Erdbeeren im Winter gibt es schon lange. Jetzt kommt der Kamin für den Sommer. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Stuttgart - In der Debatte über die Luftqualität in Stuttgart ist häufig von sogenannten Komfortkaminen die Rede. Wer fernab der schwäbischen Feinstaub-Metropole wohnt, stellt sich darunter womöglich einen Kamin vor, der dank automatischer Holzzufuhr besonders komfortabel zu bedienen ist. Als weitere Optionen bietet der Komfortkamin-Konfigurator einen vegetabil gegerbten Lederbezug von artgerecht gehaltenen Rindern oder ein integriertes Audiosystem von Bang & Olufsen. Blödsinn. In Wirklichkeit geht es natürlich um Kamine, die nicht zum Heizen gebraucht werden, weil es im Haus noch eine andere Wärmequelle gibt.

Das mit dem Brauchen ist aber relativ. Eigentlich braucht zum Beispiel niemand eine Uhr für 10 000 Euro oder einen Sportwagen für 200 000 Euro, der im Stau kein bisschen schneller ist als ein Dacia für 10 000 Euro. Trotzdem erfreuen sich Luxusprodukte, deren Nutzen in keiner vernünftigen Relation zum Preis steht, einer regen Nachfrage. Zum Glück, sagen Wirtschaftsvertreter. Denn wenn jeder nur noch das kaufen würde, was er unbedingt braucht, wäre ein Großteil der Industrieproduktion so überflüssig wie ein Komfortkamin bei Feinstaubalarm in Stuttgart. Die Konjunktur würde abstürzen wie die Beliebtheitswerte der SPD.

Faszinierendes Flammenspiel

Wo wir gerade über unnötige Produkte reden: Ein niedersächsischer Hersteller wirbt in einer Pressemitteilung für ein „Hybrid-Kaminfeuer“, das seinem Besitzer zu jeder Jahreszeit ein „faszinierendes Flammenspiel“ bieten soll – sowohl im Winter als auch im Hochsommer bei 35 bis 40 Grad Celsius.

Das sind genau die Temperaturen, bei denen man sich auf die Ofenbank setzt und denkt: „Mensch, heute könnte ich doch mal ein kleines Feuerchen im Kamin machen.“ So ähnlich haben sich das zumindest die Marktstrategen des besagten Kaminherstellers gedacht, als sie ihr „innovatives All-Seasons-Konzept“ entwickelten. Wieso sollte man auch im Sommer auf einen Ofen verzichten? Schließlich gibt es auch das ganze Jahr über frische Erdbeeren im Supermarkt.

Im Winter ist so ein Hybrid-Kamin ja vielleicht ganz nett – und weil er mit Gas betrieben wird, emittiert er fast keinen Feinstaub. Im Inneren befinden sich nach­gebildete Holzscheite, die von wärmenden Gasflammen umzüngelt werden. Im Sommer erzeugen stattdessen LED-Lampen den Eindruck eines brennenden Feuers. Sowohl das Gasfeuer als auch die LED-Variante lassen sich selbstredend mithilfe einer Smartphone-App regulieren. Sollten sich derartige Kamine durchsetzen, könnte sich das auch auf den Umgang mit den im Sommer beliebten Lagerfeuern auswirken. Schon in wenigen Jahren werden passionierte Smartphone-Nutzer vor den Feuerstellen sitzen und sich wundern, dass das blöde Feuer nicht auf ihre Befehle reagiert – und sie irgendwann ganz analog Holz herbeischleppen müssen.

So tun als ob passt in die Zeit

Ein Holzfeuer, das nur so tut, als wäre es eines, passt perfekt in die heutige Zeit. Auch viele Chemiekonzerne und Autohersteller tun nur so, als würden sie sich brennend für das Thema Umweltschutz interessieren. Politiker, die bisher alle Anstrengungen zur Minderung der Kohlendioxid-Emissionen blockiert haben, tun plötzlich so, als hätten sie den Klimaschutz erfunden. Vielleicht fallen manche Leute tatsächlich auf diese Art von Öko-Mimikry herein. Aber Greenwashing ist selbst bei der Verwendung eines Ökowaschmittels keine erfolgversprechende Strategie, um die Erderwärmung in erträglichen Grenzen zu halten. Auch ein Komfort-Hybridkamin mit einem Fake-Feuer aus LED-Lämpchen hilft am Ende nicht gegen das drohende Klima-Feg(e)feuer.

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