In Dortmund hat sich zum Kirchentag eine entspannt-bunte Ansammlung überwiegend junger Bildungsbürger zusammengefunden. Foto: dpa

Die Jugend dominiert beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund - was so gar nicht zum Alltag der Amtskirche passen will. Die Diskrepanz hat auch etwas mit dem knallbunten Kirchentagsprogramm zu tun, in dem Kritiker schon eine Entwicklung hin zu einer Sex-Messe erkennen.

Dortmund - Die Sonne über Dortmund kommt kurz heraus, als der schwarz gekleidete Mann mit der Halbglatze den Blick von seinem Keyboard erhebt und seine Schäfchen anstrahlt. „Alle über 18 Jahre singen jetzt „Halleluja“, alle unter 18 „Preiset den Herrn““, ruft er den paar Dutzend Menschen zu, die ihn an diesem Vormittag in der Dortmunder Nordstadt beim Freiluftgottesdienst erwartungsvoll anschauen. Es ist - wie so viele Veranstaltungen beim Evangelischen Kirchentag - keine normale Messe, wie sie bundesweit zigtausendfach im ganzen Jahr gefeiert wird, sondern in diesem Fall eine explizit für Opas, Papas und Kinder. Das Publikum hält sich nicht an den vorgesteckten Rahmen: Es sind zwar sehr viele Kinder da, aber neben Papas auch einige Mütter, dafür kaum Opas.

Das Bild von der kleinen Bühne ist kein zufälliges, es wirkt wie ein Spiegelbild der ganzen Veranstaltung. Bei den Protestantentreffen, die alle zwei Jahre an unterschiedlichen Orten ausgetragen werden, dominiert die Jugend - ganz anders als im Amtskirchenalltag und bei anlassunabhängigen Gottesdiensten. 2017 in Berlin und Wittenberg betrug das Durchschnittsalter der Kirchentagsteilnehmer offiziellen Angaben zufolge 41,3 Jahre, bei der Veranstaltung in Stuttgart 2015 lag es sogar bei 37,3 Jahren, und auch in Dortmund dürfte es sich in einem ähnlichen Rahmen bewegen. Kirchentagspräsident Hans Leyendecker dankte den Jugendlichen bei der Eröffnung am Mittwochabend explizit dafür, „dass Ihr Eure Eltern und Großeltern mitgebracht habt“.

Volksfeststimmung gepaart mit bunten Unterhaltungsprogramm

So hat sich in diesen Tagen im als Malocherstadt bekannten Dortmund eine entspannt-bunte Ansammlung überwiegend junger Bildungsbürger zusammengefunden. Die meisten der 80 000 Dauerteilnehmer nutzen den Fronleichnamstag, um ein verlängertes Wochenende in der drittgrößten Stadt Nordrhein-Westfalens zu verbringen, sich ein bisschen etwas anzuschauen und die Sonne zu genießen. Volksfeststimmung gepaart mit einem bunten Unterhaltungsprogramm und etwas Kirchenfolklore, den nächsten Currywurst- und Dönerstand gleich in der Nähe wissend.

Die Dortmunder wollen sich da natürlich von ihrer besten Seite präsentieren. Wo sich sonst in den Stadtbahnen mies gelaunte Pendler gegenseitig anraunzen, wird nun über den vorigen Abend geplaudert, über Gott, die Welt und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die am Samstag erwartet wird. Der Zugbegleiter gibt Reisetipps fürs Ruhrgebiet anstatt Fahrkarten zu kontrollieren, der Imbissbesitzer verfolgt misstrauisch-interessiert den Motorrad-Gottesdienst auf dem zentralen Hansaplatz. „Gott ist mein Reiseguide, er macht die Straße frei vor Stau, er wischt das Öl von der Straße“, ruft der Pastor den Männern und Frauen zu, die sich mit ihren Zweirädern vor der Bühne aufgebaut haben. „Gott, du warnst mich vor Schotter, Splitt und Radarfallen“, lautet eine weitere zielgruppenorientierte Botschaft.

Workshop „Vulven malen“

Schon das fast 600-seitige Programmheft hatte ein buntes thematisches Durcheinander erahnen lassen. Neben mit zahlreichen Prominenten besetzten gesellschaftspolitischen Podiumsdiskussionen darf man sich etwa auf einen Workshop mit dem Titel „Wie gestalte ich einen Gottesdienst zu „Game of Thrones“?“ freuen, ein anderer hat „Vulven malen“ zum Thema, ein weiterer trägt die Überschrift „Schöner kommen - Zur Sexualität von Frauen“.

Dazu gibt es Hirtenmusik 2.3, biblisches Kaffee-Cupping, „Ist dein lesbisch/schwul mein queer?“, eine Nachmittagsveranstaltung mit dem Titel „Frieden fängt beim Frühstück an“, die Aufführung „Kirchenpolitik in der Papst-WG“ und hin und wieder etwas ganz Profanes wie „Handyreparatur praktisch“. Der Workshop „Das ultimative Anti-Gender-Gaga“ muss dagegen kurzfristig entfallen, wie es in der Veranstaltungszeitung heißt.

Kritik von konservativer Seite, der Kirchentag wandle sich immer mehr zu einer Art Sex-Messe, weist Leyendecker harsch zurück. „Ich verteidige das Recht des Kirchentags auf Exotik, aber das Exotische allein steht nicht für den Kirchentag“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ und betonte, beim Workshop „Vulven malen“ gehe es um die Wertschätzung der eigenen Körperlichkeit. „Was spricht dagegen, wenn 30, 50 Leute so eine Veranstaltung gut finden und da hingehen?“

In gesellschaftspolitischer Sicht hatten die Organisatoren schon vor dem Kirchentag aussortiert und AfD-Funktionäre gar nicht erst zu Podiumsdiskussionen eingeladen. „Radikale Einstellungen“, die ganze Menschengruppen abwerteten und „sogar Rassismus und Antisemitismus“ beförderten, hätten auf öffentlichen Podien des Kirchentages „nichts zu suchen“, begründete der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, das Vorgehen.

Die AfD - immerhin Oppositionsführerin im Bundestag - fühlt sich übergangen. „Ich bin dafür, dass Argumente ausgetauscht werden. Das gehört zur Demokratie, und das gehört auch zum Christsein, dass man miteinander redet“, sagte der kirchenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Volker Münz, im Deutschlandfunk. Anstatt auf den großen Bühnen mit zu diskutieren, müssen sich die Rechtspopulisten nun mit einem kleinen Stand am Rand der Innenstadt begnügen, bewacht von einem Großaufgebot der Polizei. Die Parteivereinigung „Christen in der AfD“ hat dort ein kleines Campingzelt aufgebaut und will noch bis Freitag mit Kirchentagsbesuchern ins Gespräch kommen. Zum Auftakt gab es am Donnerstagvormittag prompt Gegenwehr: Aktivisten umstellten das Zelt und ließen zwischenzeitlich kein Durchkommen zu.

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