Das Jahr 2050: In welcher Welt werden unsere Kinder leben? Foto: Oksana Bratanova/Fotolia

Wie wird die religiöse Landkarte Deutschlands aussehen? Welche Bedeutung werden Glaube und Unglaube haben? Kehren die Götter zurück oder siechen die Religionen dahin? Um diese und andere Fragen geht es in unserer 15-teiligen Serie „Religion und Glaube 2050“.

Stuttgart - Deutschland im Jahr 2050: Ein politisch gespaltenes Land, das seine besten Zeiten hinter sich hat? Gesellschaftlich zerrissen, demografisch überaltert, wirtschaftlich im Abwärtstrend? Oder wird die Zukunft ganz anders aussehen? Stabile soziopolitische Verhältnisse, eine prosperierende Wirtschaft – auch dank der gelungenen Integration Hunderttausender Flüchtlinge, ökologische Wende, sozialer Frieden?

Deutschlands religiöse Landkarte

Fragen, die viele Zeitgenossen in diesen unruhigen, ungewissen Zeiten umtreiben. In dieser Online-Serie im Kirchen-Blog der STUTTGARTER NACHRICHTEN soll es um ein weiterführendes Thema: die Zukunft der Religionen, Kirchen und des Glaubens in Deutschland.

Wir wollen Sie mitnehmen auf eine Reise in die Mitte des 21. Jahrhunderts – die Gegenwart immer fest im Blick. Welche Prognosen und Trends gibt es? Wie wird die religiöse Landkarte Deutschlands aussehen? Welche spirituellen Trends sind auszumachen? Welche Bedeutung werden Glaube und Unglaube in der Zukunft haben? Kehren die Götter zurück oder schmilzt die Religiosität dahin?

b>Religion, Glaube, Spiritualität

Was ist Religion?

Religion (das Wort stammt vom Lateinischen „religio“ – gewissenhafte Berücksichtigung, Sorgfalt) beruht auf dem Glauben an überirdische, übernatürliche oder übersinnliche Mächte sowie der kultischen Verehrung heiliger Objekte.

Der religiöse Mensch lebt in der Ehrfurcht vor der rätselhaften Ordnung und Vielfalt in der Welt, hinter der er einen göttlichen Urgrund, eine schöpferische Macht wähnt. Er glaubt an eine übernatürliche, die vergängliche Welt übersteigende Wirklichkeit. In diesem Glauben transzendiert (das Wort Transzendenz kommt vom Lateinischen „transcendentia“ – das Übersteigen) er die endliche Erfahrungswelt auf deren göttlichen Grund hin.

Wann die ersten Religionen entstanden sind, ist unter Anthropologen, Ethnologen und Religionswissenschaftlern umstritten. Möglicherweise kam der Glaube schon vor mehreren Hunderttausend Jahren in die Welt. Nicht in Gestalt steinerner Gesetzestafeln oder heiliger Bücher, sondern im Zuge eines sich langsam entwickelnden Totenkultes.

Bestattungsrituale bildeten die Anfänge des Glaubens – und bilden bis heute seinen Kern. Begräbnisriten versinnbildlichen den Übergang vom Diesseits ins Jenseits. Religiöse Zeremonien dienen dazu, die Glaubensbotschaft erlebbar und greifbar und zu machen und sie an andere weiterzugeben.

Was heißt Glauben?

Der Glaube ist eine Grundhaltung des Vertrauens, die dem Menschen in die Wiege gelegt ist. Schätzungsweise 100 000 Religionen hat es im Laufe der Menschheitsgeschichte gegeben. Um zu glauben, bedarf es nicht explizite einer Religion, Andacht oder eines Kultes. Wer ein Weltbild hat, für das es sich zu leben lohnt, ist bereits ein Glaubender. Man kann an die Existenz außerirdischer Intelligenz genauso glauben wie an die Magie der Zahlen oder an die Macht der Vernunft.

