Minister Manfred Lucha will Jugendämter besser unterstützen. Foto: dpa

Die Landesregierung will Minderjährige besser vor Gewalt und Vernachlässigung bewahren. Dabei sollen Fortbildungen helfen – und eine bessere Zusammenarbeit von denjenigen, die mit Minderjährigen zu tun haben.

Stuttgart - Vor fast drei Jahren erschütterte der Fall Alessio die Öffentlichkeit. Während eines Klinikaufenthalts seiner Mutter war der Dreijährige von seinem Stiefvater zu Tode geprügelt worden. Auch das Jugendamt geriet in die Kritik. Ein Sozialarbeiter wurde wegen „fahrlässiger Tötung durch Unterlassen“ zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er den nachweislich schwer gefährdeten Jungen in der Familie belassen hatte.

Das Sozialministerium kündigte seinerzeit an, den Schutz von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Nun liegt das neue Kinderschutzkonzept vor. Am Montag haben Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) und Roland Klinger, Direktor des Kommunalverbandes Jugend und Soziales (KVJS), eine Vereinbarung unterzeichnet, die Minderjährige vor Vernachlässigung, Misshandlung und sexuellem Missbrauch bewahren soll. Mit dem neuen Konzept soll erreicht werden, dass alle, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, genauer hinsehen, sich bei Auffälligkeiten recht­zeitig einschalten und miteinander ab­stimmen.

„Auch wenn wir nie hundertprozentige Sicherheit erlangen werden, ist jeder Fall ein Fall zu viel. Deshalb wollen wir die Jugendämter darin unterstützen, ihre Standards und Verfahren kontinuierlich weiterzuentwickeln“, sagte Lucha. Mit der neuen Konzeption könnten die Jugendämter die „hohen Qualitätsstandards“ noch weiter verbessern. Diese hätten bereits signalisiert, „dass sie das Konzept aktiv mitgestalten und umsetzen wollen“. Das Land stellt dafür in den kommenden zwei Jahren jeweils 300 000 Euro zur Verfügung. Es kann den Jugendämtern allerdings keine Anweisungen geben, denn es hat nur die Rechtsaufsicht. Die Fachaufsicht liegt bei denFamiliengerichten.

Fortbildungen für Mitarbeiter

Bei Regionalkonferenzen in Stuttgart und Karlsruhe im November haben sich die Fach- und Leitungskräfte der Jugendämter damit befasst, wo die Probleme liegen und was sich ändern sollte. Eine Arbeitsgruppe aus Praktikern und Wissenschaftlern soll im Lauf des nächsten Jahres Vorschläge machen, wie die Aufgaben umgesetzt werden können. Unter anderem soll ein Frühwarnsystem entwickelt werden. Zudem sollen die Jugendämter ihr Angebot und ihre Abläufe überprüfen und bei Bedarf verbessern, dabei steht ihnen ein wissenschaftliches Expertenteam zur Seite. Außerdem sind umfassende Fortbildungen für die Fachkräfte der Sozialen Dienste geplant. „Das gemeinsam entwickelte Konzept bietet eine gute Grundlage, um die Abläufe und Abstimmungen innerhalb der Jugendämter sowie die Zusammenarbeit mit externen Partnern weiter zu optimieren.“

Dass Hinsehen nötig ist, belegen auch die Zahlen. 2016 wurde nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Baden Württemberg bei 12 133 Kindern und Jugendlichen ein Verfahren zur Gefährdungseinschätzung vorgenommen, das waren 11 Prozent mehr als 2015. Ein solches Verfahren wird eingeleitet, wenn das Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung eines Kindes hat. Mitarbeiter müssen sich dann selbst einen Eindruck von ihm und seiner persönlichen Umgebung verschaffen.

1814 Kinder akut gefährdet

In 1814 Fällen, also bei fast jedem siebten der auffälligen Kinder, wurde eine akute Gefährdung festgestellt. Eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls war bei ihnen bereits eingetreten oder mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten. Weitere 2181 Kinder und Jugendliche (18 Prozent) galten als latent gefährdet – bei ihnen konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob das Kindeswohl gefährdet war oder nicht. Bei 4420 Kindern (36 Prozent) sahen die Jugendamtsmitarbeiter zwar keine Gefährdung, allerdings ein anderweitigen Unterstützungsbedarf. Bei den übrigen 3718 Verfahren (31 Prozent) gab es aus Sicht der Jugenamtmitarbeiter keine Gefährdung und keinen weiteren Hilfebedarf.

Neue Konzepte allein werden nicht reichen. In vielen Jugendämtern fühlen sich Mitarbeiter überfordert. Über zusätzliche Stellen entscheiden die jeweiligen Kreise, die Ausstattung ist sehr unterschiedlich. Nach dem Tod von Alessio sei mancherorts die Bereitschaft gestiegen, mehr für den Kinderschutz zu tun, sagt ein Experte.

Gefordert sind die Jugendämter zunehmend auch durch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. 2015 nahmen die Ämter landesweit 8367 Kinder in Obhut, davon 4912 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus dem Ausland. 2016 waren es 11 714, darunter 7752 junge Flüchtlinge.

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