Sascha Sharma (links) ist wohl der härteste Fachjournalist für Videospiele in der ganzen Region – und wehrt gerade einen Angriff von Till Kinne mit der Schulter ab. Foto: Horst Rudel

Die Kampfsportart Mixed Martial Arts hat aufgrund ihres dünnen Regelbuchs mit dem Vorurteil zu kämpfen, barbarisch zu sein. Doch tumbe Schläger ohne Hirn sind die meisten der harten Burschen nicht.

Stuttgart/Fellbach - Michael Schmidt ist Forstwirtschaftsmeister, Till Kinne Lebensmitteltechnologiestudent an der Uni Hohenheim, und Sascha Sharma ist freier Journalist und arbeitet für eine Webseite über Computerspiele als „Gaming-Redakteur“, wie er sagt. Wer jetzt denkt, das Trio träfe sich zum Brettspielabend, irrt sich gewaltig. Denn wo Schmidt, Kinne und Sharma sich heute verabredet haben, fliegen die Fäuste: Im Kong-Gym in Fellbach trainieren sie Mixed Martial Arts, kurz MMA – eine der härtesten Kampfsportarten überhaupt.

Das dünne Regelbuch bei MMA, das Schläge, Tritte, Ringen, Bodenkampf, Hebelgriffe und in manchen Ländern auch Angriffe mit dem Ellenbogen erlaubt, trägt dazu bei, dass die Kampfsportart etlichen Vorurteilen ausgesetzt ist. Der Argwohn gegen die Kämpfe ging so weit, dass bis 2014 ein Sendeverbot von MMA-Wettkämpfen im deutschen Fernsehen galt. Manche gingen noch weiter: Peter Danckert (SPD), ehemaliger Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, verglich MMA mit „Gladiatorenkämpfen im alten Rom zu Zeiten der Christenverfolgung“. Man müsse darüber nachdenken, den Sport zu verbieten.

MMA läuft wieder im Free-TV

Das Gegenteil ist passiert, die Akzeptanz für MMA ist seitdem stetig gewachsen. Am Samstag, 24. September, kämpfen eine ganze Reihe MMA-Kampfsportler auch in Stuttgart. Bei der Veranstaltung „We love MMA“ in der Carl-Benz-Arena werden etwa 1200 Besucher erwartet, Karten soll es nur noch wenige an der Abendkasse geben. Und am 3. September wurde erstmals seit dem Sendeverbot ein Kampf der UFC, der professionellsten MMA-Liga in den USA, im Free-TV bei 7 Maxx übertragen.

Einer, der in der Carl-Benz-Arena seinen allerersten Kampf außerhalb des Trainings bestreitet, ist Forstwirt Schmidt. Auch wenn der 32-Jährige, der ursprünglich aus dem Brazilian Jiu-Jitsu kommt, das aus dem japanischen Judo entstanden ist, noch verhältnismäßig wenige Erfahrungen mit MMA hat: Sein Gegner möchte man lieber nicht sein. Schmidt ist 1,89 Meter groß, bringt 98 Kilo Kampfgewicht auf die Waage und hat Pranken, mit denen er vermutlich Bäume abknicken kann als wären sie Streichhölzer.

„Gameplan“ statt niederwalzen

Schmidt sitzt im Kampfsportstudio auf einer Couch, neben ihm ein Teddybär. Wenn er ruhig, besonnen und in breitem Schwäbisch spricht, wirkt der Hüne überhaupt nicht mehr so einschüchternd. Seinen ersten Kampf nimmt er ernst, sehr ernst. Und anstatt darüber zu reden, wie er seinen Gegner womöglich niederwalzt, spricht Schmidt über einen „Gameplan“, einen Spielplan. Sehr taktisch – wie er seine Schwächen beim Schlagen minimieren kann und seine Stärken im Bodenkampf voll ausspielen will. Wie jemand, der sich auf eine zünftige Prügelei freut, klingt Schmidt jedenfalls nicht.

Der Student Till Kinne und der Computerspielexperte Sascha Sharma sind zwar jeweils nur halb so voluminös wie Schmid, sie haben aber deutlich mehr Wettkampferfahrung als der sanfte Riese. Die beiden Leichtgewichte haben im August in ihren Gewichtsklassen bei einem Turnier des russischen MMA-Verbands M1 teilgenommen und gewannen Sponsorenverträge in Höhe von jeweils 40 000 Euro.

Die Kämpfer seien keine Straßenschläger

Kinne ist 24 Jahre alt. „Viele denken, MMA-Kämpfer seien alle Straßenschläger“, sagt er. Wie ein Schlägertyp sieht Kinne in der Tat nicht aus. Eher wie ein ganz normaler Student, mit feinen Gesichtszügen. Aber nicht nur er ist sich bewusst, dass der Sport trotzdem hart ist: „Meiner Mutter gefällt es nicht so gut, dass ich das mache.“

Das Training beginnt. Hip-Hop dröhnt aus den Boxen. Kinne und Sharma machen die Übungen vor. Es geht darum, den Gegner im Bodenkampf mit dem Knie so zu fixieren, dass man ihm möglichst viele Schläge im Gesicht platzieren kann. Natürlich hauen die Kämpfer im Training nicht richtig zu. Im Wettkampf ist das anders. Sharma hat sich bei seinem Turniersieg eine Beinverletzung zugezogen. Trotzdem macht er bei allen Übungen mit, ja, zeigt den anderen sogar manches. „Manchmal erkläre ich die Krafteinteilung anhand von Energiebalken, wie es sie in manchen Computerspielen gibt“, sagt Sharma. Da spielt der Branchenjournalist übrigens am liebsten Prügelspiele – wie etwa „Mortal Combat“. Seit er drei Jahre alt ist, „zockt“ der 29-Jährige Videospiele.

In Fellbach trainieren 100 Athleten

Im Kong-Gym in Fellbach trainieren etwa 100 Kämpfer. Oliver Maier, der Betreiber des Studios, übrigens ein Softwareberater, hat die Räume vor eineinhalb Jahren eröffnet. Seitdem hat die Zahl der MMA-Schüler stetig zugenommen. „Es entwickelt sich zum Trend“, sagt der 44-Jährige, der eigentlich vom Thaiboxen kommt.

Fans aus allen Schichten

Die wachsende Beliebtheit ist wohl kaum zu bestreiten. Eine Erklärung, warum der harte Sport unter Arbeitern und Akademikern gleichermaßen angesagt ist, fällt aber schwer. Alexandra Stosic aus dem Stuttgarter Süden ist glühender Fan, hat selbst mit Kampfsport – außer ein wenig Judo in der Kindheit – wenig zu tun. „Mein Onkel war erfolgreicher Judoka, und ich habe mit meinem Vater häufig Boxen geguckt“, sagt die 30-jährige Lehrerin, „außerdem mochte ich als Kind chinesische Kampffilme.“

Dass Kritiker den Sport als barbarisch bezeichnen, kann sie überhaupt nicht nachvollziehen. „MMA ist vielseitiger als andere Kampfsportarten“, sagt Alexandra Stosic, „es gibt klare Regeln.“ Auch dass die Kämpfer tumbe Schläger seien, hält sie – wie der Student Kinne – für ein Vorurteil: „Ich kenne welche, die haben Physik studiert.“

Studiert, nicht studiert – im Ring spielt das für Wettkämpfer bei Mixed Martial Arts eine untergeordnete Rolle, wenn sie herausfinden wollen, welche Kampfsportart die beste für sie ist.

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