Religion kommt dann ins Spiel, wenn es einen Bezug zum Transzendenten gibt –also etwas, was die empirisch wahrnehmbare Welt übersteigt. Der Glaubende fühlt sich mit einer höheren Macht verbunden, die sich ihm aus einer jenseitigen Wirklichkeit mitteilt.

Gibt es auch einen atheistischen Glauben? Eine Spiritualität ohne Gott und Transzendenzbezug? Ja. Grundlegende ethische Werte wie Menschlichkeit, Nächstenliebe und Mitgefühl können die Basis einer Spiritualität sein, die Gläubige, Agnostiker und Atheisten gleichermaßen verbindet und eint. Der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der tibetischen Buddhisten propagiert seit Jahrzehnten diesen Weg des Mitgefühls und der Nächstenliebe.

Psychologisch betrachtet hat der Glaube ein enormes Sinnpotenzial: Er hilft äußere und innere Ereignisse besser zu verarbeiten. In Glaubenserfahrungen liegen machtvolle therapeutische Ressourcen. Auch wenn der Glaube kein Garant für ein gelingendes und langes Leben sei, setze ein positiver Glaube doch Kräfte frei, die „über eine Placebo-Wirkung hinausgehen“, sagt der evangelische Religionspsychologe Michael Utsch.

Dass eine strengreligiöse, moralisierende Erziehung zu Neurosen führen kann, ist nicht erst seit Sigmund Freud (1856–1939), dem Begründer der Psychoanalyse, bekannt. Aus der spirituellen Ressource kann eine psychosomatische Hypothek werden. „Nur diejenige Glaubenshaltung ist gesundheitsförderlich, die sich aus einer positiven und herzlichen Gottesbeziehung entwickelt“, so Utsch.

Dass eine strengreligiöse, moralisierende Erziehung zu Neurosen führen kann, ist nicht erst seit Sigmund Freud (1856–1939), dem Begründer der Psychoanalyse, bekannt. Aus der spirituellen Ressource kann eine psychosomatische Hypothek werden. „Nur diejenige Glaubenshaltung ist gesundheitsförderlich, die sich aus einer positiven und herzlichen Gottesbeziehung entwickelt“, so Utsch.

Was ist Spiritualität?

Spiritualität (von lateinisch „spiritus“ - Geist, Hauch) bedeutet so viel wie Geistigkeit und Geistbeseeltheit. Sie ist eine Haltung und Lebenseinstellung, bei der man auf eine geistig-geistliche Sphäre ausgerichtet ist. Spiritualität ist die bewusste Hinwendung und aktive Praxis einer als richtig erkannten Religion oder Philosophie.

Wird der Begriff expressis verbis religiös gebraucht, steht er für eine geistig-geistliche - dass heißt spirituelle - Verbindung zum Transzendenten: der Unendlichkeit, dem Jenseits, Nirwana, Paradies oder Himmel. Spiritualität drückt sich auf vielfältige Weise aus: in Gebet und Meditation, Erkenntnis und Weisheit, Mitgefühl und Nächstenliebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit.

Unsere Serie: Religion und Glaube 2050

Teil 1: Trend 2050 – Religion, Glaube, Spiritualität

Teil 2: Trend 2050 – Globaler Glaube und Unglaube

Teil 3: Trend 2050 – Der Glaube der Ungläubigen

Teil 4: Trend 2050 – Säkularisierter Glaube

Teil 5: Trend 2050 – Individualisierter Glaube

Teil 6: Trend 2050 – Kirchlicher Glaube

Teil 7: Trend 2050 – Karitativ-diakonischer Glaube

Teil 8: Trend 2050 – Patchwork-Religiosität

Teil 9: Trend 2050 – Pseudo-religiöse Konsumtrends

Teil 10: Trend 2050 – Sanfter Glaube

Teil 11: Trend 2050 – Auf Sinnsuche bei Glaubenden

Teil 12: Trend 2050 – Fundamentalistischer Glaube

Teil 13: Trend 2050 – Fernöstliche Erleuchtung

Teil 14: Trend 2050 – Muslimische Parallelwelten

Abschluss: Religion und Glaube 2050 in 14 Thesen

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