Julia Behnke ist auf dem Sprung – nach Russland. Foto: dpa

Handballerin Julia Behnke bestreitet beim Olymp Final 4 im Pokal am Samstag und Sonntag in Stuttgart ihre letzten Spiele für die Tus Metzingen. Danach geht es nach Rostow am Don.

Metzingen - Ein Exportschlager sind deutsche Handballerinnen nicht, bis jetzt jedenfalls. Das könnte sich ändern, der Anfang ist gemacht: Russland ruft! Das ist fast so verlockend wie die NBA für einen Basketballer. Da musste dann auch Julia Behnke nicht allzu lange überlegen, um die Offerte aus Rostow anzunehmen. Das war im Februar, Mitte Juli steigt der Umzug an den Don. Eine Reise ins Ungewisse, denn vor Ort gewesen ist die 26-Jährige noch nie. Doch die Referenzen des Clubs sind groß. Sportlich zählt der Verein zur Creme de la creme in Europa.

Das ist einerseits eine echte Herausforderung, und andererseits auch ein wenig Auszeichnung für die bisherige Laufbahn der Badenerin: Ketsch, Bietigheim, Metzingen – so lauten die Stationen der Kreisläuferin, die am Wochenende beim Olymp Final Four in der Stuttgarter Porsche-Arena ihren Abschied geben wird. Mit dem Pokalsieg? „Das wäre natürlich ein Traum“ – wird aber kein Selbstläufer, schließlich geht es im Halbfinale gegen Vizemeister Thüringer HC, gegen den die TusSies die Generalprobe vor anderthalb Wochen in der Liga deutlich mit 26:36 verloren haben.

Russland als Riesenchance

Aber der Blick geht schon nach vorne – über Stuttgart hinaus. „Wenn ich die Chance nicht genutzt hätte, wäre ich blöd gewesen“, sagt Behnke. Das hängt nicht nur mit einem lukrativen Vertrag zusammen, auch wenn man über Geld nicht spricht („Ich werde mich aber kaum verschlechtern“), sondern auch mit dem sportlichen Reiz bei einem internationalen Top-Club zu spielen, der vor kurzem im Champions-League-Finale den Ungarinnen aus Györ nur mit einem Tor unterlegen war. Vielleicht war es ja gerade ein Treffer von Julia Behnke, der gefehlt hat, wer weiß? Schließlich hat ihre Entwicklung konstant nach oben gezeigt, unvergessen ist die Aussage des Metzinger Managers Ferenc Rott, der bei ihrer Verpflichtung 2014 voller Überzeugung betonte: „Sie wird für Furore sorgen.“

Diese Prognose ist eingetroffen, denn Behnke ist die erste deutsche Spielerin, die es nach Russland geschafft hat. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Die Sprache beherrscht sie bis auf ein paar Brocken nicht, doch in einer Videobotschaft hat sie sich schon mal auf der Homepage des Vereins auf Englisch (mit russischen Untertiteln) kurz vorgestellt. Mit ihrer freundlichen und sympathischen Art dürfte sie am Don gut ankommen, die Bevölkerung hat sich schließlich auch bei der Fußball-WM 2018 weltoffen gezeigt, wie die Teams aus Brasilien oder Mexiko bestätigen können.

Lob vom Konkurrenten

Zwei Brasilianerinnen, eine Niederländerin, eine Ukrainerin haben zuletzt für den internationalen Tuch gesorgt – und jetzt noch Behnke. „Es ist genau der richtige Moment für einen Wechsel“, sagt selbst Trainer Herbert Müller vom Thüringer HC – nicht nur, weil ein Konkurrent dadurch geschwächt wird. Mit 26 ist sie im besten Handball-Alter, wie es so schön heißt. Nachdem sie lange als Industriekauffrau nebenher gearbeitet hat, konnte sie sich bereits in Metzingen die letzten zwei Jahre komplett auf Handball fokussieren – immer noch eine Ausnahme in der deutschen Bundesliga.

Und vielleicht auch mit ein Grund, dass es international für die Clubs bisher nicht zum großen Wurf gereicht hat. „In Russland wird die Sportart vom Staat gefördert“, weiß Behnke und verweist zudem auf die Internate im dortigen Nachwuchsbereich, in denen Talente früh gefördert werden. In Deutschland fehle den Spielerinnen oft der Mut, von zu Hause wegzugehen. Auch wenn es in der Vergangenheit natürlich schon Beispiele gab. Rekordnationalspielerin Grit Jurack oder auch Anja Althaus, bei der sich Behnke zuletzt wegen eher banal klingender Dinge wie einer Auslandskrankenversicherung erkundigt hat, nachdem sie bei Verletzungen nicht mehr von der Berufsgenossenschaft unterstützt wird.

Acht Stunden Flug

Ansonsten lässt sie das Abenteuer Russland einfach auf sich zukommen, ohne den Freund (einen Drittligahandballer) der in Deutschland bleibt, wo er einen guten Job hat. Für das ein oder andere Treffen wird es reichen, auch wenn Rostow 1000 Kilometer südöstlich von Moskau nicht gerade ein Katzensprung ist, acht Stunden muss man schon rechnen. Für eine Strecke. Und auch die Spiele innerhalb der Liga kosten viel Zeit. Nicht nur deshalb sagt der Bundestrainer Henk Groener zu dem Wechsel: „Natürlich freue ich mich darüber, das bringt die Spielerinnen weiter und hilft somit auch uns“, so der Niederländer, „aber auch Julia Behnke muss erst einmal ankommen und den Kulturwechsel bewältigen.“ Wenn die Umstellung klappt, hat sie eine Option für ein weiteres Jahr. Das wäre dann vielleicht der Beginn eines Exportbooms.

Welche deutschen Spielerinnen schon im Ausland waren, zeigt unsere Bildergalerie.

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