Ein philippinisches Kind, das an Masern leidet, wird in einem Krankenhaus behandelt. Foto: dpa

Bis vor wenigen Jahren schien es, als ob die Masern ausgerottet werden könnten. Doch vor allem die mangelnde Impfbereitschaft führt dazu, dass das gefährliche Virus auch in Europa wieder auf dem Vormarsch ist. Nach der WHO warnt jetzt auch Unicef vor den Folgen.

Kopenhagen - Das UN-Kinderhilfswerk Unicef schlägt wegen der rasant steigenden Zahl von Masernfällen in einigen Weltregionen Alarm. Allein in den ersten Wochen dieses Jahres hätten sich 24 000 Menschen in der Ukraine mit dem gefährlichen Virus angesteckt und fast 13 000 auf den Philippinen, berichtete die Organisation am Freitag. In Madagaskar steckten sich seit September mehr als 76 000 Menschen mit Masern an.

Weltweit hätten 98 Länder 2018 mehr Fälle verzeichnet als im Jahr davor. Viele Länder hätten Fälle gemeldet, die im Jahr davor masernfrei waren, darunter an erster Stelle Brasilien, wo sich im vergangenen Jahr mehr als 10 000 Menschen mit Masern ansteckten.

2018: 82 000 Masern-Fälle weltweit

2018 haben sich demnach weltweit fast 82 600 Menschen mit Masern angesteckt – 72 Kinder und Erwachsene seien daran gestorben, berichtet die WHO. Sie zählt zu der Region neben der EU auch Russland, die Türkei, Israel und die in Asien liegenden Länder Usbekistan und Aserbaidschan. Mehr als 2000 Fälle meldeten auch Serbien (5076), Israel (2919), Frankreich (2913), Russland (2256), Italien (2517), Georgien (2203) und Griechenland (2193).

Besorgniserregende Lage in der Ukraine

Besonders eklatant stiegen die Zahlen nach Unicef-Angaben im vergangenen Jahr in der Ukraine mit 30 000 neuen Fällen. Auch in Frankreich habe es 2018 rund 2000 neue Fälle gegeben. In Deutschland war die Entwicklung umgekehrt: Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) ging die Zahl der gemeldeten Fälle von 929 Fällen 2017 auf 543 Fälle im vergangenen Jahr zurück.

„Dies ist ein Weckruf“, sagte Unicef-Exekutivdirektorin Henrietta Fore. Fast alle Ansteckungen seien vermeidbar. „Es gibt einen sicheren, effektiven und billigen Impfstoff gegen diese hochansteckende Krankheit. Durch die Impfung sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten jedes Jahr eine Million Leben gerettet worden.“

WHO ruft zum Impfen auf

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat auf die steigenden Zahlen aufmerksam gemacht und neue Impfkampagnen gestartet.

Laut WHO haben sich mit Masern 2018 in der Region Europa so viele Menschen angesteckt wie seit zehn Jahren nicht mehr. Die Zahl der Fälle stieg innerhalb eines Jahres auf das Dreifache, berichtete das WHO-Büro Europa in Kopenhagen. Verglichen mit 2016 hätten sich sogar 15-mal so viele Menschen angesteckt. 2016 war ein Niedrigrekord bei den Ansteckungen verzeichnet worden.

WHO will Masern weltweit eliminieren

Zwar seien in der Region im vergangenen Jahr gleichzeitig auch so viele Menschen gegen Maserngeimpft worden wie nie zuvor. Aber es reiche noch nicht, sagte die Direktorin des Regionalbüros, Zsuzsanna Jakab. „Wir müssen mehr tun und unsere Sache besser machen, um jede einzelne Person vor Krankheiten zu schützen, die leicht vermieden werden können.“ Das Virus kann das Gehirn befallen und ist deshalb lebensgefährlich. Die WHO will die Masern weltweit eliminieren.

Mangelnde Impfbereitschaft zählt laut der Weltgesundheitsorganisation WHO zu den gegenwärtig größten Gesundheitsrisiken der Welt. Sie drohe die Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten zunichte zu machen, die durch Impfen vermeidbar sind.

Masern-Impfung schützt Leben

Bis vor etwa einem halben Jahrhundert waren Masern in fast der gesamten Welt verbreitet, die Zahl der Krankheitsfälle war also relativ gleichbleibend hoch, schreiben die Forscher um Bartosz Lisowski vom Jagiellonian University Medical College in Krakau. Mit der Einführung der Masern-Impfung – in den 1960er und 1970er Jahre in der westlichen Welt und seit 2000 in vielen Entwicklungsländern – sei die Zahl der Erkrankungen erheblich gesunken.

Ausrottung der Masern ist heute in weiter ferne

Noch 1980 starben 2,6 Millionen Menschen an der Viruskrankheit, 2011 waren es weniger als 90 000. Zwischenzeitlich schien sogar die Ausrottung der Masern möglich. Heute sei dieses Ziel in weite Ferne gerückt, so die Forscher.

Ein Grund: In vielen europäischen Ländern liege der Anteil geimpfter Kinder heute unter 95 Prozent – die Rate, die für nötig erachtet wird, um eine Ausbreitung der Viren in einer Gruppe zu stoppen. Das liege zum einen an der wachsenden Zahl von Menschen, die Impfungen für überflüssig oder sogar gesundheitsschädlich hielten. Zum anderen führten Kriege oder Flüchtlingsbewegungen dazu, dass Kinder nicht wie vorhergesehen geimpft werden.

Lebensgefährliche Viren

Die Erkrankung, die vor allem bei Kindern auftritt, ruft neben den typischen roten Hautflecken (Masern-Exanthem) Fieber und einen erheblich geschwächten Allgemeinzustand hervor. Zudem können Lungen- und Hirnentzündungen auftreten.

Masern-Viren sind hoch ansteckend. So verbreitet sich das Virus von der Luftröhre aus. Vom typischen Masern-Husten werden die winzigen Partikel in die Umgebung geschleudert und von den Umstehenden eingeatmet. Mit Hilfe eines bestimmten Rezeptors infizieren die Viren die Zellen in den Atemwegen. Diese virusbeladenen Zellen wandern über die Lymphknoten in die Organe, wo sie sich vermehren.

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