Das Urvertrauen des Säuglings ist eines der größten Geschenke, dass Eltern zuteil wird. Foto: dpa

Wer anderen vertraut, kann enttäuscht werden. Vertrauen ist ein Wagnis mit ungewissem Ausgang. Doch wer nicht vertraut, traut sich auch selbst nichts zu.

Stuttgart - „Vertrauen ist der Wille, sich verletzlich zu zeigen.“ Vielleicht haben Sie diesen Satz schon mal gelesen. Genauso wie diesen: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Diese Redewendung wird dem russischen Politiker und Revolutionär Wladimir Iljitsch Uljanow Lenin zugeschrieben wird. Sie will besagen: Man soll sich nur auf das verlassen, was man nachgeprüft hat.

Vertrauen ist nicht nachprüfbar und nicht beobachtbar. Man muss dem anderen trauen, dass er sich an Absprachen, Spielregeln und Vereinbarungen hält und einen nicht linkt. Wenn es um belanglose Dinge geht, reicht das in der Regel aus. Aber je komplexer Aufgaben und Organisationsstrukturen sind, umso schwieriger ist es mit dem Vertrauen. Die Gefahr hintergangen zu werden, wächst mit der Differenziertheit des Lebens. Ist Vertrauen vorhanden, besteht eigentlich nur eine geringe Notwendigkeit für Kontrolle. Vertrauenverluste dagegen verstärken ihre Notwendigkeit.

Vertrauen stammt vom gotischen „trauan“. Darin steckt das Wort „treu“. Im Lateinischen spricht man von „fides“, Treue – im Griechischen von „Pistis“, Glaube. Treue und Glaube gehören zusammen, das eine ist nicht ohne das andere. Vertrauen muss man sich verdienen. Es ist ein Erfahrungswert. Der mittelalterliche Theologe und Philosoph Thomas von Aquin drückt es so aus: Vertrauen basiert auf der Erfahrung, dass die Hoffnung auf Erfüllung von erwarteten Zuständen bekräftigt wird.

Blindes Vertrauen

Blindes Vertrauen in einen Menschen, den man kaum kennt, ist ein Wagnis. Die Ungewissheit enttäuscht zu werden, ist groß. Verlässlichkeit erwächst aus der Erfahrung, dass der Andere sich an das hält, was er verspricht. Wer Vertrauen erfährt und sich des Vertrauens anderer würdig erweist, wird sich auch selbst vertrauen können. Wem vertraut wird, der hat allen Grund, sich etwas zuzutrauen.

Nur wer Vertrauen erfährt, wem andere vertrauen und wer sich selbst vertraut, ist auch bereit, sich verletzlich zu zeigen. Umgekehrt gilt: Je öfter jemand hintergangen und sein Vertrauen missbraucht wird, umso verschlossener wird er, umso mehr kapselt er sich ab und zieht er sich zurück.

Wie sehr der Mensch ein Vertrauender ist, zeigt sich am Urvertrauen des Säuglings. Ein Säugling ist wie eine „Tabula rasa“ – eine unbeschriebene Tafel des Misstrauens. In ihm ist keine Falschheit, kein Zorn, keine Hinterlist. Er vertraut blind. So wie das Leben ist ihm das Vertrauen geschenkt – und die Hoffnung, niemals enttäuscht zu werden. Jammerschade, dass dieses Urvertrauen allzu schnell verloren geht.

Gottvertrauen

Nach christlichem Glauben ist der Mensch ein Geschöpf Gottes. Das Vertrauen auf Gott ist die Prämisse menschlichen Vertrauens. Gott enttäuscht nie, man kann auf ihn bedingungslos und grenzenlos vertrauen. Das Urvertrauen ist dem Menschen in die Wiege gelegt so wie es auch über den Tod hinaus weist.

Beweisen lässt sich das alles nicht. Was vorher war und was nachher kommt, liegt im Dunkeln. Hoffen wieder alle Hoffnung, Vertrauen wieder allen Missvertrauens: Das ist die Botschaft des Apostels Paulus im Römerbrief. In Kapitel 4, Vers 17 spricht er von Abraham, dem Stammvater Israels, der Gott wider aller Logik und Erfahrung vertraut: „Und Abraham vertraute dem Gott, der die Toten lebendig macht und der aus dem Nichts ins Leben ruft.“

Vertrauen ist Ausdruck von Stärke, Glaube und Hoffnung. Wer wie Abraham auf den vertraut, der aus dem Nichts ins Leben ruft, kann auch darauf vertrauen, dass er niemanden zurück ins Nichts fallen lässt.

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