Straßenschild am Ulmer Münster: Religion und Glaube werden zur Dauerbaustelle. Foto: dpa

Wie wird die religiöse Landkarte Deutschlands aussehen? Welche Bedeutung werden Glaube und Unglaube haben? Kehren die Götter zurück oder siechen die Religionen dahin? Um diese und andere Fragen geht es in unserer 15-teiligen Serie „Religion und Glaube 2050“.

Stuttgart - Das Wort Säkularisierung leitet sich ab vom lateinischen Begriff „Saeculum“ - Zeit, Zeitalter. Säkularisierung meint die Verweltlichung der Welt, die Abkehr vom Glauben an ein Jenseits und Lockerung religiöser Bindungen. In Deutschland sind der soziale Bedeutungsverlust der Religion und die schleichende Entchristlichung und Entkirchlichung seit Mitte der 1960er Jahre unverkennbar.

Ist die beste Zeit der Kirchen vorbei?

Die christlichen Kirchen hatten ihre beste Zeit in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) und des Wiederaufbaus. Die Gotteshäuser waren voll, das Wort der Pfarrer hatte Gewicht, die Menschen erhofften sich von ihnen karitative Hilfe und geistige Orientierung. 1960 war mit durchschnittlich fast zwölf Millionen Katholiken, die Sonntags die Messe besuchten, statistisch gesehen der Höhepunkt erreicht (Protestanten gehen traditionell sehr viel seltener zum Gottesdienst). Danach ging es kontinuierlich bergab. 2014 waren es nur noch 2,6 Millionen katholische Gläubige, die die Sonntagsmesse feierten. Und es werden immer weniger. 2050 voraussichtlich zwischen einer und 1,5 Millionen – vorausgesetzt der Trend hält an.

Damit einher geht eine schleichende Entchristlichung der Gesellschaft. Das Modell der Volkskirche verliert rapide an Akzeptanz und Vitalität – wenn es nicht schon längst überholt ist. Die Kirchenbindung erodiert, das Glaubensleben erlahmt, das christliche Profil verblasst. 2014 erreichten die Kirchenaustrittszahlen einen neuen Rekordstand: 217 716 Menschen kehrten der katholischen Kirche den Rücken. So viele wie noch nie zuvor in einem Jahr. Bei den Protestanten sieht es noch düsterer aus.

Säkularisierung – ein komplexer Prozess

Detlef Pollack Foto: dpa

„Die empirische Evidenz, die für die Gültigkeit der Säkularisierungsthese spricht, ist überwältigend“, erklärt der Religions- und Kultursoziologe Detlef Pollack. Ganz so einfach wie viele Experten mutmaßten sei es aber nicht mit der Verweltlichung der Gesellschaft, erklärt Pollack, der als Professor am Institut für Soziologie der Universität Münster lehrt.

Die gängigen Säkularisierungs- und Modernisierungstheorien, wonach Religion und Glaube in der Moderne mit naturgesetzlicher Sicherheit zum Aussterben verurteilt seien, hätten sich als falsch erwiesen. Wachsender Wohlstand, religiöser und weltanschaulicher Pluralismus, offene Gesellschaft und demokratische Entwicklung führten nicht automatisch zu einer religiösen Individualisierung und Entzauberung der Kirchen. Lineare Erklärungsversuche, die einen kontinuierlichen Bedeutungsverlust postulieren, sind Pollack zufolge zu eindimensional, deterministisch und fortschrittsgläubig.

Gleichzeitigkeit und Nebeneinander

Der religiöse Wandel in pluralistischen Gesellschaften lasse sich nicht mit Hilfe eines einzigen Mottos oder Theorems beschreiben, erläutert der evangelische Theologe Reinhard Hempelmann, Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. „Bezeichnend ist vielmehr die Gleichzeitigkeit, das Nebeneinander gegenläufiger Entwicklungen: Religionsdistanz und Wiederkehr der Religion, Relativierung und Fundamentalisierung religiöser Wahrheiten, Individualisierung und neue Gemeinschaftsbildung“.

Unsere Serie: Religion und Glaube 2050

Teil 1: Trend 2050 – Religion, Glaube, Spiritualität

Teil 2: Trend 2050 – Globaler Glaube und Unglaube

Teil 3: Trend 2050 – Der Glaube der Ungläubigen

Teil 4: Trend 2050 – Säkularisierter Glaube

Teil 5: Trend 2050 – Individualisierter Glaube

Teil 6: Trend 2050 – Kirchlicher Glaube

Teil 7: Trend 2050 – Karitativ-diakonischer Glaube

Teil 8: Trend 2050 – Patchwork-Religiosität

Teil 9: Trend 2050 – Pseudo-religiöse Konsumtrends

Teil 10: Trend 2050 – Sanfter Glaube

Teil 11: Trend 2050 – Auf Sinnsuche bei Glaubenden

Teil 12: Trend 2050 – Fundamentalistischer Glaube

Teil 13: Trend 2050 – Fernöstliche Erleuchtung

Teil 14: Trend 2050 – Muslimische Parallelwelten

Abschluss: Religion und Glaube 2050 in 14 Thesen

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