Helmut Deutsch am Spieltisch: Der Orgelprofessor ist von dem Potenzial des Instruments hellauf begeistert. Foto: Hans Jörg Wangner

Eine „Reger-Orgel“, auf der man seit Jahrzehnten gar keinen Reger mehr spielen kann: die Kirche in Stuttgart-Gaisburg besitzt ein überaus wertvolles Instrument, das aber restauriert werden muss. Ein Verein hat sich dieser Mammutaufgabe angenommen.

S-Ost - Wenn Helmut Deutsch von der Orgel in der Gaisburger Kirche spricht, dann kommt er aus dem Schwärmen so schnell nicht wieder heraus. „Das ist eine echte Raumklang-Orgel“, sagt Deutsch, Professor an der Stuttgarter Musikhochschule. „Wie in einem warmen Bademantel“ säßen die Zuhörer in dem Jugendstilbau, der dank seinem Erbauer Martin Elsaesser nicht nur ein außergewöhnlich stimmungsvolles Interieur, sondern auch eine fabelhafte Akustik hat. Das 1913 von dem Echterdinger Friedrich Weigle gebaute dreiteilige Instrument, sagt Deutsch, sei auf Breite angelegt, füllig und niemals schreiend: „Es ist gedacht wie ein spätromantisches Sinfonieorchester.“

Ein Gesamtkunstwerk allerdings, von dem in den 1970er und -80er Jahren 30 Prozent gekappt und ausgetauscht wurden. Und genau das ist das Problem: Der Originalklang ging verloren, kein Mensch weiß, was aus den ausgebauten Registern wurde, einen Teil der neuen Pfeifen bezeichnet Deutsch als „Schreihälse“. Abhilfe soll der Verein Orep schaffen, dessen Vorsitzender Deutsch ist. Das Kürzel steht für „Orgelrenovierungsprojekt“, neben Deutsch bilden der Rechtsanwalt Karsten Meurer und die Wirtschaftsprüferin Gerda Sattlegger den hochkarätig besetzten Vorstand.

Knapp eine halbe Million Euro Gesamtkosten

Der heute 62-köpfige Verein geht auf eine Initiative von Jörg Halubek zurück, damals Organist an der Gaisburger Kirche und heute, wie Deutsch, Professor an der Stuttgarter Musikhochschule. Einen ersten großen Erfolg verbuchte Orep mit der Restaurierung des Echowerks auf der Empore, das am 2. Mai 2015 eingeweiht wurde. 80 000 Euro hat das gekostet, aber bis die beiden Werke rechts und links des Chors ebenfalls wieder original klingen, wird nicht nur „viel Wasser den Neckar runterfließen“ (Deutsch), sondern es muss noch eine ganze Menge Geld zusammenkommen: „Wenn wir das machen, dann richtig – da muss ein Meister ran!“ Auf eine knappe halbe Million Euro schätzt der Professor die Gesamtkosten, im Moment sind etwa 30 000 Euro in der Kasse.

Am Spieltisch links neben dem Chor – auch er stammt aus den 1970er Jahren, das Jugendstil-Original auf der Empore wurde damals rausgerissen – verdeutlicht Deutsch, wie das zu verstehen ist mit dem spätromantischen Wohl- und dem neobarocken Missklang: Register für Register zieht er, ausgehend vom dritten Manual, das das Echowerk bedient. Flauto amabile, Aeoline oder Vox coelestis heißen die Register mit dem samtweichen Timbre – schon die Namen verraten viel über ihren Klang.

In jeder Hinsicht unbefriedigender Kompromiss

Doch im ersten und zweiten Manual sieht das anders aus: Hier sind es vor allem Mixtur, Larigot und Streichmixtur, die mit ihrer schrillen Schärfe alles überdecken. Man habe damals gesagt, dass man auf dem Instrument auch Bach spielen müsse, erzählt Deutsch – herausgekommen ist ein in jeder Hinsicht unbefriedigender Kompromiss.

Deutsch und seine Mitstreiter setzen nun auf möglichst viele Spender und Sponsoren – und auf Paten, die für einzelne, aber auch für ganze Register bezahlen können. Auf dass die Orgel eines Tages wieder den Namen tragen kann, den der schwäbische Tüftler Friedrich Weigle ihr 1913 gab: Reger-Orgel.

Denn ausgerechnet die ausladenden Kompositionen des oberpfälzischen Genies Max Reger (1873 – 1916) können Stand jetzt mangels Klangvolumen gar nicht aufgeführt werden. Auch bräuchte man für sie die sogenannte Walze, einen Mechanismus, mit dem sich nach und nach alle Register zuschalten lassen. Doch weil dann auch die Schreihälse zum Ton kommen, werden Organisten und Publikum auf Meisterwerke wie die großen Fantasien über „B-A-C-H“ und „Morgenstern“ noch lange verzichten müssen. Ein Grund mehr für alle Musikfreunde, schnell und viel zu spenden.

Benefizkonzert am 17. Mai

Am Freitag, 17. Mai 2019, geben Studenten und Dozenten des Studio Alte Musik der Stuttgarter Musikhochschule ein Benefizkonzert zugunsten der Weigle-Orgel. Auf dem Programm stehen Werke von Bach bis Beethoven. Die Nacht der Alten Musik hat in der Gaisburger Kirche schon eine gewisse Tradition. Das Besondere dieses Konzertformates ist, dass Studenten und Lehrende miteinander musizieren. Das Studio Alte Musik verbindet dabei die Studenten der verschiedenen Fächer wie Geige, Posaune oder Orgel miteinander – das bindende Glied ist die Beschäftigung mit der historisch informierten Aufführungspraxis und der Klang und die Spielweise historischer Instrumente oder entsprechender Kopien. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. In den Pausen werden Imbiss und Orgelwein zum Verkauf angeboten. Beginn ist um 19 Uhr (und nicht, wie auf manchen Flyern versehentlich vermerkt, um 17 Uhr).

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