brief . . .
Schmidt: Es gab ähnliche Aktionen auch an anderen Häusern wie am Robert-Bosch-Krankenhaus oder dem Katarinenhospital in Stuttgart. Es war meines Erachtens nie das Ziel, Ludwigsburg zu schaden.
Martin: Ich habe es so empfunden, dass es in Ludwigsburg und Bietigheim massiv war – und das ist für mich nicht nachvollziehbar. In internen Gesprächen mit Verdi haben wir aber vereinbart, wie wir künftig miteinander umgehen.
War Verdi in den RKH-Häusern besonders aktiv, weil es hier besonders nötig war?
Schmidt: Weil es hier besonders aktive Gewerkschaftsmitglieder gibt.
Herr Martin, haben Sie vielleicht auch Fehler gemacht, die zu der negativen Außenwahrnehmung beigetragen haben?
Martin: Fehlerfrei ist keiner. Sicher würde ich künftig vielleicht früher das Gespräch mit Verdi intensivieren. Im Rückblick lernt man daraus.
Und inhaltlich?
Martin: Ich stehe zu dem, wie wir reagiert haben. Der Gesprächsfaden mit Verdi ist nie ganz abgerissen, und das war wichtig. Ein gutes Indiz ist ja, dass Frau Schmidt und ich hier gemeinsam sitzen.
Schmidt: Es ist ja auffällig, wie lange nichts mehr an die Öffentlichkeit kam. Das ist gerade nicht nötig.

Prozess vor dem Arbeitsgericht Stuttgart

Anfang kommenden Jahres steht vor dem Arbeitsgericht in Stuttgart die Fortsetzung des P rozesses gegen eine Pflegerin an, die entlassen wurde. Wie sehen Sie den Stand der Dinge?
Martin: Zu einem laufenden Verfahren geben wir keine Auskunft.
Wir haben jetzt viel über Personal in der Pflege gesprochen – wie sieht es denn bei den Ärzten aus?
Martin: Die meisten Stellen sind besetzt, wir haben hier und da kleine Lücken. Aber der Krankenhaus-Verbund steigert unsere Attraktivität: Durch Telemedizin, durch Fortbildungen, durch ein Simulationszentrum. Solche Angebote ziehen vor allem bei jungen Ärzten.
Schmidt: Uns erreichen auch von Ärzten Berichte, die darauf schließen lassen, dass auch der ärztliche Dienst immer wieder in Grenzbereichen arbeitet.
Könnten ausländische Fachkräfte diese Lücken nicht füllen? Kann man da Personal gewinnen?
Martin Wir haben 2012 rund 25 Mitarbeiter aus Spanien angeworben, die sind aber bis auf zwei alle wieder in der Heimat. Wir fokussieren uns bei der Suche nicht so sehr aufs Ausland.
Schmidt Aus den Maghreb-Staaten haben wir 13 neue Mitarbeiter für Ludwigsburg angeworben. Die werden von unserem Integrationsteam begleitet.
Martin Eine der Hauptaufgaben wird es sein, die Berufe attraktiver machen.
Schmidt Ausländische Fachkräfte werden den Pflegenotstand nicht lösen können. Die Arbeitsbedingungen müssen einfach attraktiver werden.
Man hat den Eindruck, dass sich das Verhätnis zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung wieder normalisiert – die Probleme aber bleiben in großen Teilen bestehen. Wer ist denn dann der große Böse? Die Krankenkassen, die Politik?
Schmidt Den großen Bösen gibt es nicht. Es ist ein politisches Problem, es gibt keinen Personalschlüssel in der Pflege, keine Haltelinie nach unten. Da muss es eine Regel geben.
Martin So einen Personalschlüssel brauchen wir nicht. Das muss individuell bemessen werden. Man muss wissen: Wenn wir mehr Geld in die Gesundheit stecken – wo nehmen wir es weg? Bei den Straßen? Den Kindergärten? In Deutschland steckt relativ viel Geld im Gesundheitswesen. Es ist aber teilweise falsch verteilt. Nur zu jammern bringt uns da nicht weiter.
Schmidt Aber es ist ein Anfang.

Das Gespräch führten Tim Höhn und Julian Illi.

Die Gesprächspartner

Nadja Schmidt
Seit Mai dieses Jahres ist Nadja Schmidt stellvertretende Betriebsratsvorsitzende im Klinikum Ludwigsburg. Dem Gremium gehört sie seit zwei Jahren an. Die 38-Jährige hat ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin im Haus absolviert und anschließend in der Unfallchirurgie gearbeitet. Die Ludwigsburgerin ist Mitglied bei der Gewerkschaft Verdi.

Jörg Martin
Seit 2013 ist der 59-jährige Jörg Martin der Geschäftsführer der Regionalen Klinikenholding (RKH), zu der neben den Krankenhäusern im Landkreis Ludwigsburg auch Standorte in Mühlacker, Bretten, Neuenbürg und Bruchsal gehören. Bevor Martin die Leitung der RKH mit ihren mehr als 7500 Mitarbeitern übernahm, war er von 2009 an alleiniger Geschäftsführer der Alb-Fils-Kliniken im Landkreis Göppingen. In der Göppinger Klinik am Eichert war er zuvor als leitender Oberarzt in der Anästhesie-Abteilung tätig. Der gebürtige Alsfelder (Hessen) studierte Medizin in Tübingen, habilitiert wurde er an der Uni Ulm.

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